Min Vol in Zeiten erhöhter Volatilität
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In unserer Quanta Byte Publikation «Bescheidene Neujahrsvorsätze» hatten wir Minimum Volatility als zentrales Anlagethema für 2025 hervorgehoben. Die ersten Monate haben diese Einschätzung bestätigt. Auch wenn die Schwankungen an Aktien- und Anleihemärkten nach Donald Trumps Zollankündigung am 2. April etwas nachgelassen haben, bleibt das Marktumfeld fragil. Die Herabstufung der US-Kreditwürdigkeit durch Moody’s – von AAA auf AA1 – unterstreicht einmal mehr, dass der Weg zu höheren Aktienkursen holprig bleibt.
Aus unserer Sicht ein guter Zeitpunkt, um unsere Überzeugung in eine unserer bevorzugten Strategien für 2025 zu bekräftigen: Minimum Volatility1. Zunächst skizzieren wir das wahrscheinlichste makroökonomische Szenario – basierend auf unserem proprietären Konjunkturmodell Wave. Anschließend analysieren wir, welche Aktienfaktoren unserer Einschätzung nach in der aktuellen Phase besonders profitieren dürften. Wir konzentrieren uns dabei auf die Aktienmärkte in den entwickelten Volkswirtschaften.
Die Wave signalisiert einen Slowdown
Gemäß dem Modell befinden sich Schwellenländer weiterhin in der Expansionsphase, während entwickelte Märkte erste Anzeichen eines Slowdowns zeigen (Abbildung 1)2. Die US-Zollankündigung Anfang April sorgte für deutliche Marktreaktionen und führte unter anderem dazu, dass mehrere Großbanken ihre Wachstumsprognosen nach unten anpassten.
Die Märkte stabilisierten sich, nachdem die USA eine 90-tägige Aussetzung der über die Basiszölle von 10 % hinausgehenden Zölle angekündigt hatten. Bilaterale Abkommen – etwa mit China – führten sogar zu einer Anhebung der Wachstumsprognosen. Dennoch liegt der effektive US-Zollsatz weiterhin rund zehn Prozentpunkte über dem Niveau zu Jahresbeginn – ein klarer Gegenwind für Handelspartner und die US-Wirtschaft selbst.
Für eine vollständige Abbildung der jüngsten Entwicklungen ist es im Wave-Modell noch zu früh. Die kommenden Monate werden zeigen, wie groß der tatsächliche konjunkturelle Schaden ist. Jedoch zeigt uns die Wave nicht nur, wo wir aktuell stehen (siehe Abbildung 1), sondern gibt auch eine Prognose für die nächsten Monate.
Mit Stand Mai signalisiert die Wave eine 72%ige Wahrscheinlichkeit für eine weitere Abschwächung – gegenüber 28 % für eine Erholung. Das bedeutet: Wave sieht eine Wahrscheinlichkeit von 63 %, dass die Wirtschaft im Slowdown bleibt, und eine Wahrscheinlichkeit von 14 % für einen Übergang in die Kontraktion in den nächsten drei Monaten.
Angesichts des Basisszenario eines anhaltenden Slowdowns, richten wir den Fokus auf jene Aktienfaktoren, die sich typischerweise in solchen Marktphasen bewähren. Doch zuvor geben wir einen kurzen Überblick über zentrale Erkenntnisse der akademischen Forschung zum Thema Aktienfaktoren.
Nur wenige Faktoren machen den Unterschied
Seit den 1980er-Jahren haben Wissenschaftler Hunderte Aktienfaktoren vorgestellt. Nur wenige haben sich jedoch in strengen Tests dauerhaft bewährt. Unsere Analyse konzentriert sich auf die zuverlässigsten: Value, Quality, Momentum, Minimum Volatility, High Dividend und Growth. Diese Faktoren haben sich über die Zeit hinweg als robust erwiesen und sind nach wie vor zentraler Bestandteil vieler erfolgreicher Anlagestrategien.
Obwohl die Faktor-Forschung eine lange Geschichte hat, ist die Untersuchung der Faktor-Performance im Zeitverlauf vergleichsweise neu. Die zentrale Frage lautet: Beeinflusst der Zustand der Konjunktur die Performance der Faktoren? Die meisten Studien stützen sich auf klassische Konjunkturindikatoren wie den OECD-Frühindikator oder die Einkaufsmanagerindizes (PMI). Aktuelle Studien, etwa von Kwon (2022)3, zeigen: Eine flexible Faktorallokation, die sich an der konjunkturellen Entwicklung orientiert, kann statische Strategien übertreffen. Polk et al. (2020)4 nutzen beispielsweise den OECD-Indikator zur Definition der Konjunkturphasen. Ihr Ergebnis: Quality und Minimum Volatility tendieren dazu, während einer Abschwächung besser abzuschneiden als sowohl der Gesamtmarkt als auch andere Faktoren.
