Spielraum für Anleihen
Die globale makroökonomische Unsicherheit nimmt weiter zu, geprägt von der US-Handelspolitik und vergleichsweise engen Kreditspreads in Industrie- wie auch in Schwellenländern. In diesem unvorhersehbaren Umfeld könnten Schwellenländeranleihen mit Investment-Grade-Rating (EM-IG) – eine oft übersehene Anlageklasse – besondere Aufmerksamkeit verdienen. Sie bieten eine potenziell interessante Alternative für Anleger, die langfristige Erträge erzielen und ein widerstandsfähiges Portfolio aufbauchen möchten.
EM-IG-Anleihen sind eine Unterkategorie von Hartwährungsanleihen aus Schwellenländern. Sie weisen ähnliche Merkmale auf wie Investment-Grade-Anleihen aus Industrieländern (DM-IG) und bieten Potenzial für zusätzliche Vorteile – etwa eine stärkere Diversifizierung und eine geringere Abhängigkeit von US-getriebenen Makrorisiken.
Dedizierte Strategien mit EM-IG-Anleihen sind jedoch trotz ihres Potenzials überraschend selten. Diese Unterrepräsentation spiegelt sowohl die rasante Entwicklung der Anlageklasse in den vergangenen Jahrzehnten wider als auch die fortbestehende Wahrnehmung von Risiken in Schwellenländern, die die breitere Aufnahme von EM-IG-Anleihen in zentrale Fixed-Income-Portfolios bislang verlangsamt hat.
In den letzten zehn Jahren hat sich das Universum der Schwellenländeranleihen von etwa USD 1 Billion auf mehr als USD 3 Billionen ausgeweitet. Inzwischen zählen Unternehmensanleihen aus Schwellenländern zu den am schnellsten wachsenden Anlageklassen weltweit.
In wichtigen EM-Staatsanleihenindizes ist der Anteil von IG-Anleihen von unter 10 Prozent Mitte der 1990er-Jahre auf heute 60 Prozent gestiegen. Diese Verschiebung spiegelt wider, dass viele Schwellenländer eine umsichtigere makroökonomische Politik eingeführt haben. Dadurch können sie externe Schocks besser verkraften, ihre Anfälligkeit gegenüber schwankenden Kapitalströmen verringern und ihre Kreditqualität insgesamt stärken. Gleichzeitig ist durch die hohen Emissionsvolumina hoch bewerteter Golfstaaten wie Saudi-Arabien auch das Gewicht des AA-/A+-Segments gestiegen. In Unternehmensindizes für Schwellenländer stellen IG-Emittenten heute rund zwei Drittel der Marktkapitalisierung.
Vergleicht man annualisierte Renditen mit der annualisierten Volatilität der vergangenen zehn Jahre, stechen EM-IG-Unternehmensanleihen als eine der attraktivsten Anlageklassen für Anleger mit begrenztem Risikobudget hervor: Sie boten höhere Renditen bei geringerer Volatilität als US-IG-Kreditanlagen.
Über diesen Zeitraum erzielten EM-IG-Unternehmensanleihen eine annualisierte Rendite von rund 3,3 Prozent und lagen damit leicht über den 3,1 Prozent von US-IG. Noch wichtiger ist jedoch, dass diese Rendite mit einer deutlich niedrigeren annualisierten Volatilität erreicht wurde (4,1 Prozent gegenüber 6,7 Prozent), wie Grafik 1 zeigt.
Zum Vergleich: EM-IG-Staatsanleihen erzielten 2,7 Prozent, wurden jedoch durch ihre längere Duration belastet, die sich beim starken globalen Zinsanstieg 2022 negativ auswirkte. Dafür bieten EM-Staatsanleihen in der Regel eine höhere Liquidität, da ihre durchschnittlichen Emissionsgrössen grösser sind als bei Unternehmensanleihen. Interessanterweise kann die relativ geringere Handelsaktivität bei EM-IG-Unternehmensanleihen in Phasen erhöhter Marktvolatilität sogar eine defensive Funktion entfalten.
Aus risikoadjustierter Sicht erreichten EM-IG-Unternehmensanleihen im Betrachtungszeitraum eine höhere Sharpe Ratio (0,21) als US-IG. Eine gemischte Allokation aus je 50 Prozent EM-IG-Staats- und Unternehmensanleihen erzielt eine Sharpe Ratio von 0,13 – vergleichbar mit jener von US-IG (0,14) – und bietet damit Diversifikationsvorteile, ohne Abstriche bei der Rendite pro Risikoeinheit.
Investitionen in Schwellenländer werden häufig als risikoreicher wahrgenommen – bedingt durch politische Instabilität, geopolitische Spannungen und schwächere regulatorische Rahmenbedingungen. Die Geschichte zeigt jedoch, dass EM-IG-Anleihen in Phasen grösserer Schocks ähnlich widerstandsfähige Renditen geliefert haben wie IG-Anleihen aus Industrieländern. Bei Extremereignissen wie der europäischen Schuldenkrise oder der Covid-19-Pandemie fiel die maximale Spreadausweitung von EM-IG- und DM-IG-Indizes in vergleichbarer Grössenordnung aus.
