Wie ESG-Kriterien die Vermögensverwaltungsbranche verändern werden

TwentyFour
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Wie regelmässige Leserinnen und Leser dieses Blogs wissen, hat TwentyFour ESG-Kriterien in den Anlageprozess sämtlicher Strategien integriert und im Januar 2020 seinen ersten nachhaltigen Fonds lanciert. Im Zuge dessen kam es zu anregenden Gesprächen mit Kunden und Wettbewerbern über die zunehmende Bedeutung von Nachhaltigkeitszielen für die Fondsverwaltungsbranche, insbesondere für die Fixed-Income-Märkte. Wir stellen Ihnen hier einige unserer Prognosen für die kommenden Jahre vor.

1) Die ESG-Outperformance wird einen Wendepunkt erreichen

Unsere Analyse der Performance-Attribution hat bestätigt, dass nachhaltige Sektoren und Wertpapiere sich stärker entwickeln als diejenigen mit geringerem Nachhaltigkeitsfokus, und unser Backtesting zeigt, dass dies bereits seit einiger Zeit der Fall ist. Es gilt jedoch zu bedenken, dass sich dieser Trend der ESG-Outperformance nicht kontinuierlich fortsetzen wird. Allein auf der Relative-Value-Basis wird der Punkt kommen, an dem sogenannte «Sin Sectors» und «Sin Stocks» (Sektoren und Titel, die ESG-Kriterien nicht erfüllen) so günstig erscheinen, dass ihr Wert für die Anleger höchst überzeugend ist. Naturgemäss werden nachhaltige Fonds – im Gegensatz zu integrierten und Nicht-ESG-Fonds – nicht in der Lage sein, diesen Wert zu erschliessen. «Sin Stocks» finden sich zudem tendenziell in renditestärkeren und defensiven Sektoren wie z. B. Tabak- und Alkohol, weshalb ihnen traditionell ein gewisser Schutz während Marktschwächen zugeschrieben wird.

Langfristig betrachtet besteht allerdings für uns kein Zweifel, dass nachhaltigere Anlagen ihre Pendants ohne diesen Fokus übertreffen werden. Ganz gleich, ob sie sich an ESG-Kriterien orientieren oder nicht – Portfoliomanager sollten in jedem Falle die Möglichkeit einkalkulieren, dass der Markt Unternehmen aufgrund von ESG-Kriterien meidet, da dies ihre Performance stark belasten könnte.

2) «Sin Stocks» könnten von den öffentlichen Märkten verschwinden

Eines der lebhaft diskutierten Themen im Zusammenhang mit nachhaltigen Anlagen ist die Frage, ob ein Ausschluss von Unternehmen oder ein aktives Engagement sinnvoller ist, und mit welchem Ansatz sich das Geschäftsgebaren eines Unternehmens effektiver verändern lässt. Wir glauben an ein Engagement unter den richtigen Umständen. Eines unserer bevorzugten Beispiele für den Einfluss der ESG-Dynamik ist der britische Energieversorger SSE, der uns 2013 einen nachvollziehbaren Plan dafür vorlegte wie er seine Kohlestromproduktion innerhalb von fünf Jahren von 59 auf 5 Prozent senken würde. Aber auch der Ausschluss von Unternehmen aus Nachhaltigkeitsfonds hat seine Berechtigung, denn auf welche Weise liessen sich etwa Glücksspiel oder Nikotinsucht positiv beeinflussen? So hat uns beispielsweise das Thema Vaping als Alternative zum Rauchen nie überzeugt.

Es sind zwei Aspekte, die miteinander in Einklang gebracht werden müssen: Der nachvollziehbare moralische Anspruch eines Anlegers, nicht in unethische Branchen zu investieren und sein übergeordneter Wunsch, einen Nutzen für die Gesellschaft zu bewirken. Um dieses Ziel zu erreichen, ist eine staatliche Gesetzgebung erforderlich. Wenn die Kapitalmärkte sich weigern, ein vollständig legal geführtes Unternehmen zu finanzieren, steigen dessen Kapitalkosten aller Voraussicht nach bis zu einem Punkt, an dem eine Übernahme zu einem günstigen Preis für private Akteure, wie etwa Private-Equity-Gesellschaften, ausländische Investoren usw., attraktiv wird. Das Resultat ist, dass das Produkt weiterhin am Markt angeboten wird – es wechselt lediglich der Nutzniesser.

