Kryptomarkt stärkt US-Staatsanleihen

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Aufgrund der außergewöhnlichen fiskalpolitischen Maßnahmen während der Corona-Pandemie und des einhergehenden Schuldenanstiegs rückt die Debatte um die US-Staatsverschuldung wieder verstärkt in den Fokus. Ausschlaggebend dafür ist nicht nur das anhaltend hohe Niveau der Staatsschulden im Vergleich zur Wirtschaftskraft, das seit geraumer Zeit über 120 % liegt, sondern auch die steigenden Refinanzierungskosten im aktuellen Umfeld. Bereits im Wahlkampf machte US-Präsident Donald Trump seine Haltung hierzu deutlich: Die US-Verschuldung muss gesenkt werden. Gleichzeitig erfordert sein fiskalpolitischer Vorschlag – das sogenannte „One Big Beautiful Bill“ – dennoch erhebliche zusätzliche Mittel.

Diese veränderte Rhetorik hat den Fokus der Märkte wieder verstärkt auf Umfang und Struktur der US-Verbindlichkeiten gelenkt. Es geht inzwischen nicht mehr darum, ob eine Finanzierung benötigt wird, sondern darum, wer sie bereitstellen wird. In diesem Zusammenhang kommt der Zusammensetzung und dem Laufzeitenprofil der US-Staatsschulden besondere Bedeutung zu. Die kurzfristigen Emissionen wurden deutlich ausgeweitet – einerseits zur Kostenkontrolle, andererseits zur Erhöhung der Flexibilität. Abbildung 1 zeigt, dass inzwischen ein großer Teil der ausstehenden Anleihen auf Laufzeiten von weniger als zwei Jahren entfällt. Dies wirft Bedenken hinsichtlich einer etwaigen Verlängerung der Schuldenstruktur („Rollover Risk“) und der Nachfrage am kurzen Ende der Zinskurve auf.

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Was sind Stablecoins – und warum sind sie gerade jetzt so wichtig?

Für eine Fiskalpolitik, die auf der dauerhaften Finanzierung von Defiziten basiert, braucht die US-Regierung verlässliche Käufer ihrer Staatsanleihen – insbesondere auch im längerfristigen Bereich, wo die Auktionsdynamik besonders sensibel auf Nachfrageänderungen reagiert. Das ist einer der Gründe, warum Donald Trump in der Vergangenheit regelmäßig eine positive Haltung gegenüber digitalen Vermögenswerten und insbesondere Kryptowährungen eingenommen hat. Doch was haben Kryptowährungen eigentlich mit der US-Staatsverschuldung zu tun? Schauen wir es uns genauer an: Innerhalb des vielfältigen Spektrums digitaler Vermögenswerte rückt eine Kategorie aufgrund ihrer wachsenden Bedeutung verstärkt in den Fokus: Stablecoins. Im Gegensatz zu klassischen Kryptowährungen wie Bitcoin oder Ethereum, die stark volatil und überwiegend spekulativen Charakter haben, sind Stablecoins darauf ausgelegt, einen stabilen Wert zu halten – meist im Verhältnis 1:1 zum US-Dollar1.

Diese Bindung wird durch entsprechende Reservevermögen gesichert: Beim Kauf eines Stablecoins zahlt der Anleger in US-Dollar, die der Emittent verwendet, um liquide, geldmarktnahe Vermögenswerte wie kurzlaufende US-Staatsanleihen zu erwerben. Während der Stablecoin anschließend auf Blockchain-Plattformen zirkuliert, wird das Reservemögen traditionell verwahrt. Die Attraktivität von Stablecoins liegt in ihrem hybriden Charakter: Einerseits funktionieren sie wie digitales Bargeld – dezentral, programmierbar und sofort übertragbar. Andererseits ähneln sie in ihrer Struktur einem Geldmarktfonds: Jeder Token steht für einen Anspruch auf einen USD-äquivalenten, hochliquiden Vermögenswert mit kurzer Laufzeit. Diese Kombination aus der Flexibilität des Kryptomarkts und der Stabilität klassischer Währungen macht sie zu unverzichtbaren Instrumenten in der digitalen Finanzwelt.

Dieser Mechanismus macht Stablecoins zu strukturellen Käufern von US-Staatsanleihen. Um die Bindung an den US-Dollar dauerhaft zu sichern, fließen Milliardenbeträge in kurzlaufende US-Staatsanleihen. Angesichts einer in einigen Bereichen sinkenden Nachfrage nach US-Staatsanleihen ist das längst kein reines Kryptothema mehr, sondern hat Auswirkungen auf den Anleihemarkt. Trumps kryptofreundliche Haltung ist daher nicht nur ideologisch motiviert, sondern Teil einer breiten Refinanzierungs-Strategie der US-Staatsanleihen. Wie Abbildung 2 zeigt, hat sich der Stablecoin-Markt zu einem System mit mehreren großen Anbietern entwickelt, das inzwischen ein Gesamtvolumen von über 200 Mrd. US-Dollar erreicht hat.

