Japanischer Yen Reloaded: Ein verborgener Hedge?

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Globale Aktienmärkte legen gerade mehrheitlich eine kleine Verschnaufpause ein. Der DeepSeek-Schock traf die „Magnificent Seven“ hart und drückte sie auf das Niveau von Anfang Dezember. Aktuell richten Investoren ihren Blick auf wechselseitige Zölle1 und wachsende geopolitische Spannungen.

Die USA und die Ukraine nähern sich zwar einem Rohstoffabkommen – möglicherweise verknüpft mit US-Zusagen zur Souveränität und Sicherheit der Ukraine. Die Kehrtwende der USA in ihrer geopolitischen Ausrichtung sorgt aber für Unsicherheit. Gleichzeitig bestätigte Donald Trump, dass die verschobenen Zölle auf Kanada und Mexiko wie geplant in Kraft treten. Diese Entwicklungen belasten die globalen Aktienmärkte, die sich von ihren Februarhochs zurückgezogen haben.

Das bestätigt unsere Einschätzung: Die Auswahl der richtigen Absicherungen wird in diesem Jahr entscheidend sein2. Gold – eine unserer bevorzugten Portfolio-Absicherungen – rückt wieder in den Fokus, und wir sehen weiteres Potenzial. Doch auch eine oft unterschätzte Anlage rückt verstärkt in den Blick: der japanische Yen.

Nach Jahren im Abseits beweist der Yen erneut sein Potenzial als Absicherung in unsicheren Zeiten. In der folgenden Analyse zeigen wir, warum Investoren seine Rolle in einem ausgewogenen Portfolio überdenken sollten.

Starke Unterbewertung

Anfang 2022 büßte der Yen seine Attraktivität als Portfoliodiversifikator ein. Während andere große Zentralbanken ihre Geldpolitik strafften, hielt die Bank of Japan (BoJ) an ihrer ultralockeren Zinspolitik fest. Diese Divergenz befeuerte den Yen-Carry-Trade: Investoren setzten verstärkt auf Short-Positionen in der japanischen Währung. In der Folge weitete sich der negative annualisierte Carry des Yen gegenüber dem US-Dollar auf -6 % aus, bevor er sich auf -4 % verringerte.

Zwischen 2021 und Mitte 2024 verlor der Yen rund 36 % gegenüber dem US-Dollar und 28 % gegenüber dem Euro. Damit erreichte USD/JPY das höchste Niveau seit den späten 1980er-Jahren. Heute ist der Yen gegenüber dem Euro und US-Dollar historisch unterbewertet (Abbildung 1).

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Für Investoren stellt sich die Frage, ob Japan seine geldpolitische Ausrichtung ändern wird – und welche Auswirkungen dies auf die Währungspositionierung hätte. Eine Kehrtwende könnte den Yen als Absicherung und Diversifikationsinstrument wieder attraktiv machen. Das Verständnis dieser Dynamik ist entscheidend, um Währungsrisiken effizient zu steuern und Chancen in globalen Portfolios gezielt zu nutzen.

Die beiden FX-Muster

Bewertungsmaßstäbe wie die Kaufkraftparität (PPP) haben in entwickelten Märkten eine prognostische Aussagekraft. Das liegt daran, dass Währungen typischerweise zwei Mustern folgen3:

Muster 1: Abweichungen von der Kaufkraftparität (PPP) tendieren dazu, sich im Laufe der Zeit ihrem langfristigen Mittelwert anzunähern. Abbildung 2 zeigt das Muster der Mean Reversion über einen Zeitraum von fünf Jahren.

Die horizontale Achse zeigt die Abweichung der realen Wechselkurse entwickelter Märkte von der Kaufkraftparität (PPP) zu einem bestimmten Zeitpunkt. Je weiter ein Punkt nach rechts auf der x-Achse liegt, desto größer ist die Überbewertung der Währung im Verhältnis zu ihrer Kaufkraftparität (PPP). Die vertikale Achse zeigt die Veränderung des realen Wechselkurses in den nächsten fünf Jahren. Zwar handelt es sich nicht um eine perfekte Übereinstimmung, aber die negative Trendlinie zeigt ein klares Muster: Überbewertete Währungen (rechte Hälfte der Abbildung) neigen zur Abwertung (untere Hälfte), während unterbewertete Währungen oft eine Aufwertung erfahren.

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Muster 2: Die Mean Reversion-Eigenschaft bei Wechselkursen erfolgt vorwiegend durch nominelle Wechselkurse und nicht durch Preisniveaus. Das bedeutet, dass sich das Mean Reversion-Verhalten direkt im Wechselkurs zeigt, was wir als Investoren gezielt nutzen können. Diese wichtige Beobachtung unterstreicht das Gewinnpotenzial von Value-basierten Währungsstrategien im Laufe der Zeit.

