US-Präsidentschaftswahlen: Was könnte eine zweite Amtszeit Trumps für Anleger bedeuten?

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Artikel 15 Minuten

Kurz und bündig

  • Eine zweite Amtszeit von Donald Trump als US-Präsident würde sich unseres Erachtens stärker auf die Märkte auswirken als die Wiederwahl des amtierenden Joe Biden. Dessen Wiederwahl würde aus unserer Sicht eher eine Fortsetzung des Status quo bedeuten.
  • Wir sind der Meinung, dass die nicht nachlassende Popularität Trumps viel mit gesellschaftlichen Entwicklungen und dessen Status als «Enfant terrible» des Establishments zu tun hat, da das Vertrauen in staatliche Institutionen seit Jahren schwindet und die Kluft zwischen Arm und Reich immer grösser wird.
  • Anlageklassen werden von Faktoren wie dem globalen Wirtschaftszyklus beeinflusst, der wiederum von weitaus mehr als dem Ergebnis der US-Präsidentschaftswahlen abhängt.

Die US-Präsidentschaftswahlen sind noch eine Weile hin: Erst am 5. November 2024 wird die grösste Volkswirtschaft der Welt zur Urne gehen. Doch ein Blick in die einschlägigen Finanz- und sozialen Medien zeigt klar, dass der Wahlkampf bereits auf Hochtouren läuft.

Der amtierende Joe Biden und Wahlkandidat Donald Trump hinterfragten, wer von ihnen dem Präsidenten-Amt besser gewachsen sei. Der 77-jährige Trump bezeichnete Biden als völlig inkompetent , während der 81-jährige Biden, auf sein fortgeschrittenes Alter angesprochen, antwortete, ein Kandidat sei zu alt und geistig ungeeignet, um Präsident zu sein, … der andere sei er .

Auch Robert F. Kennedy Jr., Sohn des ermordeten Justizministers Robert Kennedy und Sprössling einer der prominentesten politischen Dynastien in den USA, hat die Hoffnung auf einen der einflussreichsten Jobs der Welt noch nicht aufgegeben.

Um herauszufinden, wer letzten Endes ins Weisse Haus einziehen wird, lässt sich unseres Erachtens ebenso gut eine Münze werfen. Den Wahlausgang mit Wahrscheinlichkeitsrechnungen prognostizieren zu wollen, finden wir angesichts der aktuellen Lage wenig sinnvoll. Hilfreich für Anleger können aber Gedanken-Experimente sein und sich zu fragen: Was wäre, wenn …?

In diesem Artikel fokussieren wir uns weniger auf Biden als auf Trump. Das liegt nicht an unserer politischen Gesinnung oder daran, dass wir Trump höhere Chancen einräumen, sondern es spiegelt unsere Überzeugung, dass eine zweite Amtszeit Trumps grössere Markt-Implikationen hätte als eine Wiederwahl Bidens, welche in unseren Augen wohl eher eine Verlängerung des Status Quo bedeuten würde.

Warum sollte eine zweite Amtszeit Trumps ernsthaft erwogen werden?

Trumps erste Amtszeit (2017 – 2021) war ereignisreich: Handelskrieg mit China, zahlreiche personelle Wechsel, Ausstieg aus dem Atom-Abkommen mit dem Iran, Aufkündigung des Pariser Klimaabkommens, Abkehr von Allianzen wie der North Atlantic Treaty Organization (NATO) oder der World Trade Organization (WTO), Einreise-Stopps für gewisse Bevölkerungsgruppen, Mauerbau an der Grenze zu Mexiko, Amtsenthebungsverfahren, Entwendung von Geheimpapieren, Anschuldigungen wegen Wahlbetrug, bewaffneter Sturm auf das Kapitol ….

Man könnte also meinen, die Hürden für eine zweite Amtszeit wären hoch. Doch Umfragen offenbaren ein Kopf-an-Kopf-Rennen und auch in den heftig umkämpften sogenannten «Swing»-Staaten1 sieht es nicht schlecht aus. Zudem schnitt Trump in der Vergangenheit besser ab, als es die Umfragen vermuten liessen .

Was spricht für Trump?

