ESG und Schwellenländeranleihen: weniger Volatilität, solide Rendite
Fixed Income Boutique
Schwellenländeranleihen sind nach wie vor eine unterinvestierte Anlageklasse, da sie als relativ riskant und illiquide gilt. Wie sehen aber, dass sich die Fundamentaldaten mit attraktiven Bewertungen (erhöhte Erträge) und einer ordentlichen Performance der Tech-Aktien zu Gunsten der Schwellenländer entwickeln. Tatsächlich zeigte unsere Umfrage unter Anlegern in festverzinsliche Wertpapiere aus dem Jahr 2023 in allen Regionen ein deutlich gesteigertes Interesse am Schwellenland-Sektor. In den kommenden 24 Monaten planen Anleger in festverzinsliche Wertpapiere basierend auf diesen Ergebnissen eine stärkere Allokation in verschiedenste Wertpapiere aus Schwellenländern, von Unternehmensaktien bis hin zu Staatsanleihen.
Wir stellten jedoch auch fest, dass die Anleger in festverzinsliche Wertpapiere die ESG-Kriterien zwar schätzen, diese aber bei den Anlegern, die sich auf Anlagen in Schwellenländer konzentrieren, von geringerer Priorität sind. Nach dem dritten Jahrestag der Auflegung unseres Teilfonds Sustainable Emerging Market Debt (SEMD) sehen wir nun eine hervorragende Gelegenheit, um auf die Möglichkeiten hinzuweisen, die die ESG-Kriterien denjenigen bieten, die sich für Anlagen in Schwellenländeranleihen interessieren, sich aufgrund politischer und anderer Risiken bisher allerdings zurückgehalten haben.
Zunächst glauben wir, dass sich Anleger nicht bewusst sind, wie weit verbreitet ESG-Kriterien in der Welt der Schwellenlandanlagen sind. Viele Marktbeobachter assoziieren ESG vor allem mit Unternehmen mit hoher Bonität in Industrieländern, da die ESG auf den ersten Blick ein Ergebnis strengerer Regelungen in den wichtigsten Industrienationen sind. ESG können aber auch in den Schwellenmärkten strategisch eingesetzt werden. Ein gutes Beispiel dafür sind die enormen Anstrengungen und finanziellen Ressourcen, die die Golfstaaten aufwenden, um die «Green Economy» zu promoten, die sie kürzlich bei der COP28 in Dubai vorstellten.
Doch die ESG-Kriterien können auch ein wirksames Werkzeug sein, um die risikobereinigten Renditen durch Begrenzung der Volatilität zu verbessern. Die grösste Sorge von Anlegern in Schwellenmärkten ist häufig die grössere Risikolandschaft im Vergleich zu den Industriemärkten. Somit kann die Förderung von ESG-bezogenen Merkmalen mit dem rein pragmatischen Ziel der Verbesserung der finanziellen Performance gleichgesetzt werden.
Unser ESG-Ansatz
Die typische Diskussion zum Thema ESG-Anlagen konzentriert sich hauptsächlich auf das «E» in diesem Akronym: Environmental. Auch, wenn wir komplett hinter diesem Ansatz stehen und die entsprechenden Faktoren auch in unserer Entscheidungsfindung nutzen, sind wir überzeugt, dass die anderen Teile dieses Akronyms in der Welt der Schwellenländer ebenfalls wichtige Aspekte unserer Strategie sind. Das «G» oder Governance-Element ist ein elementares Kriterium für unseren SEMD-Teilfonds, zumindest, wenn es um Staatsanleihen geht.
Das Anlageuniversum des SEMD-Portfolios besteht hauptsächlich aus Staatsanleihen von Schwellenländern, Quasi-Staatsanleihen aus Schwellenmärkten und supranationalen Unternehmen, mit der Möglichkeit einer Diversifizierung in Unternehmensaktien aus Schwellenländern. Angesichts der unterschiedlichen Nutzenfunktionen beispielsweise einer Staatsanleihe im Vergleich zu einem Unternehmenspapier ist es aus ESG-Sicht schwierig, einen «einheitlichen Ansatz für alle» anzuwenden. Ebenso wenig kann man für die fundamentale Kreditanalyse dieser verschiedenen Arten von Emittenten denselben Ansatz verwenden.
