Der Winter kommt – Anlagechancen in der Rezession

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Kurz und bündig

  • Die Inflation wird hoch bleiben und es wird einige Zeit dauern, bis sie zurückgeht
  • Die Bewertungen in den Emerging Markets bieten eine attraktive Kompensation für eingegangene Risiken
  • Die Unternehmen in den Emerging Markets werden wettbewerbsfähiger

Geopolitische Spannungen, eine Energiekrise und die Inflation haben die globale Anlagetätigkeit 2022 massgeblich geprägt. Nun sind die Zentralbanken am Zug. Sie müssen in den kommenden Monaten die galoppierende Inflation einfangen, ohne die Weltwirtschaft zum Stillstand zu bringen. Wir starten ins letzte Quartal des Jahres vor dem Hintergrund einer drohenden Rezession.

Die Anlageexperten von Vontobel nehmen dies zum Anlass, die bevorstehenden Herausforderungen zu erörtern und auf Chancen in den Schwellenländern hinzuweisen.

 

 

Christel Rendu de Lint, Deputy Head of Investments, Vontobel: Welche Schritte der US-Notenbank, der Federal Reserve, dürfen wir bis Ende 2022 sowie Anfang 2023 erwarten?

Ramiz Chelat, Portfolio Manager, Quality Growth Boutique, Vontobel: Wir gehen davon aus, dass die Inflation hoch bleibt und erst im Laufe der Zeit wieder zurückgehen wird. Es ist somit angemessen, zum Jahresende mit einem Zinssatz von 4 bis 4,2 Prozent zu rechnen. Nach unserer Einschätzung ist eine Positionierung für Zinssenkungen bis Mitte des nächsten Jahres verfrüht. Es wird stark davon abhängen, wie schnell die Inflation wieder näher an das Ziel von 2 bis 2,5 Prozent geführt werden kann.

Christel Rendu de Lint: Hältst du eine Rezession nunmehr für unvermeidlich? Wie wirkt sich das auf deine Anlageperspektive aus?

Ramiz Chelat:  Wir wollen sicherstellen, dass das Portfolio für schwächeres Wachstum gerüstet ist. Daher haben wir unsere Positionen in defensiver ausgerichteten Wachstumstiteln in den Sektoren Gesundheitswesen und Basiskonsumgüter ausgebaut. Zudem haben wir dafür gesorgt, dass das Portfolio auch dem Inflationsdruck standhalten kann. Unsere wichtigsten Positionen haben sich in der Vergangenheit durch solide Preissetzungsmacht und Inflationsresistenz ausgezeichnet. Deren Produkte weisen ebenfalls ein geringes Risiko auf, durch günstigere Produkte substituiert zu werden, was für viele Unternehmen ein Problem in wirtschaftlich schwachen Zeiten ist.

Christel Rendu de Lint: Kommen wir zu den Schwellenländern. Thomas, hat sich die Diskussion über die Risiken aus deiner Sicht verändert?

Thomas Schaffner, Portfolio Manager, Vontobel:  Das Risiko in den Schwellenländern hat sich bereits seit der Wahl von Donald Trump erhöht. Allerdings gibt es auch entsprechend hohe Risikoprämien. Die Anleger werden also für das Risiko, das mit ihrer Anlage in Schwellenländern einhergeht, belohnt oder kompensiert.

Auf der Ebene einzelner Länder sehen wir gewisse Verbesserungen. So wurden in China die geldpolitischen Zügel gelockert, und der regulatorische Druck lässt seit Jahresbeginn nach.

Christel Rendu de Lint: Wouter, wie schätzt du diese Risiken im Anleihe-Bereich ein?

Wouter van Overfelt, Head of Emerging Market Corporates, Senior Portfolio Manager, Vontobel: Die Risiken sind in jüngster Zeit aufgrund der Inflation gestiegen. Natürlich ist ein starker Dollar grundsätzlich keine gute Nachricht für die Schwellenländer. Allerdings würde ich Thomas zustimmen, dass die Anleger derzeit für ihre eingegangenen Risiken entschädigt werden. Wir blicken auf eine lange Phase negativer Renditen zurück, und ich halte die Bewertungen derzeit für recht attraktiv.

Bei Unternehmensanleihen aus Schwellenländern ist die Duration etwas geringer sein als bei anderen festverzinslichen Anlageklassen, um mögliche Ausfallrisiken zu kompensieren. Und dann gibt es noch das geopolitische Risiko. Ich denke allerdings, dass Anlagen in Schwellenländern generell stets mit politischen und geopolitischen Risiken verknüpft sind.

Christel Rendu de Lint: Wer von Schwellenländern spricht, kann von China nicht schweigen. Wie werden sich eurer Einschätzung nach die Wirtschaft und der Aktienmarkt in China entwickeln?

Thomas Schaffner: China hat bereits 2021 begonnen, die regulatorischen und geldpolitischen Zügel zu straffen, und ist daher weit fortgeschritten im Zyklus. Inzwischen hat das Land einige Schritte ergriffen, um die regulatorischen und geldpolitischen Vorgaben wieder zu lockern. Allerdings zeigen diese Massnahmen wegen der Pandemie nur begrenzt Wirkung. Sobald Covid-19 unter Kontrolle gebracht ist, sollten diese Massnahmen auch Wirkung zeigen. Dies dürfte die chinesische Wirtschaft und auch den Aktienmarkt befeuern.

Christel Rendu de Lint: Ramiz, teilst du diese Auffassung?