3) Datenquellen für ESG-Kriterien werden optimiert

Anbieter von ESG-Daten konzentrieren sich in der Regel auf börsenkotierte Aktien, insbesondere die Daten des Geschäftsberichts und des Jahresabschlusses, gegebenenfalls ergänzt um die Informationen aus dem Bericht zur unternehmerischen Sozialverantwortung. Das Problem für Fixed-Income-Anleger besteht darin, dass es sich nicht bei allen Anleiheemittenten um kotierte Unternehmen handelt. Unseren Schätzungen zufolge machen nicht kotierte Emittenten zwischen 30 und 40 Prozent unserer Positionen aus, wodurch eine erhebliche ESG-Datenlücke entsteht. Darüber hinaus ergab eine kürzlich durchgeführte Studie*, dass die Korrelation der ESG-Ratings zwischen den fünf wichtigsten Anbietern bei lediglich 61 Prozent liegt, während sie bei den wichtigsten Kreditrating-Agenturen fast 99 Prozent beträgt. Daher ist es entscheidender denn je, dass wir unsere eigenen Untersuchungen durchführen und diese Themen reflektieren. Die Erfassung und die Analyse von ESG-Daten ist noch ein vergleichsweise neues Feld, und wir gehen davon aus, dass dieser Bereich im Laufe der Zeit sowohl im Hinblick auf Qualität als auch auf Quantität optimiert wird, je stärker Standards und Definitionen verankert werden.

4) Passive ESG-Fonds werden (berechtigte) Kritik erhalten

Wir sind überzeugt, dass die Umsetzung von ESG- und Nachhaltigkeitsprinzipien zwingend einen aktiven Managementansatz erfordert. Ein effektives Engagement beschränkt sich nicht auf die regelmässige Ausübung des Stimmrechts. Vielmehr können sich jederzeit Fragen ergeben, die ein zeitnahes und aktives Engagement notwendig machen. Wenn dem Markt die Grenzen allzu starrer Regeln bewusst werden, wird die Unfähigkeit typischer passiver Fonds, wichtige Faktoren wie die Dynamik zu berücksichtigen oder einen effektiven Austausch mit Unternehmen über konkrete aktuelle Themen zu führen, unserer Ansicht nach zu einem wichtigen Unterscheidungsmerkmal für Vermögensverwalter und Anleger werden.

5) Grüne Anleihen werden florieren – doch nicht ohne Kontroversen

Ebenso wie viele andere ESG-Segmente ist der Markt für grüne Anleihen («Green Bonds») noch relativ jung und wachstumsstark. 2019 wurden Instrumente dieses Typs im Wert von rund 271 Milliarden US-Dollar emittiert (dies entspricht einer jährliche Wachstumsrate von 49 Prozent**), und der Markt befindet sich auf dem besten Wege, die Marke von einer Billion US-Dollar zu erreichen. Die Probleme im Zusammenhang mit der Verwendung der Erträge und der Berichterstattung über die Ergebnisse sind bekannt, und die Europäische Union arbeitet derzeit an einem allgemein anerkannten Rahmenwerk. Ein Punkt, der uns Sorge bereitet, ist die Tatsache, dass die Nachfrage nach grünen Anleihen selbst das gestiegene Angebot noch immer deutlich übertrifft. Dies könnte am Rande des Marktes zu Missbrauch und den damit einhergehenden Risiken für die Anleger führen.

6) Einige Impact-Fonds werden nicht die von den Anlegern erwartete Performance erzielen

Unsere konkrete Sorge im Hinblick auf Impact-Fonds ist, dass einige Impact Investments zum Zeitpunkt eines Nachfrageüberhangs an den Anleihenmärkten finanziert werden könnten, obwohl sie eigentlich ein Aktienrisiko beinhalten. Während wir anerkennen, dass diesem Markt eine sehr spannende Entwicklung bevorsteht, gehört dieser Effekt zu den klassischen Schwierigkeiten einer frühen Marktphase, die wir gerne vermeiden würden.

7) Das ESG-Thema wird in den USA einen Boom erleben

Es herrscht allgemeiner Konsens darüber, dass sich nachhaltige Anlagen in den USA verhaltener entwickeln als in Europa und anderen Teilen der Welt. So entschied sich der US-Kongress im letzten Sommer gegen die Einführung von ESG-Berichtsstandards nach europäischem Vorbild. Doch obwohl auf Regierungsebene wenig geschieht, sind starke Veränderungsimpulse «von unten» zu spüren. Derzeit konzentrieren sich ESG-Anlagen hauptsächlich in den Bundesstaaten an der Küste wie z. B. Kalifornien und breiten sich von dort aus. Interessanterweise können wir beobachten, dass dieser Wandel auch auf Konzernebene stattfindet. Ein Beispiel ist die Haltung, die JP Morgan gegenüber US prison funding, eingenommen hat. Der Druck auf die Anleger, aber auch der Druck, der von ihnen ausgeht, nimmt ebenfalls zu und wir rechnen damit, dass die Einführung von ESG-Kriterien in den USA rasch vonstattengehen wird, sobald ein Wendepunkt erreicht wird.

 

* «Aggregate Confusion: The Divergence of ESG Ratings», MIT Sloan School Working Paper 5822-19

** «Green Bonds – Increasingly Relevant in the Corporate Bond Market», Deutsche Bank Research

 

 

 

 

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