Die Handelsspannungen meistern
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Die Märkte bewegen sich rasant. Nur eine Woche nach der durch DeepSeek ausgelösten Korrektur der „Magnificent 7“ hat Donald Trump die Handelsspannungen neu entfacht. Der Zeitpunkt war zwar etwas unerwartet, doch eine höhere Marktvolatilität im Jahr 2025 entsprach unseren Erwartungen1.
Trotz des ersten Schocks durch die angekündigten Zölle auf Kanada, Mexiko und China – gefolgt von einem umfassenden 25 %-Zoll auf Stahl- und Aluminiumimporte ab dem 12. März – haben die Märkte die Nachricht relativ gut verarbeitet. Die Marktbewegungen der letzten beiden Wochen spiegeln die wirtschaftlichen Auswirkungen höherer US-Zölle wider. Als Nettoimporteur dürfte die US-Wirtschaft kurzfristig kaum mit Wachstumsproblemen konfrontiert sein, allerdings könnten die Zölle den Inflationsdruck erhöhen. Im Gegensatz dazu dürften exportabhängige Volkswirtschaften – insbesondere jene mit engen Handelsbeziehungen zu den USA – eher ein schwächeres Wachstum als einen signifikanten Inflationsanstieg zu spüren bekommen.
Diese Unterschiede erklären die jüngsten Bewegungen an den Kapitalmärkten. Während die Renditen von US-Staatsanleihen gestiegen sind, haben sich die Renditen europäischer Anleihen rückläufig entwickelt. Gleichzeitig haben die Unsicherheiten rund um die Zölle den Goldpreis und den japanischen Yen in die Höhe getrieben, da Anleger verstärkt auf sichere Häfen setzen.
Obwohl die Märkte die ersten Zollankündigungen schnell verarbeitet haben, steht eine weitreichende Veränderung bevor. Donald Trump hat angedeutet, dass er sogenannte reziproke Zölle einführen möchte – also US-Importzölle auf das Niveau anzuheben, das andere Länder auf amerikanische Produkte erheben. Diese Maßnahme könnte weitreichende Folgen auf die wirtschaftliche Entwicklung und die Märkte haben, da Handelsströme, Unternehmensgewinne und die Anlegerstimmung davon beeinflusst würden.
Was bedeutet das für Investoren? Werfen wir einen Blick auf mögliche Szenarien und deren Auswirkungen auf die Märkte.
Die Komplexität reziproker Zölle
Abbildung 1 zeigt die Länder mit den größten durchschnittlichen Zollunterschieden2 (blaue Balken), wobei Indien, Thailand und Brasilien besonders herausstechen. Allerdings stellen die blauen Balken lediglich einfache Durchschnittswerte auf Länderebene dar. Es bleibt unklar, ob die USA reziproke Zölle tatsächlich auf dieser Ebene einführen werden, um die Unterschiede auszugleichen.
Bisher hat sich Trumps Handelspolitik nicht ausschließlich auf durchschnittliche Zolldifferenzen auf Länderebene konzentriert. Stattdessen scheint ein produktbezogener Ansatz wahrscheinlicher – mit einem Fokus auf Branchen mit den größten Ungleichgewichten (schwarze Balken). Unter dieser produktbezogenen Gewichtung stechen insbesondere die Türkei, Indien, Indonesien und Vietnam hervor. Für die großen europäischen Volkswirtschaften wäre die Auswirkung in US-Dollar gemessen hingegen relativ moderat.
Ein Vorteil reziproker Zölle auf Länderebene wäre die einfachere Umsetzung. Ein produktbezogener Ansatz könnte hingegen die gesamten US-Importzölle um einen Prozentpunkt stärker ansteigen lassen – ein Aspekt, den Trump möglicherweise als gerechter betrachtet.
Wie in Abbildung 1 gezeigt, würde die Gewichtung der Zolldifferenzen nach Produkten für einige Länder zu deutlich stärkeren Zollanpassungen führen, andere hingegen (wie die EU) wären weniger betroffen. Während viele Waren in der EU kaum oder gar nicht betroffen wären, könnten bestimmte Branchen – etwa die deutsche Automobilindustrie – erhebliche Anpassungen spüren. Daher mag die Gesamtwirkung auf die EU in US-Dollar gemessen moderat ausfallen, doch für einzelne Industrien könnte sie dennoch erheblich sein.
Die Rolle der Mehrwertsteuer
Reziprozität im Handel ist komplexer, als es auf den ersten Blick scheint. Zwar stehen Zölle oft im Mittelpunkt, doch es könnten auch zollfremde Handelsbarrieren eine Rolle spielen – etwa Lizenzanforderungen oder Hygieneinspektionen. Obwohl die Berücksichtigung dieser Faktoren die Zollberechnungen zusätzlich verkomplizieren würde, könnte ein weiterer Aspekt zunehmend an Bedeutung für die Handelspolitik gewinnen: die Unterschiede in der Mehrwertsteuer. Historisch gesehen hat die US-Regierung Mehrwertsteuern nicht als Handelshemmnis betrachtet3 – auch nicht in ihrem jährlichen Handelsbericht (Trade Estimate Report). In einem kürzlich geführten Interview deutete jedoch Kevin Hassett, Leiter des National Economic Council, an, dass Unterschiede bei der Mehrwertsteuer in die Überlegungen zu reziproken Zöllen einfließen könnten. Dies würde insbesondere Länder mit höheren Mehrwertsteuersätzen unter Druck setzen – allen voran in Europa.