Unserer Meinung nach hat Trumps anhaltende Beliebtheit viel mit gesellschaftlichen Entwicklungen und seinem Status als «Enfant terrible» des Establishments zu tun. Nehmen wir zum Beispiel die zunehmend frustrierte amerikanische Mittelschicht5. Sie fühlt sich seit Jahrzehnten im Stich gelassen, da im Zug der Globalisierung viele ehemals schlecht Verdienende in die Mittelschicht aufstiegen und Entwicklungsländer wie China profitierten. In den 1990er Jahren besass die Mittelschicht rund 37 Prozent des Vermögens aller US-Privathaushalte. Um die Jahrtausendwende sank die Zahl auf rund 30 Prozent. Heute beträgt sie gemäss Daten der US-Notenbank Fed weniger als 26 Prozent.

Gleichzeitig nimmt das Vertrauen in staatliche Institutionen seit Jahren ab. Einer Gallup-Umfrage , zufolge betrug das Vertrauen in den Obersten Gerichtshof in den 1980er Jahren knapp 60 Prozent. 2023 waren es nur noch 27 Prozent. Noch schlechter sieht es für das Vertrauen in die Medien (2023: 18 Prozent) und in den Kongress (2023: 8 Prozent) aus.

Diese sich schon lange abzeichnenden Entwicklungen verschärften sich nach Trumps Abgang. Wichtiger Grund dafür dürfte der Inflationsschock sein, der das reale (inflationsbereinigte) Einkommen vieler Amerikaner Anfang 2021 ins Minus drückte (Grafik 1).

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Was Trump ebenfalls in die Hände spielt, ist die Unbeliebtheit Bidens. Normalerweise lässt sich mit der Zustimmungsrate eines Präsidenten die Chance auf seine Wiederwahl recht gut voraussagen. In der Vergangenheit hing die Meinung der Öffentlichkeit über den Präsidenten vor allem von ihrer Einschätzung der Wirtschaft ab. Dieser Zusammenhang geriet in letzter Zeit jedoch aus den Fugen: Die US-Wirtschaft ist stark, die Arbeitslosenquote verharrt auf historisch tiefem Niveau, sogar die Inflation (deren Grundstein bereits vor Bidens Amtsantritt gelegt wurde) ist deutlich gesunken und dennoch ist Bidens Zustimmungsrate im Keller. Betrug sie laut der von ABC News betriebenen Website FiveThirtyEight . Anfang 2021 noch 53 Prozent, liegt sie inzwischen bei rund 40 Prozent. Damit ist Biden sogar noch unbeliebter als Trump während seiner ersten Amtszeit.

Laut einer Ipsos-Umfrage trauen viele Amerikaner Biden nicht zu, dass er für sie wichtige Themen anpacken kann. Das gilt besonders für gesellschaftlich brisante Themen wie Kriminalität oder Zuwanderung. Letztere nahm seit 2022 (u.a. aufgrund der Lockerung der Pandemie-Beschränkungen) deutlich zu und verschärfte sich 2023 und 2024 weiter. Gemäss Bloomberg News trafen Bundesbeamte allein im Dezember 2023 täglich auf 10’000 Menschen, welche die Südgrenze der USA überquerten – ein guter Nährboden für populistische Parolen.

Zudem scheint einer der verlässlichsten Wählerblöcke der Demokraten seine Meinung geändert zu haben. Laut einer Siena-Umfrage der New York Times liegt die Unterstützung Trumps durch schwarze Wähler bei 16 Prozent und damit um 10 Prozentpunkte höher als 2020. Auch bei hispanischen Wählern wird Trump beliebter. Eine mögliche Erklärung könnte sein, dass Biden diese Bevölkerungsgruppen desillusioniert hat und die negativen Realeinkommen sie besonders betreffen.

Was spricht für Biden?

Biden hat immerhin die Statistiken auf seiner Seite. In der Vergangenheit wurde der amtierende US-Präsident in 67 Prozent der Fälle wiedergewählt. Konnte der amtierende Präsident eine Rezession vermeiden, wurde er sogar in 80 Prozent der Fälle wiedergewählt. Glitt die Wirtschaft jedoch in eine Rezession ab, wurde der Präsident abgestraft und die Quote sank auf 44 Prozent (Grafik 2). Aufgrund des starken Arbeitsmarkts sowohl in den USA generell als auch in den «Swing»-Staaten sieht es derzeit danach aus, dass bis zu den Wahlen eine Rezession vermieden werden kann.