Ramiz Chelat: Was China betrifft, bleiben wir vorsichtig. Wir erwarten hier keine deutliche Konjunkturerholung. Blicken wir auf die Schlüsselsektoren der chinesischen Wirtschaft, etwa den Immobilienmarkt, so sehen wir: Die Immobilienverkäufe in den 20 wichtigsten Städten sind seit Jahresbeginn um 40 Prozent eingebrochen. In den vergangenen zwei Monaten gab es Meldungen über Hypothekenboykotte. Die Käufer verlieren das Vertrauen, dass Immobilienentwickler ihre Projekte auch wirklich abschliessen. Wir denken, dass die Regierung aggressivere Konjunkturmassnahmen einführen muss, um den Immobiliensektor anzukurbeln.

Der Infrastrukturbereich entwickelt sich positiv, doch das reicht unserer Ansicht nach nicht aus, um die Schwäche des Immobilien- und Konsumgütersektors auszugleichen.  Attraktive Anlagechancen sehen wir in Sektoren mit geringem regulatorischem Risiko, etwa bei Anbietern von Basiskonsumgütern mit hoher Preissetzungsmacht.

Christel Rendu de Lint: Lasst uns nun über die Chancen sprechen, die sich in den Schwellenländern bieten. Wouter, wo siehst du Gelegenheiten bei den Anleihemärkten?

Wouter van Overfelt:  Die Bewertungen wurden bereits angepasst. Die aktuellen politischen Risiken, aber auch der russische Angriff auf die Ukraine zeigen: Unerwartete Entwicklungen sind jederzeit möglich. Daher ist die Diversifizierung in jedem Portfolio unerlässlich.

Eine meiner bevorzugten Regionen ist China. Dort wurden die Bewertungen deutlich stärker angepasst, als dies aus fundamentaler Perspektive sinnvoll erscheint. Es ist also mit einer Erholung zu rechnen. Zudem dürften auch Unternehmen mit Rohstoffbezug attraktive Chancen für die Anleger bereithalten.

Christel Rendu de Lint: Was hast du aus der Aktienperspektive zu ergänzen, Thomas?

Thomas Schaffner: Da gibt es zum Beispiel langfristige strukturelle Themen wie die Energiewende, für die einige Unternehmen in Asien und China die Hardware produzieren. Die Aktien vieler dieser Unternehmen erlebten eine Verkaufswelle, weshalb sich also Gelegenheiten abzeichnen.

Christel Rendu de Lint: In unserer Branche hat sich der Anteil passiver Anlagevehikel erhöht. Könnten die Anleger angesichts all dieser Chancen also einen passiven Ansatz wählen?

Wouter van Overfelt: Das könnten sie tun, aber ich würde ihnen davon abraten. Ich beobachte auf der passiven Seite ein hohes Mass an Unklarheit. Zum einen schauen die Leute auf die Benchmarks und vielleicht auf ETFs – aber ETFs bleiben derzeit überwiegend hinter ihren Benchmarks zurück, zumindest im Unternehmenssektor. Zum anderen ist es meiner Einschätzung nach von entscheidender Bedeutung, dass die Anleger ein Portfolio im Einklang mit ihren Zielen aufbauen und somit auch ihrem angestrebten Anlageprozess treu bleiben.

Einfach blind drauflos zu kaufen, ist angesichts der herrschenden Volatilität wohl kaum die optimale Lösung.

Christel Rendu de Lint: Wie ist die Lage in den Schwellenländern?

Wouter van Overfelt: Bei Unternehmensanleihen aus Schwellenländern kommen diverse Faktoren ins Spiel. Einige Unternehmen hatten mit Margendruck zu kämpfen.  Und obendrein besteht ein Refinanzierungsrisiko. Ich denke, dass die Bewertungen nun weitgehend angepasst sind, doch wir sollten wachsam bleiben.

Wir dürfen nicht vergessen, dass es im Segment der Unternehmensanleihen aus Schwellenländern viele quasi-staatliche Emittenten gibt, die wahrscheinlich staatliche Unterstützungen erhalten oder im Rohstoffsektor tätig sind. Dies dürfte einen gewissen Schutz vor den genannten Problemen bieten.

Christel Rendu de Lint: Gilt das auch für Aktien?

Thomas Schaffner: Solange Unternehmen in Schwellenländern – verglichen mit deutschen Unternehmen – noch relativ günstiges Öl erhalten, könnten sich Chancen ergeben, weil ihre Wettbewerbsfähigkeit gegenüber europäischen Unternehmen zunimmt. Dies gilt insbesondere für China und Indien.

Christel Rendu de Lint: Ramiz, wie siehst du das?

Ramiz Chelat: Wir gehen davon aus, dass der Margendruck im ersten Halbjahr seinen Höhepunkt erreicht hat. Wichtige Inhaltsstoffe für die Hersteller von Basiskonsumgütern, zum Beispiel Palmöl, haben deutlich nachgegeben. Mit Blick auf Industrieunternehmen lässt sich dasselbe für Rohstoffe wie Kupfer und Aluminium sagen. Auch bei den Lieferkettenprobleme zeigt sich eine Verbesserung, beispielsweise im Bereich der Halbleiter.

Wir gehen davon aus, dass einige dieser Unternehmen in der zweiten Jahreshälfte und bis ins Jahr 2023 hinein Rückenwind erhalten werden. Viele der Unternehmen haben ihre Preise in den vergangenen sechs Monaten erhöht. Dies dürfte die Margen im Jahr 2023 stützen. Unserer Einschätzung nach ist daher künftig mit einem deutlich geringeren Margenrisiko zu rechnen.

Christel Rendu de Lint: Vielen Dank für eure Einblicke. Ich freue mich bereits auf unser nächstes Gespräch.

 

 

 

 

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