An der Spitze steht Tether (USDT) mit einer Marktkapitalisierung von über 160 Mrd. US-Dollar (Stand: Mai 2025)2.Zwar ist das Modell von Tether vergleichsweise intransparent, doch bestätigen die offiziellen Berichte zum Reservevermögen, dass der Großteil der Deckung aus US-Staatsanleihen mit Laufzeiten von unter 90 Tagen besteht3. Der zweitgrößte Stablecoin, USDC von Circle, hat mittlerweile eine Marktkapitalisierung von rund 60 Mrd. US-Dollar erreicht und gilt als deutlich transparenter. Er unterliegt vollständig der US-Regulatorik, veröffentlicht monatliche Prüfberichte und hält eine Mischung aus Staatsanleihen und Cash.

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In jüngerer Zeit hat sich Ethena’s USDe mit seinem synthetischen USD-Design einen Namen gemacht, das auf besicherten Derivatestrategien basiert und nicht ausschließlich auf US-Staatsanleihen. USDe ist inzwischen ein mittelgroßer Akteur, der zunehmendes institutionelles Interesse auf sich zieht. DAI, ursprünglich ein dezentraler Stablecoin, der vollständig durch Krypto-Assets besichert war, hat sich zu einem Hybridmodell weiterentwickelt – inklusive tokenisierter Staatsanleihen – um die Stabilität in Stresssituationen zu erhöhen. Ein weiterer aufstrebender Anbieter ist Sky Dollar, der sich auf die Anbindung von Schwellenländern konzentriert.

Von Regulierung zur Allokation

Ein entscheidender Wendepunkt in der Institutionalisierung von Stablecoins war im Juni 2025 die Verabschiedung des GENIUS Act (Government-Endorsed Neutral Issuers of U.S. Stablecoins). Diese wegweisende Regulierung, die im US-Senat parteiübergreifend verabschiedet wurde, definiert den operativen, rechtlichen und finanziellen Rahmen für die Ausgabe von an den US-Dollar gebundenen Stablecoins. Hervorzuheben am GENIUS Act ist die Vorgabe, dass Stablecoins - die als vollständig gedeckt und jederzeit in US-Dollar einlösbar beworben werden - ihre Reserven ausschließlich in „qualifizierten liquiden Vermögenswerten“ halten müssen. Dazu zählen Cash, Tagesgeld-Repogeschäfte mit der US-Notenbank und US-Staatsanleihen mit einer Laufzeit von maximal 93 Tagen. Zudem verpflichtet das Gesetz Emittenten zu täglichen Bestätigungen der Reservebestände, zur transparenten Offenlegung dieser Daten sowie zur getrennten Verwahrung der Kundengelder bei lizenzierten Verwahrstellen. Darüber hinaus müssen Emittenten sich regelmäßigen Prüfungen unterziehen und sich in einem speziellen Regulierungsrahmen registrieren, der gemeinsam von der SEC und dem neu geschaffenen Office of Digital Payment Oversight (ODPO) überwacht wird4.

Der GENIUS Act hat zwei zentrale Folgen: Erstens zwingt er Stablecoin-Emittenten dazu, ihre Reserven in sehr kurzfristige und sichere US-Staatsanleihen zu investieren. Sie dürfen keine Überrendite durch Kreditinstrumente oder langfristige Anlagen erzielen. So sind sie per Gesetz zu dauerhaften Käufern von kurzfristigen Staatsanleihen geworden.

Zweitens verbindet die Regelung die Ausgabe neuer Stablecoins direkt mit der Nachfrage nach US-Staatsanleihen. Wenn neue Stablecoins entstehen, müssen entsprechende Reserven in Staatsanleihen investiert werden. Umgekehrt führen Rücknahmen zu erzwungenen Verkäufen, was eine weitere direkte Verbindung zwischen Blockchain-Nachfrage und dem traditionellen Anleihemarkt erzeugt. Für das US-Finanzministerium bedeutet das: Es entsteht eine verlässliche und gesetzlich gestützte Nachfrage nach kurzfristigen US-Staatsanleihen – unabhängig von der Rendite. In Zeiten, in denen mehr Schulden aufgenommen werden und klassische Käufer wie ausländische Investoren sich tendenziell zurückziehen, könnte diese neue Form gesetzlich verpflichteter Käufer nicht nur nützlich, sondern sogar notwendig sein.

Vom Neben- zum Hauptdarsteller

Auch wenn sie in offiziellen Statistiken kaum auftauchen, gehören Stablecoin-Anbieter inzwischen zu den größten Inhabern von US-Staatsanleihen. Allein Tether und Circle halten zusammen über 220 Milliarden US-Dollar in kurzfristigen Staatsanleihen5. Im Gegensatz zu Zentralbanken sind Stablecoin-Anbieter jedoch nicht diversifiziert. Ihre Mandate sind eng gefasst, und ihre Portfolios bestehen nahezu ausschließlich aus kurzfristigen US-Staatsanleihen – sowohl per Definition aber auch aus regulatorischen Vorgaben.