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Drittkandidaten nicht aus dem Blick verlieren

Momentan dominieren Trump und Biden die Schlagzeilen. Anleger sollten jedoch bedenken, dass auch mögliche Drittkandidaten die Wahl beeinflussen könnten. Eine Umfrage der Quinnipiac University vom März ergab, dass 20 Prozent der Wähler ihre Stimme weder Trump noch Biden gäben, wenn fünf statt zwei Kandidaten zur Wahl stünden. Dabei entfielen 13 Prozent auf den unabhängigen Kandidaten Robert F. Kennedy Jr. Aber auch die Kandidatin der Grünen Partei, Jill Stein, konnte 4 Prozent für sich gewinnen. Die Grünen hatten den Demokraten schon in der Vergangenheit einen Strich durch die Rechnung gemacht, etwa 2000, als der Aktivist Ralph Nader den Einzug von Al Gore ins Weisse Haus verhinderte, oder 2016, als Jill Stein Hillary Clinton Stimmen abluchste.

Wer wird den Kongress für sich gewinnen?

Wichtig ist zudem, wer den Kongress für sich gewinnen kann. Am wahrscheinlichsten sind unserer Meinung nach zwei Szenarien: entweder eine «rote Welle» (signifikante Gewinne für die Republikaner) oder eine Patt-Situation. Eine «blaue Welle» (blau ist die Farbe der Demokraten) halten wir für weniger wahrscheinlich.

Warum? Der Kongress ist unterteilt in den Senat und das Repräsentantenhaus. Im Senat stehen dieses Jahr 28 Demokraten-Sitze zur Wiederwahl, 23 Demokraten-Sitze stehen nicht zur Wahl und gelten somit als gesichert. Anders sieht es bei den Republikanern aus, wo nur 11 Sitze zur Wiederwahl stehen und 38 als gesichert gelten. Gemäss Umfragen von 270toWin haben die Republikaner aktuell die Nase vorn. Es ist daher gut möglich, dass die Republikaner Sitze hinzugewinnen und somit im Senat mehr Einfluss nehmen können. Wer im Repräsentantenhaus das Sagen haben wird, hängt wahrscheinlich vom Wahlergebnis ab.

In unseren Augen wären Trump im Fall seines Wahlsiegs die Hände wohl weniger gebunden. Gewinnt Biden, dürfte er im Kongress wahrscheinlich auf Widerstand stossen. Gewinnt aber Trump, hat er vermutlich die Mehrheit im Kongress auf seiner Seite.

Was sich weder unter Trump noch unter Biden ändern dürfte

Unseres Erachtens dürften unabhängig davon, ob Biden im Weissen Haus verbleibt oder Trump dort einziehen wird, der Protektionismus, die Anti-China-Politik, die Aufrüstung und die hohe Staatsverschuldung fortdauern.

Protektionismus 

Wer sich von Joe Biden etwas weniger «America first» und etwas mehr Offenheit im Handel erhoffte, wurde in den letzten Jahren eines Besseren belehrt. Biden wird nachgesagt, eine Politik des «freundlichen Protektionismus» zu verfolgen: Er schreibt weniger aggressive Tweets als sein Vorgänger, behält aber die Interessen Amerikas fest im Blick. Viele nationale Sicherheitszölle oder freiwillige Beschränkungen, die Trumps mit anderen Ländern ausgehandelt hatte, behielt Biden bei. Er scheint Trumps Ansicht zu teilen, dass der Schutz der US-Stahlindustrie eine Frage der nationalen Sicherheit sei. Andere Massnahmen können ebenfalls als protektionistisch betrachtet werden, zum Beispiel der von Biden vorangetriebene «Chips and Science Act», welcher milliardenschwere Investitionen in die Herstellung von Halbleitern sowie in die Forschung & Entwicklung vorsieht und wieder mehr heimische Arbeitsplätze in der verarbeitenden Industrie schaffen soll (Grafik 3).

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Anti-China-Politik 

Auch an der Haltung gegenüber der zweitgrössten Volkswirtschaft der Welt dürfte sich nicht viel ändern. Sowohl die Republikaner als auch die Demokraten erkannten über die Jahre, dass eine Anti-China-Politik die Wählergunst steigert. Während Trump seine China-Feindlichkeit offen austrägt (verhängte er doch diverse Strafzölle oder bezeichnete Covid-19 als chinesisches Virus , geht Biden subtiler, aber nicht minder entschlossen vor. Dies verdeutlicht zum Beispiel ein Blick auf die in den vergangenen Jahren von den USA auf die sogenannte «Entity List»3 gesetzten chinesischen Unternehmen (Grafik 4).

