Conviction Equities
Konzentrierte, fundamental abgestützte High-Conviction-Aktienportfolios, verwaltet von vier Spezialisten-Teams für Schwellenländer, Impact-Anlagen, thematische Anlagen und die Schweiz.
Eine weitere UN-Klimakonferenz neigt sich dem Ende zu. Wie lautet das Fazit? Der Gipfel in der ägyptischen Stadt Scharm El-Scheich hat nicht nur Schlagzeilen zu wiederholt beteuerten oder neu festgelegten Emissionszielen geliefert, sondern auch einige unbequeme Wahrheiten ans Licht gebracht. Dazu zählt die Tatsache, dass die Treibhausgasemissionen einen historischen Höchststand erreicht haben1 und grösstenteils von den am stärksten industrialisierten Ländern der Welt verursacht werden, während Afrika, Südamerika und Asien die Hauptlast der negativen Auswirkungen schultern.
Da westliche Unternehmen den Grossteil der Treibhausgasemissionen verursachen und die meisten natürlichen Ressourcen verbrauchen, liegt es in ihrer Verantwortung, nun das Richtige zu tun. Eine geeignete Massnahme wäre eine Strategie zur Verringerung des CO2-Ausstosses – und diese auch tatsächlich umzusetzen. Eine Studie der Bank of America ergab, dass die Zahl der Unternehmen, die Netto-Null-Ziele2 festlegen, 2021 stark gestiegen ist. Grund dafür sind strengere Vorschriften, Druck seitens der Aktionäre und entsprechende Massnahmen von Wettbewerbern (siehe Grafik 1). In der Praxis bedeutet das, dass das Firmenmanagement Netto-Null-Vorgaben als wesentlichen Bestandteil in den Entscheidungsprozessen begreift.
Allerdings werfen die Netto-Null-Ziele auch Zweifel auf. Unter anderem die New York Times (NYT) sieht die Gefahr, dass solche Ziele leere Versprechungen bleiben oder die Lösung der Klimakrise sogar behindern könnten, da zu viele Unternehmen die Eindämmung der Emissionen nicht mit der nötigen Dringlichkeit angehen2. Zudem betreffen die Zielvorgaben der meisten Unternehmen nur die Bereiche Scope 1 und 2, d. h. jenen Kohlendioxid-Ausstoss, der im Rahmen der Produktion entsteht. Sogenannte Scope-3-Emissionen, die entlang der gesamten Wertschöpfungskette anfallen und die das Produkt über seinen Lebenszyklus erzeugt, bleiben dabei oft unberücksichtigt (siehe Grafik 2). Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass Unternehmen sich darauf verlassen, dass die Emissionen durch Technologien wie die direkte CO2-Abscheidung aus der Luft gesenkt werden können, obwohl diese noch gar nicht ausgereift sind. Die NYT weist darauf hin, dass es dafür bisher lediglich 19 Anlagen auf der ganzen Welt gibt, die kaum ausreichen, um die Emissionen von 700 Personen aus den USA auszugleichen. Ausserdem kritisiert sie die Praxis, sich hinter «natürlichen Lösungen» zum Emissionsausgleich wie dem Pflanzen von Bäumen zu verstecken.
Dennoch sind wir der Meinung, dass man die Bemühungen des Unternehmenssektors zur Verringerung des Ausstosses anerkennen sollte. Doch was bedeutet das für Anleger und wie können sie die Netto-Null-Emissionsziele unterstützen?
Als Ausgangspunkt dient häufig der sogenannte CO2-Fussabdruck. Die Investoren entscheiden sich bevorzugt für Portfolios mit Unternehmen, die einen niedrigeren Fussabdruck gegenüber einer «Peer Group» oder einem Index aufweisen. Für uns ist der CO2-Fussabdruck allerdings ein zu eng gefasstes Kriterium, da er normalerweise lediglich die Scope-1- und Scope-2-Emissionen eines Unternehmens berücksichtigt (siehe vorstehende Definition) und somit nicht vollständig erfasst, wie sich die Produkte und Dienstleistungen auf unsere Welt auswirken. Beispielsweise haben Technologieunternehmen wie die sogenannten FAANG-Unternehmen (Facebook, Amazon, Apple, Netflix und Google) oder ihre chinesischen Pendants (Baidu, Alibaba und Tencent) einen geringen CO2-Fussabdruck im Verhältnis zu ihrem Umsatz oder ihrer Marktkapitalisierung, obwohl sie wenig dafür tun, um den CO2-Fussabdruck der Gesellschaft zu verringern.
