Machtspiele: Die neue Energieordnung

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Kurz und bündig

  • Energie ist seit jeher untrennbar mit der Geopolitik verbunden. Jede Störung geht mit unmittelbaren wirtschaftlichen Kosten einher, zwingt die Länder aber auch dazu, ihre strategische Autonomie und Versorgungssicherheit zu überdenken.
  • Die geopolitische Energielandkarte verändert sich. Einfluss verlagert sich allmählich weg von traditionellen Ölförderstaaten hin zu Ländern, die die Technologien, Verarbeitungskapazität und Lieferketten kontrollieren, auf die die Energiewende angewiesen ist.
  • Die Welt könnte sich in einem neuen Rohstoff-Haussezyklus befinden, der 2020 seinen Anfang nahm. Getragen von robuster Nachfrage, strukturellen Angebotsengpässen und einer wachsenden Welle globaler Bevorratung, rechtfertigt dies unseres Erachtens eine strategische statt einer taktischen Allokation in Rohstoffe und Sachwerte.

Vom Ölembargo der 1970er Jahre über Europas Abhängigkeit von russischem Gas bis zu den jüngsten Spannungen im Nahen Osten war Energie schon immer untrennbar mit der Geopolitik verbunden. Jede Störung geht mit wirtschaftlichen Kosten einher, in Form von höheren Preisen, Versorgungsunsicherheit und potenziell schwächerem Wachstum. Doch sie zwingt Länder auch dazu, Sicherheit, Widerstandsfähigkeit und strategische Autonomie zu überdenken. Was bedeutet das für die Energiewende?

Die Geschichte könnte einige nützliche Lehren bereithalten. Der Ölpreisschock der 1970er Jahre legte die Anfälligkeit offen, die konzentrierte Versorgungsstrukturen erzeugen. Er führte letztlich zum Aufbau strategischer Erdölreserven, zu Effizienzsteigerungen und zu Diversifizierungsbestrebungen in den entwickelten Volkswirtschaften. Jahrzehnte später rückte Europas Abhängigkeit von russischem Gas die geopolitischen Risiken, die in den Energiemärkten verankert sind, ins Blickfeld. Die heutigen Spannungen rund um Iran und den weiteren Nahen Osten unterstreichen eine ähnliche Botschaft. Abhängigkeiten, die in stabilen Zeiten sinnvoll erscheinen und effizient sein mögen, können in einer fragmentierten, multipolaren Welt schnell zur Belastung werden. Was die heutige Lage unseres Erachtens jedoch auszeichnet, ist das Ausmass der Energiewende, die bereits im Gange ist.

Einige Folgen des Krieges in Iran waren unmittelbar und sichtbar. Die Energiemärkte preisten eine geopolitische Prämie ein, da sowohl physische Unterbrechungen als auch das Eskalationsrisiko die Unsicherheit erhöhten. Die Öl- und Gaspreise reagieren nach wie vor sehr empfindlich auf Versorgungsrisiken, während Regierungen auf Freigaben aus Notreserven und Subventionen zurückgreifen. Die Auswirkungen schlagen sich zudem in der Inflation und den öffentlichen Finanzen nieder. Doch die globalen Reaktionen haben sich gewandelt.

Früher hätte die Antwort auf eine Energiekrise darin bestanden, zusätzliche Öl- und Gasversorgung sicherzustellen. Heute setzt sich zunehmend die Tendenz durch, die Energiewende zu beschleunigen. In den Energiemärkten spielen drei Faktoren eine entscheidende Rolle: Nachhaltigkeit der Energieversorgung, Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit. Der Übergang zu saubereren Energieträgern ist eine stetige, kontinuierliche Entwicklung. Versorgungssicherheit, und damit einhergehend auch Energiesouveränität, ist derzeit besonders aktuell. Verbündete sind möglicherweise nicht mehr so verlässliche Partner wie früher, und eine Energieversorgung rund um die Uhr ist nicht mehr selbstverständlich. Das bedeutet, dass Regierungen die Bezahlbarkeit nun unter einem anderen Gesichtspunkt betrachten: Es geht nicht mehr darum, die günstigste Lösung zu finden, sondern sicherzustellen, dass Energie jederzeit verfügbar ist. Mit anderen Worten betrachten sie die Frage aus einem strategischeren Blickwinkel. Energiesouveränität ist im Kern eine politische Antwort auf die Versorgungssicherheit (und möglicherweise auch die Bezahlbarkeit). Unseres Erachtens ist sie zu einem der zentralen Ziele geworden (Grafik 1), das über zwei Hauptkanäle verfolgt wird. Der erste ist die geografische Diversifikation. Länder suchen nach alternativen Lieferanten, um ihre Abhängigkeit von einer einzigen Region zu verringern. Europas Versuch, seine Abhängigkeit von russischem Gas durch Diversifikation zu verringern, ist ein Beispiel dafür. Diversifikation allein hat jedoch ihre Grenzen, da sie tendenziell eine externe Abhängigkeit durch eine andere ersetzt und das systemische Risiko damit nicht beseitigt. Europa musste diese Lektion dieses Jahr auf die harte Tour lernen: Beim Versuch, russisches Gas zu ersetzen, hatte es am Ende ein geopolitisches Risiko gegen ein anderes eingetauscht, nämlich den Iran. Der zweite (und nach unserer Einschätzung tragfähigere) Weg ist die strategische Autonomie: Investitionen in erneuerbare Energien und Verbesserungen der Energieeffizienz, um die Anfälligkeit gegenüber volatilen globalen Rohstoffmärkten zu verringern. Ziel ist es, grössere Kontrolle über die Systeme zu erlangen, die Energie erzeugen und verteilen, statt bloss Zugang zu Energie zu haben.