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Aufrüstung 

Ein weiterer Punkt ist der Trend hin zu militärischer Aufrüstung. Trump machte sich wiederholt für höhere Militärausgaben stark und forderte diese auch von anderen NATO-Mitgliedstaaten ein. Im Februar liess er gar verlauten, dass er NATO-Verbündeten im Ernstfall nicht zur Seite stehen würde. Auch Biden plädiert für höhere Ausgaben. So legte er im März 2024 einen Haushaltsplan für das Jahr 2025 vor, der einen Antrag auf 850 Milliarden US-Dollar an frei verfügbaren Mitteln für das Verteidigungsministerium enthält (4.1 Prozent mehr als 2023).

Staatsverschuldung 

Auch die Schuldenthematik (und damit einhergehende Fragen rund um die Tragbarkeit der Schuldenlast) dürfte fortbestehen. Auf den ersten Blick sind immer weiter steigende Staatsschulden nichts Neues. Die Staatsverschuldung, gemessen am prozentualen Anteil des Bruttoinlandprodukts, kennt seit Jahren nur eine Richtung: nach oben. In den 1980er Jahren betrug sie rund 30 Prozent. Inzwischen sind es mehr als 120 Prozent. Was jedoch bald zum Problem werden könnte, sind die (wegen der höheren Zinsen) gestiegenen Kosten zur Bedienung der Schulden – so hoch waren sie seit 40 Jahren nicht mehr.

 

Trumps Wahlkampf-Versprechen

Alle Wahlkampf-Versprechen Trumps zusammenzufassen, wäre ein ziemlich ambitioniertes Unterfangen. Deshalb beschränken wir uns auf die fünf wichtigsten Bereiche: Fiskal-, Geld-, Handels-, Migrations- und Aussenpolitik.

Fiskalpolitik 

Trumps fiskalpolitische Agenda zielt vor allem auf geringere Steuern ab. Bereits während seiner ersten Amtszeit hatte Trump versucht, die Körperschaftssteuer von 35 auf 15 Prozent zu senken. Zuletzt lag sie bei 21 Prozent. Laut einem Artikel der Washington Post sprachen Trump und seine Berater über weitere Senkungen der Körperschaftssteuer, womöglich sogar bis auf 15 Prozent. Auch Privatpersonen könnten auf weniger Steuern unter Trump hoffen. In der Vergangenheit schwächten geringere Steuern jeweils die Haushaltsdisziplin der USA. Es ist anzunehmen, dass das bereits hohe Haushaltsdefizit weiter anschwellen wird.

Dafür will Trump anderweitig sparen, unter anderem durch das Einstellen der staatlichen Finanzierung des öffentlichen Rundfunks. Auch Auslandhilfe, Klima-Subventionen oder Investitionen in nachhaltige Technologien sollen zurückgefahren werden (Trump sieht etwa in der Verbreitung von Elektroautos , den Wegbereiter für Massenentlassungen in der US-Autoindustrie).

Geldpolitik 

In Sachen Geldpolitik will Trump vor allem den Fed-Vorsitzenden Jerome Powell loswerden. Trump und Powell können auf eine turbulente Vergangenheit zurückblicken. 2017 ernannte Trump Powell (ebenfalls Republikaner) zum Fed-Vorsitzenden und pries ihn damals als «weise» und erfahren. Doch als Powell 2018 den Leitzins anhob, fiel er bei Trump in Ungnade. So bezeichnete Trump ihn und die Fed als planlos und plädierte für Powells Entlassung. 2019 twitterte Trump sogar die Frage «Wer ist unser schlimmerer Feind – Powell oder Chinas Präsident Xi Jinping?». 2024 deutete Trump an, Powell würde den Leitzins senken, um den Demokraten zu helfen und gewissen Leuten eine zweite Amtszeit zu sichern.

