Unsere Welt im Umbruch erfordert Energie-Eigenständigkeit

Conviction Equities Boutique
Artikel 5 Minuten

Kurz und bündig

  • Bestrebungen zur Energie-Eigenständigkeit in unserer zusehends labilen Welt verstärken die Dringlichkeit, das Energie-System zu transformieren.
  • Zentral ist die Elektrifizierung auf der Basis erneuerbarer Energie, da sie die Betriebskosten und den CO₂-Ausstoss senkt und die Selbstversorgung erhöht.
  • Der Wandel belastet jedoch die bestehende Infrastruktur erheblich, deren veraltete Netze zu immer mehr strukturellen Engpässen führen. Er hängt auch stark von seltenen Mineralien ab, die unerlässlich sind für die Herstellung von Windkraft-Anlagen, Solarmodulen, Batterien und das weitreichende Netz aus Kabeln und Übertragungsleitungen.
  • Letztlich hängt der Wandel von einem umfassenden Öko-System aus essenziellen Ressourcen, emissionsmindernden Lösungen sowie dem technologischen und industriellen Leistungsvermögen ab. Für Investoren ist entscheidend, das Geflecht der Abhängigkeiten in den vor- und nachgelagerten Bereichen zu verstehen, damit sie einschätzen können, wie Energie-Eigenständigkeit, Widerstandsfähigkeit und Dekarbonisierung Hand in Hand gehen.

In einer wirtschaftlich und politisch zusehends labilen Welt wird die Beschaffung von Energie und anderen Schlüssel-Rohstoffen fragmentierter zwischen den geopolitischen Polen. Die jüngsten Spannungen in Nahost, besonders der Iran-Konflikt, führen uns vor Augen, wie zerbrechlich die strukturelle Abhängigkeit von fossilen Energieträgern ist. Dies spricht klar für das Konzept der Energie-Eigenständigkeit. Dessen Ziel ist, Nachhaltigkeit mit der Geopolitik und dem Konkurrenzdenken in Einklang zu bringen. Umso dringlicher wird, das Energie-System zu transformieren, um es nicht nur effizienter und widerstandsfähiger zu machen, sondern auch eigenständiger – und damit weniger abhängig von Importen.

2026-01-19_our world in flux calls for energy sovereignty_chart1_de.png

 

Das Beispiel der Europäischen Union (EU) zeigt, dass Energie-Eigenständigkeit ein zentrales Thema bleibt. Laut dem Energy Sovereignty Index des EU Council on Foreign Relations hat die EU ihre Energie-Eigenständigkeit leicht verbessert, indem sie ihre Abhängigkeit von russischem Gas reduziert hat. Dennoch hinkt sie beim Ersetzen dieser Mengen durch eigene Energieproduktion weiterhin hinterher. Zwar bestehen erhebliche Unterschiede zwischen den Mitgliedstaaten, doch im Durchschnitt ist die Eigenständigkeit der EU niedrig; die entsprechende Kategorie im Index erreicht lediglich 4 auf einer Skala von 1 bis 10.

Elektrifizierung und erneuerbare Energie zentral

Zur Steigerung der Energie-Eigenständigkeit steht ein breites Spektrum bewährter und anerkannter Strategien zur Verfügung. Dazu gehören unter anderem die Beschleunigung der Elektrifizierung des Alltags sowie industrieller Prozesse, der Ausbau des Anteils erneuerbarer Energie und die Verbesserung der Energieeffizienz.

Derzeit macht Elektrizität bereits rund 20 Prozent des weltweiten Energieverbrauchs aus. Laut dem Netto-Null-Szenario der International Energy Agency (IEA) soll dieser Anteil bis 2050 auf 50 Prozent steigen.1 Der zusätzliche Bedarf dürfte weitgehend durch erneuerbare Energie gedeckt werden, da dies die Betriebskosten und den CO₂-Ausstoss senkt und die Eigenständigkeit erhöht.