Wie in Abbildung 2 dargestellt, sind die Unterschiede bei den Mehrwertsteuersätzen zwischen den USA und der Europäischen Union am größten, gefolgt von Indien, Mexiko und Kanada. Würden diese Unterschiede in die US-Zollpolitik einfließen, könnten sich die Handelskosten insbesondere für Länder mit hohen Mehrwertsteuersätzen verändern.
Abbildung 3 ermöglicht eine einfache Berechnung des ökonomischen Effekts, bei der die Exportabhängigkeit jedes Landes einem Szenario gegenübergestellt wird, in dem die USA ihre Zölle auf Basis von Mehrwertsteuer- und Zollunterschieden erhöhen – ein eher unwahrscheinliches Worst-Case-Szenario.
Da sich die Handelspolitik weiterentwickelt, beobachten wir genau, wie diese Veränderungen die globalen Lieferketten und Unternehmensgewinne beeinflussen könnten.
Wie wir navigieren
Die zurückhaltende Reaktion des Marktes Anfang Februar überraschte viele. Zwei Schlüsselfaktoren erklären dies. Erstens ist das Risiko eines Handelskriegs kein unvorhersehbarer Schock mehr – es war schon während der ersten Amtszeit von Donald Trump ein prägendes Thema. Zweitens haben die meisten betroffenen Länder – mit Ausnahme von China – mit Zugeständnissen und nur milden Gegenmassnahmen reagiert und eine sofortige Eskalation vermieden.
Klar ist jedoch, dass Unsicherheit bleibt. Der Umfang der reziproken Zölle ist unklar, und die Stabilität an den Finanzmärkten hängt davon ab, wie sie definiert werden. Ein Ansatz auf Länderdurchschnittsebene könnte die Verwerfungen begrenzen, aber umfassendere Maßnahmen – einschließlich Anpassungen auf Produktebene und Mehrwertsteuerunterschiede – würden wahrscheinlich die Marktvolatilität erhöhen. Bestimmte Branchen, wie etwa die Automobilproduktion, könnten einem besonders hohen Druck ausgesetzt sein.
Da die Unsicherheit in der Handelspolitik voraussichtlich bestehen bleibt, sollten Anleger wachsam bleiben. Während wir unseren konstruktiven Marktausblick5 und eine Long-Position in Aktien beibehalten, könnten Absicherungsstrategien in diesem Jahr entscheidend für die Performance sein.
Bisher haben unsere Tail-Hedges – wie der japanische Yen und Gold6 – starke Ergebnisse geliefert, wobei Gold neue Höchststände erreicht hat. Gleichzeitig haben europäische Aktien in den letzten Wochen überdurchschnittlich abgeschnitten, getrieben von der Erwartung fiskalischer Anreize nach den Wahlen in Deutschland und Trumps Entscheidung, Zölle auf Kanada und Mexiko zunächst zu verschieben.
Blickt man nach vorne, so verstärkt der Fokus auf reziproke Zölle – insbesondere deren potenzielle Auswirkungen auf Europa – unsere Ansicht, dass eine Long-Position in europäischen Anleihen attraktiver erscheint als die US-Pendants. Des Weiteren sollten Anleger Absicherungsstrategien in Betracht ziehen, um mit der Volatilität umgehen zu können, darunter Put-Optionen auf Aktien, ausgewählte Währungen (JPY und USD) und Rohstoffe (vor allem Gold).
1. Siehe „Bescheidene Neujahrsvorsätze“
2. Die durchschnittlichen Länderzölle stammen aus den “World Tariff Profiles 2024” der WTO und den WITS 2022-Statistiken. Die Zolldifferenz wird berechnet, indem der US-Zollsatz für ein Land von dessen Zollsatz auf US-Produkte abgezogen wird. Ein Beispiel: Laut WITS-Statistiken beträgt der effektiv angewandte Zoll der USA auf britische Waren derzeit 1,3 %, während das Vereinigte Königreich nur 0,7 % auf US-Produkte erhebt. Da die USA in diesem Fall höhere Zölle erheben als Großbritannien, ist der blaue Balken in Abbildung 1 nicht sichtbar.
3. Die USA haben die Mehrwertsteuer bisher nicht als Handelshemmnis betrachtet, wahrscheinlich weil sie keine Benachteiligung ausländischer Unternehmen darstellt – alle Unternehmen und Verbraucher innerhalb eines Landes unterliegen der gleichen Steuer. Bei der Einfuhr von Waren wird die Mehrwertsteuer normalerweise bei der Einreise fällig. Importeure müssen sie im Voraus zahlen, können sie jedoch in der Regel als Vorsteuer zurückfordern, wenn die Waren für umsatzsteuerpflichtige Geschäftstätigkeiten verwendet werden. Allerdings führt dies zu einer Belastung des Cashflows, da Unternehmen zunächst die Mehrwertsteuer zahlen müssen und diese später über ihre Steuererklärung zurückerhalten.
4. Für weitere Details können Sie das kürzliche Interview mit Kevin Hassett in “Bloomberg Talks" anhören.
5. In unserer letzten Quanta Byte-Ausgabe, “ Bescheidene Neujahrsvorsätze”, hoben wir das günstige wirtschaftliche Umfeld für die Finanzmärkte hervor.
6. Siehe „Erneuerte makroökonomische Unterstützung für Gold“ für unseren Ausblick auf Gold.
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