Biodiversität – vom Arten- zum Portfolioschutz

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Artikel 7 Minuten

Kurz und bündig

  • Die Bekämpfung des Artenverlusts kann zu den Zielen für nachhaltige Entwicklung (SDGs) der Vereinten Nationen beitragen und im Hinblick auf die Ziele zum Schutz des Lebens im Wasser und an Land, der Gesundheit und Wasserversorgung sowie der Bekämpfung der Armut Fortschritte anstossen.
  • Unserer Ansicht nach besteht im Hinblick auf den Schutz der natürlichen Ökosysteme dringender Handlungsbedarf. Regierungen sollten Anreize setzen, die ihren Schutz und ihre Bewahrung belohnen und Zuwiderhandlungen sanktionieren. Anreize und Lösungen mit Fokus auf Biodiversität könnten sich für Unternehmen und Anleger mit langfristiger Sichtweise als äusserst vorteilhaft erweisen.
  • Die fünfzehnte Conference of the Parties (COP15) zum Übereinkommen über die biologische Vielfalt ist für den Dezember 2022 geplant und setzt 21 Handlungsziele bis 2030, die unter anderem den Schutz und die Renaturierung von Land- und Wasserflächen in aller Welt betreffen.
  • Als Anleger wünschen wir uns Fortschritte bei der Messung und Überwachung des Biodiversitäts-Fussabdrucks von Ländern, Unternehmen und/oder Fonds. Die Vontobel Conviction Equities Boutique zielt auf Investitionen in Unternehmen ab, die unser Leben und unsere Umweltbilanz verbessern und finanziell eine gute Performance erzielen.

Schutz der Ökosysteme hilft bei Nachhaltigkeits- und Anlagezielen

Joni Mitchells Textzeile hat schon ein paar Jahrzehnte auf dem Buckel, könnte aber ebenso gut von heute stammen: «They paved paradise and put up a parking lot». Die Menschen haben zunehmend in die natürlichen Ressourcen des Planeten eingegriffen und diese verbraucht, indem sie Wälder abholzten, die Meere überfischten und Wasserquellen verschmutzten. Seit 1970, als die Folksängerin ihren Hit «Big Yellow Taxi» veröffentlichte, ist die globale Säugetier-, Fisch-, Vogel-, Reptilien- und Amphibienpopulation um erschreckende 68 Prozent zurückgegangen. Zudem verzeichnen einige Spezies ein deutlich schnelleres Artensterben.1

Die Folgen einer erfolgreichen Bekämpfung des Verlusts an Biodiversität sind nicht zu unterschätzen. Der in diesem Zusammenhang verwendete Begriff «Biodiversität» bezeichnet das Zusammenwirken aller Lebensformen, woraus ein Ökosystem entsteht, das ausgewogen ist und das Leben erhält. Sie ist die Grundlage der natürlichen Ressourcen für unser Überleben: Nahrung, sauberes Wasser, Medizin und Unterkunft. Neben der Befriedigung dieser menschlichen Grundbedürfnisse können der Schutz und die Wiederherstellung von Ökosystemen zudem erheblich zum Erreichen der Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen (SDGs) beitragen. Und wie beim Thema Klimawandel, das weltweit Aufmerksamkeit geniesst, können Unternehmen, Anleger und die Gesellschaft als Ganzes von auf Biodiversität fokussierten Lösungen profitieren.

Können wir sie beziffern?

Es ist leicht zu verstehen, wie wichtig Biodiversität ist; sie zu messen ist allerdings weniger einfach. Einige haben es versucht – und ihre Ergebnisse sind mehr als erhellend. Das Weltwirtschaftsforum und die Swiss Re schätzen den Gesamtwert der Biodiversität auf mehr als 40 Billionen US-Dollar, also rund doppelt so viel wie das BIP der USA und mehr als halb so viel wie das globale BIP.2 Sollte diese Schätzung auch nur annähernd realitätsnah sein, ist mehr als offensichtlich, dass es langfristig töricht und kostspielig wäre, unser natürliches Kapital zu schädigen. In diese Richtung geht auch der Dasgupta-Report3, der die versteckten Kosten der Liquidation natürlicher Wirtschaftsgüter als Hindernis für langfristige Wertschöpfung beschreibt.