Diese empirischen Erkenntnisse bilden die Grundlage unserer Faktoranalyse. Da die Wave es uns ermöglicht, konjunkturelle Abschwungphasen früher zu erkennen als herkömmliche Modelle5, stützen wir unsere Analyse auf unser proprietäres Modell. Zur Vergleichbarkeit verwenden wir dabei die Faktor-Definitionen von MSCI als Basis unserer Untersuchung.
Der Mehrwert von Minimum Volatility
Unsere Konjunkturanalyse misst, wie die Faktor-Strategien entwickelter Märkte im Vergleich zu ihren Benchmarks6 abschneiden – abhängig von der Phase im Konktunkturzyklus7. Abbildung 2 zeigt die relative Über- oder Unterperformance der einzelnen Faktoren in den verschiedenen Zyklusphasen sowie über den gesamten Zyklus hinweg.
Wir beginnen mit der Analyse über den gesamten Zyklus – also der durchschnittlichen Über- oder Unterperformance der Faktoren seit 1995. Zwei klare Gewinner stechen hervor: Quality (+3 %) und Momentum (+2,4 %). Minimum Volatility und High Dividend-Strategien lagen auf Benchmark-Niveau, während Value und Growth leicht zurückblieben. Quality und Momentum sind die einzigen Faktoren mit zweistelligen Renditen – 11,6 % bzw. 10,6 % – und schlagen damit den MSCI World (8.6%) deutlich.
Die Analyse der Performance nach Zyklusphase zeigt deutliche Muster. Erstens übertrifft Quality in jeder Phase den Benchmark und Momentum fällt nur während Kontraktionsphasen leicht zurück. Zweitens tendieren Quality, Momentum, Minimum Volatility und High Dividend im Slowdown zur Outperformance. Drittens schneiden Value und High Dividend während Kontraktionsphasen schlechter ab, wobei High Dividend in Erholungsphasen stark aufholt.
Auf den ersten Blick spricht vieles für eine stärkere Gewichtung von Quality und Momentum. Doch das greift in Bezug auf Minimum Volatility zu kurz. Deren Stärke liegt weniger in der Überperformance in starken Marktphasen, sondern in stabileren Renditen in Zeiten von erhöhter Unsicherheit. Wie Abbildung 3 zeigt, zeichnet sich Minimum Volatility durch ein geringeres Risiko und eine robustere Performance aus.
Minimum Volatility hat 2025 Wort gehalten
Unser Konjunkturmodell Wave signalisiert aktuell einen Slowdown, wodurch Minimum-Volatility-Strategien auch für risikobereite Anleger attraktiv werden. Abbildung 2 zeigt, dass Minimum Volatility während Sklowdownphasen den MSCI World übertroffen hat. Zwar erzielten Quality und Momentum höhere Renditen, doch die geringere Schwankung und besseren risikoadjustierten Statistiken sprechen für Minimum Volatility.
Wie Abbildung 3 verdeutlicht, liegt die annualisierte Standardabweichung bei Minimum-Volatility-Strategien bei 11 %, verglichen mit 14-17 % bei anderen Strategien inklusive der Benchmark. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass unterschiedliche Strategien verschiedene Anlegerprofile bedienen. Minimum Volatility ist besonders attraktiv für risikoaverse Investoren. Das gilt umso mehr, da einige der klassischen Portfolio-Absicherungen wie langfristige Anleihen in diesem Jahr schwächelten. Die Zollankündigungen und Europas Abkehr von der fiskalischen Zurückhaltung haben sowohl Inflationserwartungen als auch Zinsen steigen lassen.
Minimum Volatility dient aber nicht nur dem Risikomanagement– die Strategie hat im bisherigen Jahresverlauf auch den Benchmark und andere Faktoren übertroffen. Wie Abbildung 4 zeigt, liegt Minimum Volatility 2025 klar vorn. Der Trend setzte mit der US-Zollankündigung Anfang April ein und hält seitdem an. Angesichts der anstehenden US-europäischen Zollverhandlungen beobachten Anleger die Marktrisiken genau. Minimum Volatility könnte in den kommenden Wochen weiterhin outperformen.
Wie navigieren wir?