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Kontrolle über die Grundbausteine

Der Ausbau erneuerbarer Energien wirkt sich auch auf die Rohstoffe aus, die für die Energiewende benötigt werden. Stromnetze, Speicher, Elektrofahrzeuge (EV) und Wärmepumpen sind nur einige Beispiele für Bereiche, die erhebliche Mengen an Rohstoffen erfordern. Zudem sollte bei allem KI-Hype nicht vergessen werden, dass das Wettrennen um Künstliche Intelligenz (KI) auch ein Wettrennen um Energie ist, der Infrastrukturausbau verschlingt enorme Mengen davon.

Das bedeutet, dass sich die geopolitische Energielandkarte verändert. Einfluss verlagert sich allmählich weg von traditionellen Ölförderstaaten hin zu Ländern, die die Technologien, Verarbeitungskapazität und Lieferketten kontrollieren, auf die die Energiewende angewiesen ist.

Solarmodule benötigen Silizium, Silber und Indium. Windturbinen benötigen Seltene Erden für ihre Permanentmagnete. Batterien für EV benötigen Lithium, Kobalt, Nickel und Mangan. Grossspeicher für Stromnetze erfordern ähnliche Rohstoffe in enormem Umfang. Unseres Erachtens ist der Zugang zu diesen Ressourcen sowie die Fähigkeit zu ihrer Verarbeitung und Herstellung zu einem wachsenden geopolitischen Hebel geworden (Grafik 2).

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China ist derzeit in weiten Teilen der Energiewende führend, insbesondere bei der Lithiumraffination, der Verarbeitung Seltener Erden, der Batterieherstellung und den Solar-Lieferketten. Die jüngsten Exportbeschränkungen für bestimmte kritische Rohstoffe in den Westen zeigen, wie ein konzentriertes Angebot als strategisches Instrument eingesetzt werden kann. Dies spiegelt frühere Formen des energiepolitischen Einflusses wider, wobei die Engpässe heute nicht mehr nur Ölpipelines sind, sondern Rohstoffe, Verarbeitungskapazitäten und hochentwickelte Fertigungskapazitäten.

Deshalb konzentrieren sich Regierungen zunehmend darauf, die gesamte Wertschöpfungskette zu sichern – vom Upstream mit Abbaurechten über das Midstream mit Raffination und Verarbeitung bis hin zum Downstream mit industrieller Fertigung. Der Aufbau von Lieferketten ausserhalb konzentrierter Produktionszentren ist für die USA, Europa und mehrere asiatische Volkswirtschaften zu einem strategischen Ziel geworden. Die Massnahmen umfassen heute Zölle, Exportkontrollen, Produktionssubventionen und den Aufbau strategischer Reserven für kritische Rohstoffe1 – nach dem Vorbild der Strategischen Erdölreserve.

Wegbereiter der Zukunft

Die oben genannten Beispiele zeigen, dass Rohstoffe als das Rückgrat dieser Transformation und als Grundlage der Zukunft gelten. Dieser Übergang steht jedoch auch vor einer wichtigen strukturellen Herausforderung. Das Angebotswachstum kann mit der prognostizierten Nachfrage kaum Schritt halten. Neue Bergbauprojekte erfordern oft jahrelange Entwicklung, während Umweltauflagen, behördliche Genehmigungsauflagen und geopolitische Faktoren den Ausbau verlangsamen können. Diese wachsende Angebotslücke im Bergbau dürfte die Rohstoffmärkte in den kommenden Jahren strukturell robust halten. Unseres Erachtens wird die Kreislaufwirtschaft (Recycling und Wiederverwendung von Materialien) eine zunehmend wichtige Rolle spielen, auch wenn sie die Primärproduktion nicht ersetzen kann.

