Quality Growth
Experten im Segment Globale Aktien seit 1984.
Die Kommunistische Partei Chinas tritt seit Kurzem aggressiver auf und löst damit in der internationalen Anlegercommunity Besorgnis aus. Der von der Aufsicht erzwungene Verzicht auf den Börsengang durch die Ant Group sah zunächst wie ein Einzelfall aus. Nun zeichnet sich aber ab, dass es sich um einen weitreichenderen Trend handelt, der nicht nur die grossen Internetunternehmen betrifft. Der jüngste Streich der KPCh, bei dem sie die 100 Milliarden US-Dollar schwere Bildungsbranche ins Visier nimmt, wird sogar als noch beunruhigender betrachtet – denn es scheint, als würde der Wert zahlreicher Aktien aus diesem Sektor nun mit hoher Wahrscheinlichkeit vollständig vernichtet. Dies befeuert die Sorgen, dass weitere Massnahmen zu erheblichen Anlegerverlusten in anderen Bereichen führen werden. Schliesslich können derartige aufsichtsrechtliche Schritte dazu führen, dass die Rentabilität erheblich leidet oder Eigentumsverhältnisse ihre Gültigkeit verlieren. Wer Anlegern helfen will, mit diesen Umbrüchen zurechtzukommen und hoffentlich von ihnen zu profitieren, muss zwingend verstehen, was die grösseren Zusammenhänge sind und was die Regierung letztlich erreichen will.
Die chinesische Regierung verlagert ihre Prioritäten zunehmend weg von übergreifendem Wirtschaftswachstum und hin zu inklusivem Wachstum. Es wurde gerade erst damit begonnen, bei den politischen Weichenstellungen den Kostendruck zu berücksichtigen, der auf Familien mit mittlerem und geringem Einkommen lastet. Aus diesem Grund wurde der Bildungssektor ausgewählt: Er gehört zu den Bereichen, in denen Familien mehr ausgeben, als sie sich leisten können, damit ihre Kinder die besten Ergebnisse bei Zulassungsprüfungen erreichen und sich im besten Fall einen der sehr raren Plätze an einer Top-Universität sichern. Allerdings wird diese Branche wohl dennoch nicht verschwinden. Solange Eltern einen Anreiz haben, ihren Kindern oder Enkelkindern einen Vorteil zu verschaffen, werden sie Geld dafür in die Hand nehmen. Viele werden nun nicht mehr auf die grossen börsennotierten Plattformen zurückgreifen, sondern stattdessen in informelle Arrangements mit privaten Lehrkräften investieren.
Ein weiterer Fokus liegt auf den Wohn- und Gesundheitskosten. Die Gesundheitskosten, etwa im Bereich Arzneimittel, stehen bereits unter empfindlichem Preisdruck. Hier dürfte es künftig also weniger Überraschungen durch Preisrückgänge geben. Bislang galt die Überzeugung, dass nicht-wesentliche medizinische Dienstleistungen vor Preisdruck sicher sind. Unternehmen wie Aier Eye Hospital, das vorwiegend ausserhalb des staatlich finanzierten Systems agiert und dennoch wesentliche Gesundheitsleistungen anbietet, könnten ausserhalb der Gefahrenzone sein. Angesichts der wachsenden Risiken durch unbekannte Veränderungen politischer Vorgaben lohnt es sich jedoch möglicherweise nicht, das Hundertfache des Ertrags für die Aktie zu bezahlen, da so erhebliche Verluste möglich werden. Es besteht eine kleine, aber reelle Chance, dass die Regierung diese Unternehmen eines Tages ebenfalls in gemeinnützige Organisationen umwandelt.
Bezahlbarer Wohnraum ist zweifellos ebenfalls ein drängendes Thema, aber wohl nur schwer durch sofortige politische Vorgaben zu lösen. Die Regierung versucht seit langer Zeit konsequent, die Immobilienpreise unter Kontrolle zu halten, wenn auch mit begrenztem Erfolg. Da der Bausektor eine wichtige kommunale Einnahmequelle und ein bedeutender Arbeitgeber ist, dürfte das Risiko einschneidender Veränderungen nicht allzu gross sein. Angesichts des erhöhten Finanzierungsdrucks für Bauherren wird die Regierung wahrscheinlich vorläufig vor allzu extremen Schritten in diesem Bereich zurückschrecken.
Die bisherigen politischen Massnahmen waren auf sofortige Wirkung ausgelegt. Langfristig könnte es jedoch auch zielführend sein, sich stärker auf verdächtigen Konsum durch die Reichen zu konzentrieren. Dies würde bedeuten, dass Unternehmen wie baijiu, Autos der Premiumklasse oder europäische Luxusgüter als zunehmend riskante Anlagen betrachtet werden sollten. Sofern die Regierung Macau nicht endlich den Rest geben will, dürfte der Glücksspiel-Sektor eher nicht ins Visier genommen werden. Dafür sprechen die nachklingenden Folgen der letzten Massnahmen zur Korruptionsbekämpfung und der Covid-bedingten Reisebeschränkungen.