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Besonders bemerkenswert an diesem Trend ist die Wachstumsperspektive. Laut der Investmentbank Standard Chartered könnte der GENIUS Act dazu führen, dass sich die Nachfrage nach Stablecoins nahezu verzehnfachen wird und den Markt bis Ende 2028 auf USD 2 Bio. anwachsen lassen.6 Stablecoins wären in diesem Fall kein Nischenthema mehr, sondern ein wichtiger makroökonomischer Faktor. Sie würden Einfluss auf Anleiheemissionen, Zinserwartungen und die Liquidität am kurzen Ende der Zinskurve nehmen. Die Folgen würden über sinkende Zinsen hinausgehen – etwa geringere Schwankungen bei stabilem Emissionsverhalten, dagegen wären aber auch negative Auswirkungen auf die Liquidität bei großen Rückgaben möglich.

Wie die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) hervorhebt, ist diese Art der Nachfrage nicht zyklisch, sondern wächst mit der zunehmenden, digitalen Akzeptanz und Nutzung. Gleichzeitig kann sie aber bei Vertrauensverlust oder technischen Problemen auch schnell wieder nachlassen. In gewisser Weise entwickeln sich Stablecoins damit zu einer Art digitaler Zentralbanken mit nur einem einzigen Vermögenswert, während sich der Markt für Staatsanleihen in Echtzeit an diese neue Käuferklasse anpasst.

Wie navigieren wir?

Was ursprünglich als Randentwicklung im Kryptobereich begann, hat in der Zwischenzeit deutlichen Einfluss darauf, wie Staatsverschuldung organisiert und verstanden wird. Stablecoins sind längst kein Nischenprodukt mehr – sie entwickeln sich zu institutionellen, systemrelevanten Akteuren. Ihr Verhalten wird aber nicht von makroökonomischen Entwicklungen oder individuellen Entscheidungen bestimmt, sondern von der zugrundeliegenden Programmierung und Regulierung. Das macht sie zu einer speziellen Art von Investoren: automatisiert, vorhersehbar in der Ausgabe, aber gleichzeitig anfällig für schnelle Abflüsse.

Mit wachsendem Volumen steigt auch ihr Einfluss – nicht nur auf die Marktpreise, sondern auf die Stabilität des Finanzsystems. Wir erleben eine neue Verbindung, bei der private, digitale Instrumente sich mit einem der traditionellsten, öffentlichen Vermögenswerte – den US-Staatsanleihen - verknüpfen. Das ist vergleichbar mit der Entwicklung, als man mit einem digitalen Dienst wie Skype ein Festnetztelefon anrufen konnte. Es entsteht eine direkte Verbindung zwischen alter und neuer Welt. Diese Entwicklung wirft aber auch grundlegende Fragen auf. Können Zentralbanken ihre Geldpolitik noch wie bisher steuern, wenn ein Teil der Nachfrage am Markt durch Algorithmen und Programmcode bestimmt wird? Was passiert, wenn ein eigentlich dezentral entwickelter Mechanismus auf zentrale Finanzkanäle wirkt? Und wie sollten Aufsichtsbehörden, Investoren und Haushaltsplaner auf eine neue Anlegergruppe reagieren, die die Flexibilität der Blockchain mit dem Einfluss traditioneller Zentralbanken verbindet?

All das findet zu einer Zeit statt, in der die US-Regierung ohnehin verstärkt auf kurzfristige Anleihen zur Refinanzierung der US-Schulden setzt. Die US-Regierung kommuniziert ganz offen, diesen Trend weiter verstärken zu wollen. Als Portfoliomanager verfolgen wir diese Entwicklungen genau, denn sie verändern sowohl die Nachfrage-Struktur als auch die Funktionsweise des Anleihemarktes. Der wachsende Einfluss von Stablecoins ist aus unserer Sicht kein kurzfristiger Trend, sondern ein Signal für einen grundlegenden Wandel an der Schnittstelle von Technologie, Politik und Vertrauen. Diese Entwicklung ist essenziell für alle, die verstehen wollen, wie die Geldpolitik und -mechanik in den kommenden Jahren aussehen wird.

 

 

 

 

 

1. Siehe Rashad Ahmed, Iñaki Aldasoro (May 2025), "Stablecoins and safe asset prices". BIS Working Paper No. 1270. Bank for International Settlements.
2. Siehe The next-generation monetary and financial system.
3. Siehe Lennart Ante, Ingo Fiedler, (May 2025), "The Stablecoin Discount: Evidence of Tether's U.S. Treasury Bill Market Share in Lowering Yields", SSRN.
4. See GENIUS Act, U.S. Senate Legislative Summary, June 2025.
5. US Department of the Treasury, Treasury International Capital (TIC) System.
6. Siehe Stablecoin Market Could Grow to $2T by End-2028: Standard Chartered.
 

 

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