Betrachten wir das herausforderndste Jahr für die Anlageklasse in jüngerer Vergangenheit: 2022. Damals litten alle Anleihemärkte unter einem abrupten Zinsanstieg, zusätzlich verschärfte der russische Angriff auf die Ukraine die Lage. Der J.P. Morgan Global Aggregate IG Index (GABI IG), der zu diesem Zeitpunkt zu mehr als 90 Prozent aus DM-Anleihen (Unternehmen und Staaten) bestand, verlor 16,1 Prozent. Der kombinierte EM-IG-Referenzindex 50/50 (Unternehmens- und Staatsanleihen) schnitt im selben Jahr lediglich 94 Basispunkte (Bp.) schlechter ab. Auf Sicht von drei Jahren (2022–2024), einschliesslich zweier Jahre der Erholung, übertraf der J.P. Morgan EM-IG-50/50-Index den GABI IG um 502 Bp.
Die starken risikoadjustierten Renditen von EM-IG-Anleihen scheinen vor allem auf ihre breite Diversifizierung über Regionen und Emittenten, solide Fundamentaldaten sowie günstige technische Faktoren zurückzuführen zu sein.
Während die USA 73 Prozent des US-IG-Index ausmachen, umfasst der EM-IG-Index 35 Länder. Aus Emittentensicht spielen Quasi-Souveräne und staatseigene Unternehmen eine zentrale Rolle. Sie sind häufig in strategisch wichtigen Sektoren tätig und profitieren von expliziter oder impliziter staatlicher Unterstützung. EM-Unternehmensanleihen sind zudem über eine Vielzahl von Branchen verteilt – etwa Versorger, Infrastruktur oder Banken. Typischerweise handelt es sich um grosse, regional systemrelevante Unternehmen, die vielfach in regulierten Märkten operieren und dadurch zusätzliche Stabilität bieten. Eine weitere Emittentengruppe im EM-IG-Segment sind supranationale Institutionen, darunter Entwicklungsbanken. Sie verfügen dank starker Anteilseigner, ihres bevorzugten Gläubigerstatus und konservativer Finanzpolitik über hohe Kreditratings. Die Kreditqualität insgesamt bleibt robust. Auf der staatlichen Seite verfügen viele Schwellenländer über starke externe Puffer, darunter umfangreiche Währungsreserven und Leistungsbilanzüberschüsse. Auf der Unternehmensseite sind die Kreditkennzahlen im Schnitt gesünder als bei Pendants in Industrieländern; insbesondere die Netto-Verschuldungsquoten sind über die Zeit rückläufig.
Schliesslich kaufen in Märkten wie Asien und dem Nahen Osten häufig heimische Institutionen USD-denominierte Anleihen ihrer Regierungen oder nationaler Champions. Dies schafft eine lokale, stetige Nachfragebasis, die Spreadausschläge begrenzen kann – selbst in Phasen, in denen globale Investoren risikoscheuer werden.
Trotz ihres robusten Risiko-Rendite-Profils sind EM-IG-Anleihen in aktiv verwalteten, dedizierten Strategien nach wie vor deutlich unterrepräsentiert. EM-Unternehmensanleihen werden von einem breiten Anlegermix gehalten – darunter lokale Institutionen, Crossover-Investoren sowie breit aufgestellte, dedizierte EM-Strategien.
Crossover-Investoren, etwa US-IG-Manager, halten in der Regel nur ein begrenztes Engagement, da EM IG lediglich rund 9 Prozent der globalen IG-Indizes (BofA Merrill Lynch Global Corporate Index, GOBC) ausmacht. Ihre Bestände konzentrieren sich meist auf große, liquide Emittenten mit US-Bezug, die nicht spezialisierten Anlegern vertrauter sind.
Breit angelegte EM-Strategien wie EMBI (Emerging Markets Bond Index) und CEMBI (Corporate Emerging Markets Bond Index) investieren hingegen über das gesamte Kreditspektrum hinweg, einschließlich High Yield. Für Anleger mit strikten Investment-Grade-Mandaten oder engen Risikobudgets sind diese Strategien daher weniger geeignet.
Aus diesem Grund verdienen EM-IG-Anleihen unseres Erachtens Anerkennung als eigenständige Anlageklasse – mit dem Potenzial für attraktive Rendite- und Diversifizierungspotenzial, ohne die im Hochzinsbereich üblichen erhöhten Risiken.
Wie steht es um passive Strategien? Sie bieten zwar Effizienz, doch nach unserer Einschätzung ist das investierbare EM-IG-Universum deutlich breiter als das, was die meisten Indizes abbilden. Aktives Management hat das Potenzial, durch die Nutzung von Ineffizienzen innerhalb der Anlageklasse überdurchschnittliche Renditen zu erzielen.
Der durchschnittliche Renditeabstand zwischen EM-IG- und US-IG-Indizes hat sich mittlerweile auf rund 30 Bp. verengt. Innerhalb des EM-IG-Segments bleibt die Spreaddispersion jedoch erheblich. Selbst beim Vergleich von EM-IG-Unternehmensanleihen mit US-IG-Pendants ähnlicher Merkmale – etwa Sektor, Rating und Duration – liegen die Aufschläge häufig deutlich über 30 Bp. Dies eröffnet aktiven Managern attraktive Chancen, durch gezielte Auswahl und Diversifikation das Spread-Exposure zu optimieren und die Rendite zu steigern.
Mit soliden Fundamentaldaten, einer breiten Diversifizierung über Regionen und Sektoren hinweg und einer nachweislichen Erfolgsbilanz in der Bewältigung von Finanzkrisen haben sich EM-IG-Anleihen unseres Erachtens zu einer hochwertigen Anlageklasse entwickelt. Ungeachtet ihrer Unterrepräsentation in dedizierten Strategien bieten EM-IG-Anleihen für aktive Manager attraktive Chancen, das Risiko gegenüber Renditeaufschlägen zu optimieren und das Renditepotenzial durch sorgfältige Titelauswahl und Diversifizierung zu erhöhen.