Tech-Unternehmen werden weiterhin als Speerspitze der Innovation gesehen, doch auch hier werden die Anforderungen steigen. Anleger dürften mit erhöhten F&E-Ausgaben rechnen, die nicht zwingend zu neuen Umsätzen oder Gewinnen führen. Unter dem Strich wird dies im Zeitverlauf wohl zu geringeren Kapitalrenditen führen. Im Gegenzug unterliegen Unternehmen, die sich nicht deutlich um eine Verbesserung ihres gesellschaftlichen Beitrags bemühen, einem erhöhten Risiko verschärfter staatlicher Beobachtung.
Auf einem Forum für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) in Changsha hat Vizepremier Liu He jüngst seine Entschlossenheit bekräftigt, KMU als Jobmotor zu unterstützen. Sollte die Aufsicht zu dem Schluss kommen, dass die Plattformunternehmen bei den Kanalkosten zu aggressiv vorgehen, könnte dies ein Risiko darstellen. Die Regierung nimmt Löhne, Sozialleistungen und die Arbeitsbelastung von Gig Workern bereits jetzt stärker in den Blick. Zusätzliche Massnahmen sind nicht auszuschliessen.
Wer in China investiert, sollte sich im Klaren sein, dass die Entscheidungen der KPCh absoluten Vorrang haben. Unternehmen haben keine Möglichkeit, sich vor Gerichten oder auch nur in den Augen der Öffentlichkeit zu verteidigen. Auch wenn es keinerlei Anzeichen dafür gibt, dass das chinesische Bekenntnis zu Kapitalmärkten und Privateigentum erodiert, sollte stets klar sein, dass Investitionen in China mit einem erhöhten Risiko einhergehen. Dieses Risiko war immer da, es liegt jetzt nur offener zutage. Zwar haben Regierungsvertreter zuletzt versucht, die Märkte zu besänftigen und ihr Bekenntnis zur Marktöffnung für Auslandsinvestitionen bekräftigt – doch dieses Bekenntnis gilt nur, solange es als vorteilhaft für die Regierungsziele betrachtet wird.
Aufgrund der jüngsten Veränderungen nehmen die internationalen Anleger eine Neubewertung der Risiken vor, die mit den altbewährten VIE-Strukturen (Variable Interest Entities) einhergehen. Diese erlauben es Hightech-Unternehmen, die Beschränkungen für Auslandsinvestitionen zu umgehen. Die jüngsten Kommentare von Regierungsvertretern deuten jedoch weiter darauf hin, dass derzeit wohl keine Anpassungen zu befürchten sind. Allerdings dürften die Probleme rund um den Börsengang von Didi zu Anpassungen führen, die eine US-Kotierung chinesischer Unternehmen zwar nicht vollständig verbieten, aber deutlich unattraktiver machen. Auf der US-Seite wird die SEC von chinesischen Unternehmen eine erhöhte Offenlegung von Risiken fordern, ihnen aber weiterhin eine Kotierung an US-Börsen erlauben. Angesichts der Unstimmigkeiten, die zwischen den USA und China bei chinesischen ADRs mit Blick auf Offenlegungen und Zugang zu Dokumentation aufgekommen sind, könnte eine US-Börsenkotierung nicht länger tragbar sein – zumindest für Unternehmen, die offiziell als strategisch bedeutend gelten. Jetzt, da Hongkong zu einer höchst effektiven Alternative geworden ist, wird letztlich wohl die Hongkonger Börse von dieser Angelegenheit profitieren. Auch für den Shanghai STAR Market könnten sich nach und nach einige Chancen entwickeln.
Es mehren sich die Anzeichen, dass die Regierung erkennt, bei den Veränderungen zu früh und zu schnell gewesen zu sein. In der Vergangenheit hat die Regierung die Markterwartungen aktiv gesteuert und sie erkennt, dass ein erheblicher und ungeordneter Abverkauf an den Märkten die Volkswirtschaft insgesamt breit schädigen kann. Daher ist damit zu rechnen, dass sie schon bald mehr tun wird, um den Abverkauf zu stabilisieren.
Sollte die Regierung ihr übergeordnetes politisches Ziel erreichen, den finanziellen Druck von Haushalten und kleineren Unternehmen zu lindern, so wäre der erste Vorteil höchstwahrscheinlich ein Anstieg der Ausgaben für zyklische Konsumgüter. Folglich dürften Unternehmen, die Basiskonsumgüter, kleinere zyklische Konsumgüter oder Reise- und Unterhaltungsangebote verkaufen, besonders schnell profitieren. Angesichts dieser akuten und anhaltenden Herausforderungen sollten Anleger bewerten, was die Regierung erreichen will und ihre Anlagen bestmöglich auf diese Zielsetzung abstimmen – oder zumindest versuchen, nicht in jene Unternehmen zu investieren, die diesen Zielen im Wege stehen.
The views and opinions herein are those of the individuals mentioned above and do not reflect the opinions of Vontobel Asset Management or Vontobel Group as a whole. The views may change at any time and without notice. This document is for information purposes only and does not constitute an offer, solicitation or recommendation to buy or sell any investment instruments, to effect any transactions or to conclude any legal act of any kind whatsoever.