Die Marktvolatilität hat nachgelassen, doch die Unsicherheit bleibt hoch8. Die bisher bestätigten US-Zölle bedeuten einen durchschnittlichen Importzoll, der 10 bis 12 Prozentpunkte über dem Niveau zu Jahresbeginn liegt. Das ist ein historischer Anstieg, der das Zollniveau auf das der 1920er Jahre zurückführt – und sich in den kommenden Monaten voraussichtlich in den Wirtschaftsdaten bemerkbar machen dürfte.
Geopolitische Risiken erhöhen die Unvorhersehbarkeit zusätzlich. Im Hinblick auf den Krieg in der Ukraine reichen die möglichen Szenarien von einer Eskalation der Spannungen bis hin zu einem länger andauernden Waffenstillstand oder Frieden. Für Anleger bedeutet das, wachsam auf plötzliche Stimmungswechsel an den Finanzmärkten zu reagieren.
In diesem Umfeld bleiben Minimum-Volatility-Strategien ein wertvolles Instrument, um mögliche Marktturbulenzen zu meistern9. Der Anstieg der US-Staatsanleihenrenditen hat kaum sichere Häfen übriggelassen. Zwei unserer bevorzugten Absicherungen – der japanische Yen10 und Gold11— zeigten sich in den vergangenen Wochen stabil. Wir erwarten, dass sie weiterhin Schutz bieten, vor allem wenn schwächere Wirtschaftsdaten eintreffen sollten. Vieles wird dabei von der Reaktion der US-Notenbank abhängen12. In ihrer Erklärung im Mai signalisierte die Fed, dass sie mit einer Lockerung der Geldpolitik nicht in Eile sei, da die vollständigen Auswirkungen der Zölle auf Inflation und Konjunktur noch unklar sind.
TZwei Unbekannte – die Wirtschaftsdaten und die Reaktion der Fed – könnten die Märkte belasten, besonders wenn sich die US- und Weltwirtschaft abschwächen und die politische Unterstützung ausbleibt. Vor diesem Hintergrund haben wir unsere Haltung zu risikoreicheren Anlagen wie Aktien zuletzt neutraler ausgerichtet – bei gleichbleibender Präferenz für Minimum-Volatility-Strategien. Gleichzeitig reduzieren wir unsere langjährige Übergewichtung im Unternehmensanleihen, die in der jüngsten Korrektur eine stärkere Korrelation mit Aktien gezeigt haben13.
1. In unserer Quanta-Byte-Publikation „Timing von Aktienfaktoren mit makroökonomischen Regimen” haben wir die Attraktivität von Minimum-Volatility-Strategien in wirtschaftlichen Abschwungphasen beleuchtet.
2. Mehr zu unserem Ansatz zur Identifikation von Wendepunkten im Konjunkturzyklus finden Sie in „Die Vontobel Wave – ein überlegenes Konjunkturmodell”. Die Publikation zeigt, wie wir Konjunkturdaten nutzen, um die vier Phasen des Zyklus – Slowdown, Contraction, Recovery und Expansion – zu definieren. Dieses Modell liefert die Basis für unsere Anlageentscheidungen.
3. Siehe Kwon, D. (2022) „Dynamic Factor Rotation Strategy: A Business Cycle Approach” , International Journal of Financial Studies, 10: 46.
4. Siehe Polk et al. (2020) „Time-Series Variation in Factor Premia: The Influence of the Business Cycle” , Journal of Investment Management, Vol. 18, Nr. 1.
5. Wir haben dies in unserem Whitepaper „Die Vontobel Wave – ein überlegenes Konjunkturmodell“ dargelegt.
6. Wir präsentieren annualisierte monatliche Aktienrenditen entwickelter Märkte gegenüber ihrem Benchmark, dem MSCI World.
7. Unser Konjunkturindikator unterscheidet vier klare Phasen: Slowdown, Contraction, Recovery, und Expansion.
8. In „Bescheidene Neujahrsvorsätze“ haben wir die Bedeutung von Portfolio-Absicherungen für 2025 betont und mit erhöhter Marktvolatilität gerechnet.
9. In „Timing von Aktienfaktoren mit makroökonomischen Regimen“ haben wir die Vorteile von Minimum-Volatility-Strategien im Portfolioaufbau vorgestellt.
10. Lesen Sie „Japanischer Yen Reloaded: Ein verborgener Hedge?“ für unsere Einschätzung zum Yen.
11. Unsere Sicht auf Gold finden Sie in „Makroökonomische Unterstützung für Gold“.
12. Die Voraussetzungen für eine nachhaltige Markterholung haben wir in „Die Marktreaktion auf US-Zölle entschlüsselt“ erläutert.
13. Weitere Informationen zu unserem Investmentprozess finden Sie auf unserer Webseite.
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