Japanisiert sich China gerade?
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Kurz und bündig
- Es gibt Ähnlichkeiten zwischen dem heutigen China und dem Japan der 1980er und 1990er Jahre, wie zum Beispiel die hohe Verschuldung, der Zustand des chinesischen Immobilienmarkts und die ungünstige demografische Entwicklung.
- Zwar gibt es mehrere Parallelen, aber es ist kein Eins-zu-eins Vergleich. Es gibt Unterschiede im Umfeld des Aktienmarkts und der Währungsentwicklung.
- Sollte sich China in der gleichen Situation wie Japan befinden, würde sich dies auf die gesamte Weltwirtschaft auswirken, da China einen viel höheren Anteil am globalen BIP hat und für die Rohstoffmärkte von grosser Bedeutung ist.
Der Sony-Walkman als begehrte technologische Spielerei, die ersten Spielkonsolen von Nintendo, welche die Kinderherzen höherschlagen liessen, die Autos von Toyota und Honda, welche die Strassen der Welt eroberten – diese japanischen Erfolgsgeschichten verkörperten den Phönix, der aus der Asche stieg, nachdem der Zweite Weltkrieg die Industrie des Landes beinahe zerstört hatte. Doch das Wirtschaftswunder Japan war nicht von Dauer und mündete in der «Verlorenen Dekade». Dann lief ihm China den Rang als zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt ab. Ein Vergleich des gestrigen Japans mit dem heutigen China wirft die Frage auf, ob Letzterem ein ähnliches Schicksal widerfahren könnte.
Japan erlebte nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die frühen 1990er Jahre einen Wirtschaftsboom. 1988 übertraf der theoretische Wert des Landes jenen der flächenmässig fast 25 Mal grösseren USA um das Vier- bis Fünffache, und die Preise für Immobilien kletterten in schwindelerregende Höhen. Ein Jahr später hatten acht der weltweit zehn grössten Unternehmen, gemessen an der Marktkapitalisierung, ihren Sitz in Japan, und der Aktienindex Nikkei 225 erklomm ein Hoch nach dem anderen.
Japanische Unternehmen zeigten sich Ende der 1980er ebenfalls mutig. Die Mitsubishi Estate Co. übernahm zum Beispiel einen Mehrheitsanteil von 51 Prozent an der Rockefeller Group Inc., die Eigentümerin des Rockefeller Centers und anderer bekannter Immobilien im Zentrum von Manhattan war.
Die Entscheidungsträger der japanischen Notenbank (BoJ) waren in Sorge um die überhitzte Konjunktur, griffen aber kaum ein, vor allem nach dem Schock des Schwarzen Montags von 1987. Doch Ende 1989 hob Yasushi Mieno, gerade erst eine Woche im Amt als neuer BoJ-Chef, den Leitzins an und liess verlauten, dieser Schritt werde der Binnenwirtschaft zu einem nachhaltigen Wachstum verhelfen und gleichzeitig Preisstabilität gewährleisten. In den Monaten danach erfolgten weitere Zinserhöhungen. Dann platzte die Vermögensblase mit dem Resultat einer Bilanzrezession1 und der «Verlorenen Dekade». Bis 1992 verlor der Nikkei 225 fast zwei Drittel an Wert. Die Immobilienpreise brachen bis 2001 um rund 70 % ein.
China – das «Japan 2.0»?
China weist beachtenswerte Ähnlichkeiten zu Japan auf, etwa die hohe Verschuldung. In Japan beliefen sich die Schulden der Privathaushalte in den 1990er Jahren auf fast 70 % des Bruttoinlandprodukts (BIP). Die Verschuldung Chinas schwoll von etwa 11 % Anfang der 2000er Jahre auf 62 % im dritten Quartal 2023 (zuletzt verfügbare Daten) an (Grafik 1).
Auch die Lage an Chinas Immobilienmarkt erinnert an das, was in Japan geschah. Nach Jahren rasant steigender Wohnungspreise in China geriet das stark fremdfinanzierte Geschäftsmodell von Immobilien-Entwicklern unter Druck. Im Januar ordnete ein Gericht in Hongkong die Liquidation des ins Schlingern geratenen Immobilien-Riesen Evergrande an. Eine weitere Eskalation der Krise könnte drastische Folgen zeitigen, macht doch der Immobilienmarkt fast 30 % des chinesischen BIP aus.