Von Bienen bis Mangroven: Biodiversität als Entwicklungsmultiplikator

Studien haben gezeigt, dass eine Bekämpfung des Verlusts an Biodiversität – unter Berücksichtigung von zielübergreifenden Vorteilen und nachteiligen Wechselbeziehungen – eine starke positive Wirkung auf die gesamte SDG-Agenda der Vereinten Nationen hat. Umgekehrt behindern der aktuelle Verlust an Biodiversität und die massive Schädigung der Ökosysteme den Fortschritt bei 80 Prozent der SDG-Zielsetzungen im Hinblick auf das Leben an Land und im Wasser, Wasserversorgung, Gesundheit und Armut.4

Bienen werden zum Beispiel als unverzichtbarer Bestandteil des Ernährungssystems betrachtet, da 35 Prozent der weltweiten Produktion der von uns verzehrten Lebensmittel auf natürliche Bestäubung angewiesen ist. Globale Ernteerträge im Wert zwischen 235 und 577 Milliarden US-Dollar pro Jahr sind vom Bestäuberverlust bedroht.5 Ihre Bedeutung für SDG 2 (Kein Hunger) ist so eindeutig, dass einige Stimmen ihre Gefährdung als Bedrohung für die Existenz der Menschheit betrachten. Auch Bodengesundheit und -qualität sind entscheidend für die Fruchtbarkeit und den Ertrag landwirtschaftlicher Flächen. Und doch hat die Bodenverödung bereits die Produktivität von 23 Prozent der globalen Landfläche reduziert.6

Mangroven wirken aufgrund ihrer Fähigkeit zur Abscheidung und Speicherung von CO2 als natürlicher Klimawandeldämpfer (Beitrag zum SDG 13 – «Massnahmen zum Klimaschutz»), stabilisieren Küstengebiete und schützen vor Tsunamis7 und Küstenerosion. Ähnlich sieht es bei den Korallenriffen aus. Da der Verlust von Küstenlebensräumen und natürlichen Schutzfunktionen das Flut- und Sturmrisiko für Leib, Leben und Besitz von 100 bis 300 Millionen Menschen erhöht, welche in küstennahen Jahrhundertflutgebieten leben8, ist der Schutz der Mangroven eine naheliegende Wahl.

Einigen in Küstennähe lebenden Bevölkerungsgruppen dienen Fischfang und/oder Tourismus als Überlebensgrundlage, und um diese gemäss SDG 1 («Keine Armut») vor der Verarmung zu schützen, sind gesunde, reichhaltige Meeresressourcen entscheidend. Für die Landbevölkerung in Schwellenländern ist dies auch ein Thema der Geschlechtergerechtigkeit, weil es vor allem Frauen sind, die – im Gegensatz zu Männern, die andere Aufgaben erfüllen – für ihr Einkommen auf Biodiversitätsressourcen/Wälder angewiesen sind. Diese Tatsache ist für SDG 5 («Geschlechtergleichheit») wichtig. Es ist wichtig, hervorzuheben, dass die Vereinten Nationen dem Schutz und der nachhaltigen Nutzung der Meere, Flüsse und Seen sowie dem Schutz, der Wiederaufforstung und Förderung unserer Wälder ausdrücklich einen so hohen Stellenwert einräumen, dass sie als eigene Nachhaltigkeitsziele formuliert wurden, nämlich SDG 14 («Leben unter Wasser») und SDG 15 («Leben an Land»).

Warum interessieren Anleger sich für Biodiversität?