Die Elektrifizierung mit erneuerbarer Energie bringt jedoch Herausforderungen mit sich. Sie belastet die bestehende Infrastruktur erheblich, deren veraltete Netze zu immer mehr strukturellen Engpässen führen. Laut dem European Network of Transmission System Operators for Electricity verzeichnete Europa im Jahr 2024 einen Rekordwert von 8’645 Spannungsspitzen – ein drastischer Anstieg gegenüber nur 34 Vorfällen im Jahr 2015.2 Diese Entwicklung verdeutlicht den dringenden Bedarf an Investitionen in die Netz-Infrastruktur, wobei nur schon der Austausch veralteter Anlagen einen bedeutenden Anteil der Ausgaben ausmacht. Nach einem langzeitigen Mangel an Investitionen ist der Druck inzwischen gross, die Infrastruktur zu modernisieren. Die Investitionsausgaben zusätzlich in die Höhe treibt, dass immer mehr erneuerbare Energiequellen an das Netz angebunden werden, welches auch verstärkt werden muss, um Strom aus Regionen mit günstigen Wind- und Sonnenschein-Verhältnissen zu den Verbrauchszentren zu transportieren. Während Lösungen zur Netz-Flexibilität – darunter auch Technologien für eine bedarfsabhängige Steuerung, wie Smart Grids – derzeit noch einen kleineren Marktanteil ausmachen, wird in den kommenden Jahren mit einem stetigen Wachstum gerechnet. Die Netz-Investitionen werden voraussichtlich das Wachstum der Stromnachfrage übertreffen und bieten damit Chancen für Anbieter von Lösungen entlang der gesamten Infrastruktur-Wertschöpfungskette.

2026-01-19_our world in flux calls for energy sovereignty_chart2_de.png

Von Fässern zu Kollektoren

Das traditionelle Energie-System, das auf einem komplexen Netzwerk aus Pipelines und Handelsrouten beruht, weicht mehr und mehr der heimischen Produktion erneuerbarer Energie. Dieser Wandel wird nicht nur durch Bestrebungen zur Energie-Eigenständigkeit vorangetrieben, sondern auch dadurch, dass er einen entscheidenden Wendepunkt erreicht hat: In vielen Ländern sind die Kosten für erneuerbaren Strom inzwischen günstiger als jene für den Neubau fossiler Kraftwerke. Die Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energie ist somit zentrale Triebfeder ihres Ausbaus.

2026-01-19_our world in flux calls for energy sovereignty_chart3_de.png

 

Kein Land setzt die Energiewende so entschlossen um wie China. Mit mehr als 40 Prozent der weltweiten Kapazitäten im Bereich erneuerbare Energie positioniert sich die Volksrepublik als führende Kraft. Allein im Jahr 2024 investierte China über 600 Milliarden US-Dollar in Projekte für saubere Energie und festigte damit seine Dominanz weiter.3 Diese Führerschaft hat dank Kostenreduktionen und der Einführung modernster Technologien den Wandel beschleunigt, doch gleichzeitig neue Abhängigkeiten für andere Staaten geschaffen – besonders im Westen, wo die Sorge über Chinas Kontrolle kritischer Lieferketten wächst.

Lieferketten als wirkungsvolle Waffe

Die Energiewende ist zudem stark auf kritische Mineralien wie Lithium, Kobalt, Nickel, Kupfer und seltene Erden angewiesen. Diese Rohstoffe sind unverzichtbar für die Herstellung von Windkraft-Anlagen, Solarmodulen, Batterien und das weitreichende, für ein CO₂-freies Strom-System erforderliche Kabelnetz. Die rasch steigende Nachfrage dürfte zu strukturellen Engpässen bei mehreren dieser Schlüsselmetalle führen. Gleichzeitig ist die Gewinnung und Verarbeitung dieser Rohstoffe stark konzentriert – wiederum mit China als dominierendem Akteur. Diese Konzentration könnte erhebliche geopolitische Risiken mit sich bringen. Während sich Länder von fossilen Energieträgern abwenden, laufen sie Gefahr, von einer Abhängigkeit in die nächste zu geraten. Handelsbeschränkungen, Exportverbote und Ressourcen-Nationalismus entwickeln sich bereits zu geopolitischen Druckmitteln mit dem Potenzial, globale Lieferketten zu stören und Preisschwankungen zu verursachen. Chinas jüngste Exportbeschränkungen für kritische Mineralien – darunter seltene Erden nebst anderem – verdeutlichen die Anfälligkeit konzentrierter Lieferketten.