Wie sieht eine potenzielle Lösung aus? Als aktive Anleger, die in der Lage sind, jeden einzelnen Portfoliokandidaten genau zu analysieren, haben wir mit Unterstützung der Klimaexperten von ISS ESG eine Methode namens «potenziell vermiedene Emissionen» (Potential Avoided Emissions, PAE) entwickelt. Da die Methode die Emissionen über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg abdeckt, können wir besser einschätzen, welchen Beitrag ein Unternehmen bei der Bekämpfung des Klimawandels leisten kann. Dies ermöglicht eine lösungsorientierte Kapitalallokation. Um zu beurteilen, wie nachhaltig bestehende Portfoliopositionen oder mögliche Neuzugänge sind,4 erheben wir bei den Firmen Daten zur Berechnung der vermiedenen Emissionen im Vergleich zu einem Standardprodukt oder einem Branchenreferenzwert.
Die Unterschiede der beiden Methoden lassen sich anhand eines konkreten Beispiels verdeutlichen: Berücksichtigen wir die Emissionen einer Windturbine über ihre gesamte Wertschöpfungskette hinweg (Herstellung, Montage und Demontage5), so beläuft sich der Ausstoss auf ungefähr 640 Tonnen CO2 pro Megawatt installierter Leistung. Wenn wir allerding die CO2-Emissionen berücksichtigen, die eine Windturbine gegenüber einem mit fossilen Brennstoffen betriebenen Kraftwerk «vermeidet», ergibt sich eine 50-fache Einsparung (siehe Grafik 3). Es gibt noch viele weitere Beispiele, die die Vorteile der umfassenderen Methode deutlich machen. Die Betrachtung aus PAE-Perspektive legt zum Beispiel auch offen, inwieweit Zugreisen umweltfreundlicher sind als Autofahrten oder ein energieeffizientes Gebäude ökologische Vorteile gegenüber einem Gebäude ohne Dämmung hat.
Abschliessend lässt sich festhalten: Es gibt einige Unternehmen, die einen hervorragenden CO2-Fussabdruck ausweisen, der einer genaueren Prüfung allerdings nicht immer standhält. Wir sind überzeugt, dass Anleger sich auf die Firmen konzentrieren sollten, die aus einer Analyse anhand der ganzheitlichen PAE-Methode als die wahren Champions hervorgehen, auch wenn dieses Verfahren mit deutlich höheren Anforderungen an das Research verbunden ist. Interessante Unternehmen sind nach unserer Einschätzung Vestas, ein dänischer Windturbinenhersteller, Saint-Gobain, ein französischer Hersteller von hocheffizientem Glas für Gebäude, und Andritz, ein österreichischer Lieferant von Ausrüstungen für Wasserkraftwerke.
1. Greenhouse Emissions Rise to Record, Erasing Drop During Pandemic, Blogeintrag des Internationalen Währungsfonds, 30. Juni 2022.
https://www.imf.org/en/Blogs/Articles/2022/06/30/greenhouse-emissions-rise-to-record-erasing-drop-during-pandemic
2. Unter «Netto-Null-Emissionen» wird allgemein verstanden, dass ein Land oder ein Unternehmen in der Lage ist, der Atmosphäre die Menge an Kohlendioxid, die es ausstösst, wieder zu entziehen. Würde dieses Ziel erreicht, liesse sich die globale Erderwärmung theoretisch aufhalten.
3. Net Zero Global Warming – just a flaw? New York Times:
Videokommentar
, Juli 2022
4. Vermiedene Emissionen sind Emissionen, die freigesetzt worden wären, wenn eine bestimmte Massnahme oder Intervention nicht stattgefunden hätte. Siehe Potential Avoided Emissions (PAE): Dataset & Bespoke offering, ISS ESG, April 2022.
5. Für eine angemessene Vergleichsbasis haben wir Scope 1, 2 und 3 auch in die Berechnung des CO2-Fussabdrucks einbezogen.