Folglich haben wir das «Wasserfall»-Konzept eingeführt, das für mehrere Ebenen einer Kaskade steht, um die unterschiedlichen Arten von Emittenten entsprechend ihrer Nutzenfunktion aus ESG-Sicht zu analysieren. Der so genannte «Wasserfall-Ansatz» fliesst von oben, indem er Staaten über eine Zwischenstufe bewertet und einstuft, während bestimmte Unternehmenssektoren priorisiert und abgewertet werden, bis nach «unten» (d. h. bis zu dem Verständnis, wie wir einzelne Unternehmensemittenten behandeln). So bewerten wir Staaten danach, wie effizient sie ihre knappen Ressourcen einsetzen, wenden aber auch binäre Ausschlusskriterien für nicht demokratische Länder an. Im Unternehmenssektor bevorzugen wir solche Unternehmen, die sich ausdrücklich auf Nachhaltigkeit konzentrieren, und schliessen gleichzeitig solche Sektoren aus, die nach allgemeiner Auffassung nicht mit der Förderung von ESG-Kriterien vereinbar sind (z. B. Glücksspiel, Waffen oder Kohle). Zuletzt priorisieren wir bei Einzelunternehmen explizit solche mit einem «erstklassigen» ESG-Risikomanagement und schliessen diejenigen mit der schlechtesten Performance explizit aus.
Wir investieren zum Beispiel stärker in erneuerbare Energien und in supranationale Institutionen, deren Aufgabe es ist, soziale und infrastrukturelle Projekte oftmals in armen Ländern zu fördern, die es sich nicht leisten können, solche Projekte selbst durchzuführen, oder die sie auf staatlicher Ebene wahrscheinlich viel weniger effizient durchführen würden. Wir glauben, dass derartige Investments den weltweiten Fortschritt antreiben und gleichzeitig Anlegern in Anleihen anständige Erträge bringen.
Für uns ist ein wichtiges, allumfassendes Thema, dass es Emittenten (von Staats- und Unternehmensanleihen), die in Sachen ESG Fortschritte verzeichnen, nach unserer Auffassung verdient haben, von Anlegern mit Fokus auf Nachhaltigkeit in Erwägung gezogen zu werden. Insbesondere in den Schwellenmärkten, in denen verständlicherweise niedrigere Standards herrschen, ist die Tendenz wichtiger als der Ausgangspunkt. Andernfalls riskiert man, sich auf etwas zu konzentrieren, was schon «nicht ganz verkehrt» ist. So würden Wirtschaftsakteure jedoch keinerlei Anreiz erhalten, in diesem Bereich Anstrengungen zu unternehmen.
Die «doppelte Dividende»
Auf der Grundlage unserer Ergebnisse haben wir festgestellt, dass die Anwendung von ESG-Kriterien nicht zu einem Verzicht auf Rendite zugunsten eines ethischeren Portfolios geführt hat. Vergleicht man die risikobereinigten Renditen des Vontobel Fund Sustainable Emerging Markets Bond mit der Morningstar-Kategorie für Mainstream-Schwellenländer-Staatsanleihenfonds in Hartwährung (eine Kategorie mit einem verwalteten Vermögen von mehr als 100 Mrd. USD), so wird deutlich, dass die Information Ratio seit der Einführung dieser Strategie vor etwas mehr als drei Jahren stabil im oberen Quartil liegt.
Die frühere Wertentwicklung ist kein zuverlässiger Indikator für die gegenwärtige oder künftige Performance. Die Angaben zur Wertentwicklung berücksichtigen nicht die bei der Ausgabe und Rücknahme von Anteilen des Fonds gegebenenfalls erhobenen Provisionen und Kosten. Aufgrund von Wechselkursschwankungen zwischen den Währungen kann die Rendite des Fonds sowohl steigen als auch fallen. 1. Ermittlung der Vergleichsgruppe anhand der Morningstar-Methoden und -Kriterien für Fonds-Rankings. Quelle: Vontobel Asset Management, Morningstar Direct, Stand 31.12.2023.