Manche sagen, Biodiversität sei möglicherweise «das neue Klima». Der Grund für diese Aussage ist, dass viele der SDGs ohne den Schutz oder die Wiederherstellung der Biodiversität nicht erfüllt werden können. Das gilt auch für die Klimaziele, denen die Welt bereits grosse Aufmerksamkeit schenkt. Es ist also dringendes Handeln zum Schutz der natürlichen Ökosysteme geboten. Dazu gehört, dass Regierungen Anreize setzen, die ihren Schutz und ihre Bewahrung belohnen und Zuwiderhandlungen sanktionieren. Politische Aufmerksamkeit könnte Unternehmen dazu bewegen, ihre Strategien anzupassen und Unternehmen, die hierbei auf der sicheren Seite stehen, EPS-Wachstum bescheren. Vergleichbare Entwicklungen konnten wir bereits beobachten; so veränderten Anreize für saubere Energie beispielsweise die Spielregeln für Anleger. Wenn sich dies wiederholt, könnten sich auf Biodiversität fokussierte Lösungen langfristig als attraktive Investitionsmöglichkeit erweisen. Durch die Investition in problemlösungsorientierte Unternehmen, die sich auf die Optimierung, Wiederverwertung und Rezyklierung von Materialien sowie Entsorgung und Abfallaufbereitung fokussieren, können Anleger nicht nur zum Schutz der Biodiversität beitragen, sondern potenziell langfristige Wachstumsmöglichkeiten nutzen und solide finanzielle Renditen erwirtschaften.

Unsere Wunschliste für die COP15

Im Dezember 2022 soll die fünfzehnte «Conference of the Parties» (COP15) zum Übereinkommen über die biologische Vielfalt in Kanada und China stattfinden.9 Der Entwurf für das globale Rahmenwerk für die biologische Vielfalt nach 2020 setzt 21 Handlungsziele bis 2030 fest, unter anderem:

  • Schutz von mindestens 30 Prozent aller globalen Land- und Seegebiete
  • Wiederherstellung von mindestens 20 Prozent aller geschädigten Süsswasser-, Meeres- und Landökosysteme
  • Reduzierung der Einführung invasiver Fremdspezies um 50 Prozent
  • Reduzierung der Nährstoffverluste an die Umwelt um mindestens die Hälfte sowie des Pestizideinsatzes um mindestens zwei Drittel und vollständige Beseitigung des Abflusses von Plastikabfällen
  • Natürliche Beiträge zum Klimaschutz in Höhe von mindestens zehn Gigatonnen CO2-Äquivalenten pro Jahr

Als Anleger wünschen wir uns Fortschritte bei der Messung und Überwachung des Biodiversitäts-Fussabdrucks von Ländern, Unternehmen und damit auch Fonds und anderen Finanzprodukten. Die Kennzahl Mean Species Abundance (MSA) dürfte im Hinblick auf den Biodiversitäts-Fussabdruck die gleiche Rolle einnehmen wie Treibhausgasemissionen in Sachen Klima.10 Allerdings gestaltet es sich als schwierig, auf Unternehmensebene MSA-Daten zu finden und konkreten Akteuren und Handlungen Verantwortlichkeiten oder gute Entwicklung zuzuordnen. Zur Festlegung methodischer Normen und letztendlich Empfehlungen zur Berichterstattung laufen zahlreiche Initiativen.11 Die Beilegung ihrer Differenzen könnte sich als Herausforderung erweisen. Von Seiten der COP15 wären klare Leitlinien von höherer Stelle sowie Harmonisierung hilfreich.

Darüber hinaus ist festzustellen, dass die Aufmerksamkeit vieler Regierungen sich aktuell auf bedeutende geopolitische Angelegenheiten, die Energiekrise, das Problem der Lebenshaltungskosten, Lebensmittelkrisen und andere wichtige Themen richtet. Das führte in manchen Fällen zu einem vorübergehenden Rückschlag im Streben nach biologisch bewirtschafteten Flächen (z. B. Farm-to-Fork-Strategie (F2F) der EU für 2030, die im Mai 2020 angekündigt wurde12). Obwohl die Lösung der Lebensmittelkrise unserer Ansicht nach ebenfalls ein dringliches Ziel darstellt, hoffen wir, dass die politischen Entscheidungsträger auch die grosse Bedeutung naturzentrierter Lösungen und die Wichtigkeit von Umweltplanung, Smart Farming, organischem Dünger, pflanzlicher Ernährung, Biotreibstoffen der zweiten Generation, Abfallmanagement und Kreislaufwirtschaft anerkennen werden.