Um diese Risiken zu mindern, prüfen Regierungen und Unternehmen Strategien zur Diversifikation der Lieferketten, investieren in den heimischen Bergbau und konzentrieren sich auf die Entwicklung von Recycling-Technologien. Besonders Letzteres kann Schwachstellen in den Lieferketten adressieren und von der steigenden Nachfrage profitieren. Metalle sind ein Beispiel dafür, welch vielversprechende Lösung Recycling sein kann. Im Gegensatz zu Kunststoffen lassen sich Metalle ohne Qualitätsverlust recyceln und eignen sich daher ideal für eine Kreislaufwirtschaft. Ein Ausbau des Recyclings könnte die Abhängigkeit von geopolitisch exponierten Produzenten verringern und gleichzeitig die Transformation des Energie-Systems unterstützen. Eine Erhöhung des Angebots ohne zusätzlichen Rohstoff-Abbau wirkt sich zudem positiv auf Emissionen, Flächenverbrauch und Wasserbedarf aus.

Zum Tango braucht’s zwei: den vor- und den nachgelagerten Bereich

Gefördert durch Bestrebungen zur Energie-Eigenständigkeit und durch Konkurrenzdenken beschleunigt sich die Transformation von einem Energie-System, das auf endlichen, geförderten Ressourcen mit volatilen Preisen basiert, zu einem System, das auf Technologien der Stromerzeugung baut, deren Kosten mit wachsendem Produktionsvolumen sinken. Die Chance liegt in der enormen Grössenordnung dieses Wandels. Allerdings verläuft dieser Weg nicht geradlinig; unterschiedlich schnelles Vorwärtskommen, rasch ändernde politische Rahmenbedingungen und geopolitische Einflüsse erhöhen die Komplexität.

Letztlich geht es beim grünen Wandel aber nicht nur um den Ausbau erneuerbarer Energie, sondern auch um die Abhängigkeit von einem umfangreichen Öko-System aus essenziellen Ressourcen, Technologien und industriellem Leistungsvermögen. Dieses Geflecht von Abhängigkeiten zwischen den vor- und nachgelagerten Bereichen zu verstehen ist entscheidend, um einschätzen zu können, wie sich Energie-Eigenständigkeit, Widerstandsfähigkeit und Dekarbonisierung Hand in Hand weiterentwickeln. Investitionschancen in vorgelagerten Bereichen (etwa Bergbau, Verarbeitung und Recycling) bieten sogenannte Enabler-Materialien, die zur Unterstützung des Wandels unerlässlich sind, sowie CO₂-arme Energie-Lösungen, die einen ausgewogenen und verantwortungsvollen Übergang zu nachhaltigen Energiequellen ermöglichen. Attraktive nachgelagerte Bereiche bieten Zugang zu Strategien für die Verminderung von Emissionen, darunter Infrastruktur für sauberen Strom (wo erneuerbare Energie weiterhin den Grossteil neuer Kapazitäten stellt) nebst der dringend nötigen Modernisierung und Erweiterung der Stromnetze.

Ebenso wichtig sind Lösungen zur Steigerung der Energieeffizienz in verschiedenen Sektoren. Bei Gebäuden umfasst dies nachhaltige Materialien, energieeffiziente Bauweisen sowie fortschrittliche Systeme für Heizung, Lüftung, Kühlung, Beleuchtung und Steuerung. Beim Verkehr liegt der Schwerpunkt auf emissionsarmen Alternativen, auf der Fertigung von Ausrüstung und auf Batterie-Technologien, während in der industriellen Produktion die Digitalisierung und Automatisierung sowie funktionale Materialien entscheidend sind, um den Energieverbrauch und die CO₂-Emissionen zu senken.

Über das gesamte Spektrum hinweg durch aktives Management zu investieren bietet die Chance, den Wandel zu beschleunigen und an seinem Nutzen teilzuhaben.

 

 

 

Über die Autoren
Als nächstes lesen:
Make grids great again

Zugehörige Insights