CO2-Emissionen: Lässt sich durch aktiven Dialog etwas bewirken?
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Urinstinkte schützen uns vor unmittelbaren Gefahren. Dank unserer Fähigkeit, Probleme zu lösen, haben wir Menschen Millionen von Jahren in widrigen Umgebungen überlebt und uns weiterentwickelt. Unsere Fähigkeit zum Umgang mit Risiken, die erst langfristig zum Tragen kommen, ist jedoch weniger stark ausgeprägt. Während sich die Auswirkungen des Klimawandels weiter verschärfen, zeigen die Gegenmassnahmen nur sehr langsam Ergebnisse – zu langsam. Mittlerweile lassen sich die drastische Veränderungen des Wettergeschehens nicht mehr ignorieren: Schwere, weltweit gleichzeitig auftretende Dürren führen der Öffentlichkeit und den Anlegern endlich vor Augen, dass sie dringend etwas unternehmen müssen. Eine 2022 unter Leitung der UCLA durchgeführte Studie1 kam zu der Einschätzung, dass die seit 22 Jahren anhaltende Dürre im Südwesten der USA die schwerste seit mindestens 1 200 Jahren ist.
2021 stiegen die weltweiten jährlichen Treibhausgasemissionen sprunghaft um 6,2 Prozent auf einen neuen Rekordwert2 und übertrafen den Höchststand vor der Pandemie. Da der Handlungsdruck steigt, ist es für Anleger entscheidend, sich regelmässig neu zu orientieren und sicherzustellen, dass Umweltinitiativen zur Verringerung der CO2-Bilanz optimal ausgerichtet sind. Die nachstehende Grafik enthält einige Hintergrundinformationen. Sie zeigt die Menge an Kohlendioxid (CO2) in der Atmosphäre (blaue Linie) und die durch den Einfluss des Menschen verursachten Emissionen (graue Linie) seit 1750.
Da es kotierte Unternehmen sind, die für einen beträchtlichen Anteil der Gesamtemissionen verantwortlich sind, sollten Anleger in der Lage sein, etwas zu bewirken. Lassen Sie mich erklären, was ich meine. Es ist davon auszugehen, dass ein grosser Teil der Treibhausgasemissionen auf kotierte Unternehmen entfällt. Ich persönlich habe jedoch keine Vorstellung davon, wie gross dieser Anteil ist oder in welchen Bereichen die Anleger voraussichtlich stärkeren Einfluss haben. Da ich bislang noch keine zu diesem Thema veröffentlichten Zahlen gesehen habe, habe ich versucht, sehr grob zu schätzen, für welchen Anteil der Gesamtemissionen kotierte Unternehmen verantwortlich sind. Nach meiner bestmöglichen Berechnung verursachen kotierte Unternehmen zwischen einem Viertel und einem Drittel der weltweiten Gesamtemissionen, je nachdem, welche Emissionsarten gemessen werden.
Es ist wichtig, woher die Emissionen stammen, denn je mehr davon unmittelbar aus dem Geschäftsbetrieb eines Unternehmens herrühren, desto mehr Einflussmöglichkeiten dürfte eine Geschäftsführung haben und desto weniger ist sie darauf angewiesen, Lieferanten oder Kunden von einer Änderung ihrer Geschäftspraktiken zu überzeugen.
Emissionen werden in drei Kategorien oder «Scopes» unterteilt. Scope 1 betrifft das Unternehmen am unmittelbarsten und deckt Emissionen ab, die direkt durch den Geschäftsbetrieb entstehen, beispielsweise durch den beim Fahren eines unternehmenseigenen Lieferwagens verbrannten Kraftstoff. Scope 2 ist die darauffolgende Kategorie und umfasst Emissionen aus der Erzeugung von Energie, vor allem von Strom, der von einem Dritten bezogen wird. Scope 3 ist die allgemeinste Kategorie und umfasst alle Emissionen aus der vor- und nachgelagerten Wertschöpfungskette des Unternehmens. Dazu gehören zum Beispiel alle Berührungspunkte im Zusammenhang mit den Produkten des Unternehmens, von Rohstoffen, Bauteilen und Transport (die als vorgelagert gelten) bis hin zur Nutzung und Entsorgung der Produkte durch die Kunden (nachgelagert).
Meinen Zahlen zufolge liegt der Anteil der Emissionen von kotierten Unternehmen für Scope 1 bei 22 Prozent, für Scope 2 bei 4 Prozent und für Scope 3 bei 10 Prozent (um Doppelterfassungen bereinigt – eine Erläuterung hierzu folgt später), insgesamt also bei 36 Prozent. Es handelt sich dabei um jährliche Emissionen von 16,9 Mrd. Tonnen an Treibhausgasen bei einem weltweiten Gesamtvolumen von 46,3 Mrd. Tonnen3. Das ist ein durchaus relevantes Volumen. Doch was verraten uns diese Zahlen? Zunächst einmal werden fast ein Viertel der Emissionen unmittelbar durch die Unternehmen und weitere 4 Prozent durch deren Stromanbieter verursacht. Das spricht dafür, dass ein aktiver Dialog sinnvoll ist.
Darüber hinaus können die Anteile je nach Markt beträchtlich abweichen, d. h. in bestimmten Ländern haben die Anleger mehr Einfluss. In Märkten wie Japan (92 Prozent), Grossbritannien (90 Prozent) und Südkorea (86 Prozent) entfallen die höchsten Anteile auf kotierte Unternehmen (alle drei Scopes). In den USA sind es 62 Prozent. Der Wert für China erscheint mit 35 Prozent niedrig. Dieser Markt ist jedoch so gross, dass die absoluten Mengen beträchtlich sind. Zur Verdeutlichung: Die 2,9 Mrd. Tonnen Scope-1-Emissionen kotierter Unternehmen in China entsprechen einer grösseren Menge, als die entsprechenden Emissionen aus den USA, Grossbritannien, Japan, Deutschland, Kanada und Frankreich zusammen.