Schauen wir uns an, wie ESG in dieser Strategie der Praxis funktioniert und wie es nutzen und manchmal auch ablenkend sein kann. Ein Land – El Salvador – ist eine Demokratie und kommt daher formell für die Strategie infrage, obwohl der langjährige Präsident Nayib Bukele in der Praxis die Art und Weise, wie das Land regiert wird, bereits mehrfach verändert hat. Anfang 2021, nach seinem klaren Sieg bei den Parlamentswahlen, rückte er zunächst von seiner Absicht ab, das IWF-Programm fortzusetzen, das er den Investoren versprochen hatte, ersetzte eine Reihe von Verfassungsrichtern und leitete ausserdem die umstrittene Einführung des Bitcoin als gesetzliches Zahlungsmittel ein. Wir haben diese Position im Juni 2021 komplett verkauft (zu einem Zeitpunkt, als die Preise mit rund 105 Cent pro Dollar für ELSALV 52 ihren Höchststand erreicht zu haben schienen). Gleichzeitig sank der Kurs der Staatsanleihen in weniger als einem Jahr auf unter 30 Cent. Folglich erwies sich der Ausstieg aus dieser Position aufgrund einer Verschlechterung der Demokratielandschaft als deutlich positiv für die relative Wertentwicklung im Jahr 2021. Zwar haben sich die Staatsanleihen im 2. Halbjahr 2022 und über das Jahr 2023 hinweg deutlich erholt, sie zählten aber zu den volatilsten Staatsanleihen aller Schwellenländer.
Im Bereich der Quasi-Staatsanleihen investierten wir in Air Baltic, eine Fluggesellschaft im Besitz der lettischen Regierung. Air Baltic scheint auf der ESG-Skala in diesem grundsätzlich umstrittenen Sektor recht hoch positioniert zu sein und ihre Bemühungen im Bereich der Nachhaltigkeit fanden ihre Anerkennung durch hohe Platzierungen in mehreren europäischen und lokalen Indizes.1 Sie überlebte zwei Tiefschläge: Die Corona-Pandemie und danach die Volatilität als Folge des Ukraine-Krieges. Der Krieg hat die Airline besonders hart getroffen, da eine ihrer Schwerpunktaktivitäten auf dem Transit von Passagierströmen aus Europa und Asien lag, die mit der Schliessung des europäischen Luftraumes für Russland und umgekehrt komplett auf den Kopf gestellt wurden. Ungeachtet dessen durchläuft das Unternehmen ein von der EU überwachtes Privatisierungskonzept und verschlankt dabei konsequent und erfolgreich seinen Betrieb (einschliesslich der ESG-Elemente des Geschäftsmodells).
Das Thema nachhaltiges Investieren wird für die unterschiedlichsten Investoren immer wichtiger. Wir halten es für einen Fehler, die Schwellenmärkte in dieser Diskussion ausser Acht zu lassen, wenn man bedenkt, wie wichtig die Schwellenländer für das weltweite Wachstum und noch mehr für die Umwelt-Seite und andere ESG-Aspekte sind. Dies zeigte sich kürzlich auch im Rahmen der COP28, bei der die Schwellenländer, von denen viele besonders stark vom Klimawandel betroffen sind, bei vielen zentralen Diskussionen zur Energiewende die Führung übernahmen. Anlagen in ESG-freundliche Anleihen müssen sich NICHT negativ auf Ihre Performance-Kennzahlen auswirken. Ebenso kann der Verzicht auf ESG-feindliche Emittenten die Volatilität senken, die für einige Anleger in festverzinsliche Wertpapiere inakzeptabel ist und mit dem Fortschreiten von Netto-Null und anderen Initiativen, wie der jüngsten COP28, wohl als noch verwerflicher gelten wird.
1. European Sustainable Brand Index 2022; Corporate Sustainability and Responsibility in Latvia