Unseres Erachtens wird die Energiewende nicht linear verlaufen, sondern phasenweise voranschreiten, mit Phasen der Beschleunigung, gefolgt von Rückschlägen und Engpässen, wie zwei Schritte vor und einen zurück. Unserer Ansicht nach sind langfristige Strategien kurzfristiger, reaktiver Politikgestaltung überlegen. Diese kann kurzfristige Störungen zwar abmildern, trägt aber kaum dazu bei, die strukturellen Ungleichgewichte zu beheben, die sich in den Energie- und Rohstoffsystemen herausbilden. Dies zeigt sich bereits an den Märkten für Rohstoffe. Die Welt dürfte sich in einem neuen Rohstoff-Haussezyklus befinden, der 2020 seinen Anfang nahm – getragen von robuster Nachfrage, strukturellen Angebotsengpässen und einer wachsenden Welle globalen Bestandsaufbaus. Unseres Erachtens rechtfertigt dies eine strategische statt einer taktischen Allokation in Rohstoffe und Sachwerte. Der aktuelle Konflikt im Nahen Osten schuf — zusätzlich zu den geopolitischen Verwerfungen und Lieferkettenstörungen der vergangenen Jahre — einen Anreiz für Länder und Unternehmen gleichermassen. Seither stocken sie ihre Lagerbestände an Öl, Metallen, seltenen Erden und sogar Nahrungsmitteln auf, um sich gegen künftige Schocks zu wappnen. Nach unserer Einschätzung dürften die Ölpreise in den nächsten ein bis zwei Jahren auf erhöhtem Niveau verbleiben. Regierungen planen, ihre Lagerbestände stärker aufzufüllen als vor dem Krieg im Iran, und Länder, die bislang über keine strategischen Reserven verfügten, werden damit beginnen, solche aufzubauen. Unseres Erachtens sind Rohstoffe gut aufgestellt, um künftig von diesem Trend zur Bevorratung zu profitieren. Dies dürfte zudem Bemühungen vorantreiben, die Elektrifizierung zu beschleunigen, da sie einen Weg bietet, die Abhängigkeit von Öl- und Gasimporten zu verringern.

Strategische Sicherheit

Die letzten Jahre zeigten die Risiken konzentrierter Rohstoffversorgung auf (Grafik 3). Russland drosselte die Gaslieferungen nach Europa, China schränkte den Export kritischer Rohstoffe ein, und die USA unterbanden venezolanische Öllieferungen nach China und Indien. All das hat verdeutlicht, dass der Zugang zu wichtigen Rohstoffen nicht länger als selbstverständlich gelten kann. In einem zunehmend deglobalisierten Umfeld räumen Regierungen inländischen Lieferketten Vorrang ein, wo dies möglich ist. Wo nicht, bauen sie strategische Reserven auf, nicht nur für Metalle wie Kupfer und Aluminium, sondern auch für Energie und Agrarprodukte.

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Der anhaltende Konflikt im Nahen Osten unterstreicht diese Trends zusätzlich. Höhere und volatilere Energiepreise könnten zudem bestimmte Formen struktureller Nachfrageanpassung beschleunigen, da Unternehmen und Haushalte in effizientere Technologien, Elektrifizierung und alternative Energiequellen investieren. Dies wirft die Frage auf, ob die aktuelle Phase letztlich als wichtiger Wendepunkt für das globale Wachstum der Ölnachfrage gilt (sprich: Nähern wir uns 2026 dem Höhepunkt der Ölnachfrage?). Unseres Erachtens dürfte die Ölnachfrage nicht abrupt zurückgehen. Die Elektrifizierung braucht Zeit, und Öl dürfte noch auf Jahre hinaus eine entscheidende Rolle in Transport, Industrie und Petrochemie spielen. Die Nachfrage könnte für ein Jahrzehnt auf einem Plateau verharren und dann allmählich zurückgehen; während der Übergangsphase werden jedoch anhaltende Investitionen in Exploration und Förderung notwendig sein. Ein vorzeitiger Kapitalabzug aus dem Sektor könnte schwerwiegende Versorgungsengpässe und Preissprünge auslösen, die energieimportierende Volkswirtschaften in Europa, Asien sowie in weiten Teilen der Schwellenländer überproportional treffen würden.

Unseres Erachtens bewegt sich die Welt auf eine neue Energieordnung zu, die Autonomie, Diversifikation und strategische Versorgungssicherheit in den Vordergrund stellt. Die wiederholten Versorgungsschocks der vergangenen Jahre, zunächst ausgelöst durch Russland, nun durch die Spannungen im Nahen Osten, haben verdeutlicht, wie wichtig Energieunabhängigkeit und Rohstoffsicherheit für die langfristige wirtschaftliche Stabilität in einer Welt sind, in der Energie und Geopolitik zunehmend miteinander verflochten sind.

 

 

 

 

 

1. Quelle: Artikel der New York Times über kritische Rohstoffe, veröffentlicht am 7. Februar 2026.https://www.nytimes.com/2026/02/02/business/trump-critical-minerals-stockpile.html; Europäische Kommission, Critical Raw Materials Act, https://single-market-economy.ec.europa.eu/sectors/raw-materials/areas-specific-interest/critical-raw-materials/critical-raw-materials-act_en

 

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