Erwähnt werden sollte meine Herangehensweise an die Berechnung, da die Unternehmen in der Regel nicht angeben, wo ihre Emissionen entstehen. Es wäre irreführend, alle weltweiten Emissionen von Ford den USA zuzuordnen. Daher habe ich hilfsweise angenommen, dass die Emissionen der geografischen Verteilung der Umsätze eines Unternehmens folgen. Hierzu habe ich den Dienst GeoRev von FactSet genutzt, der Schätzungen zur Aufteilung der Umsätze liefert, wenn keine diesbezüglichen Angaben verfügbar sind. Diese Methode ist zwar keineswegs perfekt, hilft aber bei einer realistischen Einschätzung. Die andere grössere Anpassung, die ich vorgenommen habe, war die Kürzung der Doppelerfassungen bei Scope 3, die ich gleich erläutern werde. Laut Schätzungen von MSCI waren 78 Prozent der Scope-3-Gesamtemissionen in ihrem ACWI IMI Index auf Doppelerfassungen zurückzuführen. Also habe ich das als Faustregel zugrunde gelegt und die grob geschätzten Scope-3-Emissionen um diesen Betrag (78 Prozent) gekürzt, sodass sie deutlich kleiner ausfallen, als man normalerweise annehmen würde.
Beachten Sie Scope-3-Emissionen
Scope-3-Emissionen sind ein umstrittenes Thema. Diese Kategorie ist gross, unübersichtlich und schwierig zu berechnen. Darüber hinaus muss man seine Nase dazu in anderer Leute Angelegenheiten stecken. Auf der Ebene von Einzelunternehmen können Scope-3-Emissionen im Vergleich zu Scope 1 und 2 enorm ausfallen. So hatte beispielsweise Nestlé, der weltgrösste Lebensmittelhersteller, im Jahr 2021 Scope-1-Emissionen im relativ bescheidenen Umfang von 3,3 Mio. Tonnen CO2e vorzuweisen. Da das Unternehmen keine grossen landwirtschaftlichen Betriebe besitzt, handelt es sich bei den Emissionen in seiner Wertschöpfungskette grösstenteils um Scope-3-Emissionen seiner Lieferanten. Nestlés Scope-3-Emissionen für das gleiche Jahr waren mit 113 Mio. Tonnen 34 Mal höher als seine Scope-1-Emissionen. Einen grossen Beitrag hierzu leistete das Methan aus der Milchwirtschaft.
Auf Ebene der einzelnen Unternehmen sind Scope-3-Emissionen konzeptionell relativ unkompliziert. Ihre Aufsummierung für einen ganzen Index führt jedoch zu beträchtlichen Doppelerfassungen. Aus der nachstehenden Grafik wird ersichtlich, wie 1 Tonne an CO2-Emissionen, die bei mehreren Unternehmen erfasst werden, bei der Scope-3-Messung (letztlich von den Autofahrern freigesetzter Emissionen) 5 Tonnen entsprechen.
Eine effektive Wirkung
Ich würde niemals unterstellen, dass ein aktiver Dialog über diese Emissionen überall die gleiche Erfolgschancen hat. Aus jahrelanger persönlicher Erfahrung weiss ich, wie viel schwieriger es sein kann, Unternehmen in den Schwellenländern zu Veränderungen zu bewegen. Dort haben die Führungskräfte weniger Spielraum zur Anpassung der Betriebsabläufe, und die Möglichkeiten zur Mitwirkung von Anlegern sind begrenzter. Doch das ist ein anderes Thema.
Zusammenfassend lässt sich Folgendes festhalten: Wenn diese Zahlen auch nur annähernd der Realität entsprechen, dann können Anleger dazu beitragen, die CO2-Emissionen zu senken, indem sie mit den Geschäftsführungen ihrer Portfoliounternehmen zusammenarbeiten und diese zu Transparenz und zur Erstellung eines Emissionssenkungsplans bewegen. Einige Geschäftsführungen werden die Stimmen der Anleger benötigen, um den nötigen Spielraum zur Verfolgung dieser Ziele zu erhalten. Wenn man auch nur die geringste Chance haben will, etwas zu bewirken, muss man den Telefonhörer in die Hand nehmen und ein Gespräch führen. Es ist bemerkenswert, wie wenige Anleger sich die Zeit dafür nehmen.
Wichtige Informationen
Die hierin erläuterten Anlagen sind nur zur Veranschaulichung angegeben, und es besteht keine Gewähr dafür, dass der Berater Anlagen mit den gleichen oder ähnlichen Eigenschaften wie die angeführten Anlagen tätigen wird. Es sind nicht alle der für Kunden erworbenen oder veräusserten Anlagen beschrieben. Die erläuterten repräsentativen Anlagen wurden anhand von Themen ausgewählt, die mit unserem ESG-Research in Zusammenhang stehen. Der Leser sollte nicht davon ausgehen, dass eine Anlage rentabel war oder sein wird. Es kann nicht garantiert werden, dass die genannten Anlagen bei Erhalt dieses Dokuments noch in Kundendepots vertreten sind.
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1.
https://escholarship.org/uc/item/6sm1c6hf
2. Schätzung der Rhodium Group
3. Weltbank