Da die Kaufkraftparität (PPP) auf realen Werten basiert, ist es entscheidend, zwischen Preisveränderungen und Wechselkursbewegungen zu unterscheiden, um ihre Prognosekraft richtig einzuschätzen. Abbildung 3 veranschaulicht dies, indem sie die Veränderungen der realen Wechselkurse über fünf Jahre den entsprechenden nominellen Wechselkursänderungen gegenüberstellt. Die starke Ausrichtung der Datenpunkte entlang einer positiv geneigten Trendlinie – mit einem außergewöhnlich hohen R²-Wert – zeigt, dass Anpassungen der realen Wechselkurse hauptsächlich durch Veränderungen der nominellen Wechselkurse getrieben werden.

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Diese beiden Muster zeigen, dass Über- und Unterbewertungen von Währungen im Zeitverlauf korrigiert werden, wobei die Anpassung hauptsächlich durch nominelle Wechselkurse erfolgt. Dies stärkt die These, dass Abweichungen von der Kaufkraftparität (PPP) ein verlässliches Signal für FX-Strategien darstellen können.

Kurzfristige Unterstützung für den Yen

Die historische Unterbewertung des Yen und seine statistisch signifikante Rückkehr zum fairen Wert unterstreichen sein Aufwärtspotenzial. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass wir hier von einem mittelfristigen Effekt sprechen, da die Mean Reversion-Tendenz erst nach ein bis zwei Jahren signifikant wird. Daher verwenden wir dieses Signal nicht für kurzfristige Handelsentscheidungen - es sei denn, spezifische Auslöser beschleunigen die Rückkehr zur Kaufkraftparität.

Wir glauben, dass solche Katalysatoren aktuell wirken. Über seine Unterbewertung hinaus könnte der Yen von den sich verringernden Zinsdifferenzen zwischen Japan und anderen großen Volkswirtschaften wie den USA4 und Europa profitieren. Während die Federal Reserve und die Europäische Zentralbank ihren Lockerungszyklus weiter fortsetzen, scheint Japan sich einer Normalisierung der Geldpolitik zu verschreiben. Anzeichen sinkender Deflationsrisiken mehren sich und stützen den Kurs der BoJ, sich von der ultralockeren Geldpolitik zu lösen – wodurch eine wichtige Rechtfertigung für Short-Positionen im Yen entfällt.

Der Yen war jahrelang eine bevorzugte Short-Position in Carry-Trades, aber dieser Politikwechsel dürfte zu einer Umkehr führen. Daher sehen wir Potenzial für eine Auflösung dieser Positionen, insbesondere wenn sich die Zins- und Ertragsdifferenzen zugunsten des Yen bewegen.

Wie wir navigieren

Seit Januar hat sich der Marktfokus rasant verschoben, wobei insbesondere geopolitische Herausforderungen seit Mitte Februar die Widerstandsfähigkeit der Märkte testen. Trotz unserer konstruktiven mittelfristigen Einschätzung bleiben wir angesichts der anhaltenden Unsicherheit5 wachsam und setzen weiterhin auf selektive Portfolio-Absicherungen wie Gold, Put-Option-Strategien und – wie bereits erwähnt – den Yen.

Die jüngste Auflösung des Carry Trades mit einer einhergehenden Aufwertung des Yen um 5 % in nur zwei Handelstagen verdeutlicht eindrucksvoll seine Schutzfunktion in Phasen wirtschaftlicher Unsicherheit.

Seit letztem Sommer halten wir eine aktive Übergewichtung im Yen. Die zunehmende „Hawkishness“ der BoJ im Jahr 2025 bestätigt unsere Einschätzung sinkender Zinsdifferenzen zwischen Japan und dem Rest der Welt – ein wahrscheinlich fundamentaler Rückenwind für den Yen in diesem Jahr.

 

 

 

 

 

1. Siehe “Die Handelsspannungen meistern” für eine Szenarioanalyse zu wechselseitigen Zöllen.
2. Siehe “Makroökonomische Unterstützung für Gold” für unseren Goldausblick.
3. Siehe M. Ca’Zorzi and M. Rubaszek (2018) “Exchange rate forecasting on a napkin” für weitere Details.
4. Die Begründung für unsere Ansicht zu niedrigeren US-Renditen ist in “Quanta Byte: Ein Schock für die Magnificent Seven – aber nicht für den Markt”.
5. Siehe “Bescheidene Neujahrsvorsätze” für unsere Einschätzung der Marktrisiken im Jahr 2025.
 

 

 

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