Dieses wird sich laut dem Internationalen Währungsfonds von rund 5 % für 2023 auf 4,6 % für 2024 und 3,5 % für 2028 verlangsamen (Grafik 2). Das verdeutlicht der nachlassende Preisdruck, wobei sich eine Verstärkung der Deflation abzeichnet. Günstigere Preise bergen aber das Risiko, dass Konsumenten, auf weitere Preissenkungen hoffend, ihre Käufe aufschieben und so eine Deflationsspirale auslösen – wie in Japan, wo diese Jahrzehnte anhielt.
Beide Länder kämpfen mit ungünstigen demografischen Trends. So schrumpft etwa der Bevölkerungsanteil Erwerbstätiger. Auch die Fertilitätsrate (Anzahl Geburten pro Frau) sinkt. In Japan erreichte sie 1967 mit 2,2 ihren Höchststand, sank dann kontinuierlich auf 1,5 Anfang der 1990er Jahre und stagniert seit 2020 bei 1,3. In China ist sie mit 1,2 (zuletzt verfügbare Zahl für 2021) sogar noch niedriger (Grafik 3).
Ebenfalls an Japan erinnert, wie sich Chinas Beziehung zu den USA in den letzten Jahren verschlechterte (Handelskrieg, Rückverlagerung der Produktion in die Heimat etc.), womit sich China zunehmende Kritik aus den USA wegen unfairer Handelspraktiken einhandelte.2
Was spricht gegen eine Japanisierung Chinas?
Als erstes scheint Chinas Wirtschaft zwar mit einem überhitzten Immobilienmarkt, nicht aber mit einer Blase am Aktienmarkt zu kämpfen. Auf dem Höhepunkt der japanischen Blase handelte der Nikkei 225 bei einem Kurs / Gewinn-Verhältnis (KGV) von 70 ×. Der Shanghai Composite handelt derzeit bei 12 × (Grafik 4).
Des Weiteren wertete der japanische Yen nach dem Plaza-Abkommen3 von 1985 innerhalb weniger Monate um 20 % auf. Der chinesische Yuan wird dies nicht tun, weil Chinas Behörden ihn steuern. Ausserdem ist China trotz seines wachsenden weltweiten Einflusses immer noch ein Schwellenland.
Auch Trends wie die seit Jahren zunehmende Verstädterung sprechen gegen eine Japanisierung Chinas, da solche oftmals mit einem höheren Wirtschaftswachstum einhergehen.
Und nicht zuletzt sind die chinesischen Entscheidungsträger im Vorteil, können sie doch aus der Wirtschaftsgeschichte Japans Lehren ziehen.
Denkanstoss
Auch wenn wir zwischen dem heutigen China und dem Japan der 1980er und 1990er Jahre einige Parallelen ausmachen können, hinkt der Vergleich. Wäre China in der gleichen Situation wie Japan, würde dies die gesamte Weltwirtschaft in Mitleidenschaft ziehen. Denn China steuert einen wesentlich grösseren Anteil zum weltweiten BIP bei und ist auch für die Rohstoffmärkte essenziell.
China wird seine Wirtschaft wohl eher mittels unterstützender Fiskalpolitik als mittels Geldpolitik ankurbeln müssen (Grafik 5).
1. Bilanzrezession bezeichnet eine Phase mit Deflation und schwachem Wachstum. Sie tritt ein, wenn die Wirtschaft unter hoher Privatverschuldung weniger wächst oder gar schrumpft, weil nicht mehr die Investitionen und Ausgaben im Vordergrund stehen, sondern die Schuldentilgung. Laut Wirtschaftswissenschaftler Richard C. Koo sollte eine Bilanzrezession nicht mittels Geldpolitik (d. h. Leitzins-Senkungen), sondern mittels Fiskalpolitik bekämpft werden..
2. Quelle: Artikel der Denkfabrik Bruegel, «Will China’s trade war with the US end like that of Japan in the 1980s?», publiziert am 13. Mai 2019.
3. Abkommen zwischen Frankreich, Westdeutschland, Japan, den USA und Grossbritannien zur Schwächung des überbewerteten US-Dollar.