Unser Team freut sich, hier seinen eigenen Beitrag leisten zu können. Anleger, die vielversprechende Unternehmen mit Lösungsangeboten in diesen Bereichen identifizieren und mit Anlagekapital versorgen, erwartet die Chance auf einen doppelten Gewinn: Attraktive langfristige Renditen bei gleichzeitiger Unterstützung der Biodiversität.

 

 

 

 


 

Wichtige Information: Die angewendeten Umwelt-, Sozial- und Governance-Kriterien («ESG») sowie Aspekte nachhaltigen Anlegens können subjektiver Natur sein. Die im Rahmen von ESG- und Nachhaltigkeitsprozessen angestellten Überlegungen können sich je nach Art der Anlage und Emittent unterscheiden und je nach Anlage können andere Faktoren identifiziert oder berücksichtigt werden. Die zur Beurteilung solcher Komponenten verwendeten Informationen können sich je nach Anbieter und Emittent unterscheiden, da es nicht um einheitlich definierte Merkmale handelt. Dieser Anlageansatz kann zum Verzicht auf Marktchancen führen, die von Strategien ohne diese Kriterien genutzt werden können. Es kann nicht garantiert werden, dass die angewendeten Kriterien und Techniken erfolgreich sein werden.

1. Quelle: https://www.worldwildlife.org/pages/what-is-biodiversity.
2. Untersuchungen des Weltwirtschaftsforums in Zusammenarbeit mit PwC zeigen, «dass ein ökonomischer Gesamtwert von 44 Billionen US-Dollar [...] moderat oder stark von der Natur und ihren Leistungen abhängig und deshalb durch Naturverluste einem Risiko ausgesetzt ist» (Jan. 2020). Laut Swiss Re sind 55 Prozent des globalen BIP in 2018 (oder 41,7 Billionen US-Dollar) von hochfunktionalen Biodiversitäts- und Ökosystemleistungen (Biodiversity and Ecosystem Services, BES) abhängig.
3. Report unter der Leitung von Professor Sir Partha Dasgupta im Auftrag der britischen Regierung: The Economics of Biodiversity, 2021 ( https://www.gov.uk/government/publications/final-report-the-economics-of-biodiversity-the-dasgupta-review ).
4. Vereinte Nationen, Environmental Management Group, Supporting the global biodiversity agenda, 2020 ( https://unemg.org/wp-content/uploads/2021/04/EMG-Biodiversity-WEB.pdf ).
5. IPBES, Global Assessment Report on Biodiversity and Ecosystem Services, 2019 ( https://ipbes.net/global-assessment ). Die IPBES wird häufig als «IPCC für Biodiversität» bezeichnet und ist eine unabhängige, zwischenstaatliche Einrichtung, der mehr als 139 Regierungen angehören. Wertbereinigt um den Kurs des US-Dollars von 2015 unter ausschliesslicher Berücksichtigung der Inflation.
6. IPBES, Global Assessment Report on Biodiversity and Ecosystem Services, 2019.
7. Ein Mangrovenstreifen entlang der Küste kann die Höhe von Flutwellen deutlich reduzieren.
8. IPBES, Global Assessment Report on Biodiversity and Ecosystem Services, 2019.
9. https://www.cbd.int/meetings/COP-15
10. Mit dieser Kennzahl wird die relative Häufigkeit heimischer Spezies in einem Gebiet im Vergleich zur ursprünglichen Häufigkeit in einem ungestörten Ökosystem gemessen. Eine MSA von 100 Prozent bedeutet, dass das Ökosystem unberührt und unversehrt ist.
11. Einige der nennenswertesten sind die Task Force for Nature Related Financial Disclosure (TNFD), die EU-Taxonomie, das Climate Disclosure Standards Board (CDSB), die Biodiversity Impact Analytics powered by the Global Biodiversity Score (BIA-GBS) und der Corporate Biodiversity Footprint (CBF).
12.Quellen: Politico, Brussels braces for ‘acrimonious’ fight over reducing pesticides, 8. August 2022 ( https://www.politico.eu/article/brussels-brace-acrimonious-fight-reducing-pesticide /); FT, EU reviews sustainable food plans as Ukraine war disrupts imports, 20. März 2022 ( https://www.ft.com/content/f99d784c-0448-4552-ab8b-e77ed68ea173 ).

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