In unseren Augen wäre eine Entlassung Powells schwierig. Juristisch gesehen kann der Präsident ein Vorstandsmitglied der US-Notenbank Fed (auch Powell) nur aus einem triftigen Grund absetzen. Unzufriedenheit mit der Geldpolitik der Fed ist wohl kaum triftig genug. Trump verkündete jedoch bereits, wenn er die Wahl zum Präsidenten gewinne, werde er Powell keine zweite Amtszeit einräumen (dessen vierjährige Amtszeit endet 2026). Danach könnte er einen Fed-Vorsitzenden nach seinen Vorzügen zur Ernennung vorschlagen. Dem müsste der Kongress allerdings zustimmen.

Handelspolitik 

Trump verfolgt weiterhin eine «America first»-Politik. Daher ist im Fall einer zweiten Amtszeit Trumps mehr handelspolitische Unsicherheit zu erwarten. Trump verkündete bereits, wenn er die Wahl gewinne, werde er Importzölle in Höhe von 60 Prozent auf Waren aus China und 10 Prozent auf Waren aus anderen Staaten erheben. Aktuell beträgt der Waren-Zoll im Schnitt 3 Prozent, für China 19 Prozent. Sollte Trump dies durchpeitschen, wäre nebst China die Europäische Union als zweitgrösster Handelspartner der USA besonders betroffen.

Ebenfalls zur Debatte steht eine Einschränkung chinesischen Eigentums an der US-Infrastruktur (etwa in den Bereichen Energie, Technologie, Telekommunikation und natürliche Ressourcen). Zudem erwägt Trump ein Investitionsverbot in China für US-Unternehmen sowie ein Überdenken der Rolle der USA in wichtigen Organisationen wie der Welthandelsorganisation (WTO).

Migrationspolitik 

Ähnlich entschlossen klingen Trumps Pläne für die Zuwanderung. Unlängst beklagte er sich bei einer Benefiz-Veranstaltung, aus «netten» Ländern (nach Trumps Definition sind dies Dänemark, die Schweiz und Norwegen ) würde niemand in die USA einwandern. Stattdessen müsse man sich mit Leuten aus anderen Ländern abmühen. Die legale Einwanderung sowie das Recht auf die US-Staatsbürgerschaft für in Amerika geborene Babys will er ebenfalls auf den Prüfstand stellen.

Auch wenn populistische Wähler eine schärfere Migrationspolitik begrüssen würden, könnte eine solche mitunter negative Folgen für den Arbeitsmarkt nach sich ziehen. Die starke Zuwanderung unter Biden wirkte sich mildernd auf den angespannten Arbeitsmarkt aus (Grafik 5), wo seit Längerem eine zu hohe Nachfrage bei zu geringem Angebot an Arbeitskräften herrscht. Weniger Zuwanderung würde den Arbeitskräfte-Mangel noch verschärfen und den Lohndruck (und damit die Inflation) weiter anheizen.

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Aussenpolitik 

Abgesehen von der China-Politik ist auch die Beziehung zu Russland ein Thema, das im Auge behalten werden sollte. Trump scheint ein gutes Verhältnis zu Wladimir Putin zu haben. Trumps Aussage, er würde den Ukraine-Krieg innerhalb von 24 Stunden beilegen, klingt in unseren Ohren ein wenig ambitiös. Er könnte den Krieg aber beeinflussen, indem er beispielsweise die Hilfe für die Ukraine einstellt, wovon angeblich bei seinem Treffen mit dem ungarischen Premierminister Viktor Orban im März die Rede war . Dazu müsste er allerdings den Kongress überzeugen, welcher Russland gegenüber skeptisch ist.

Eine so erzwungene Beilegung des Krieges wäre unserer Meinung nach nicht unbedingt marktrelevant: Nach der Invasion Russlands in der Ukraine stieg der Ölpreis deutlich, aber seit Ende 2022 sank er wieder. Somit ist im Fall des Russland-Ukraine-Krieges die sogenannte geopolitische Risikoprämie nicht mehr gegeben. Stattdessen befeuern andere Konflikte (Israel-Hamas) den Ölpreis.

Eher auf den Ölpreis auswirken könnte sich Trumps Iran-Politik. Trump hält offenbar immer noch Sanktionen für den einzig gangbaren Weg, um den Iran an der Uran-Anreicherung (und damit dem Bau einer Atombombe) zu hindern. Der Iran ist einer der grössten Öl-Produzenten der Welt und belegte 2016 Rang 7 mit einer Fördermenge von 4.4 Millionen Barrel pro Tag. Nachdem Trump im Mai 2018 überraschend das Nuklear-Abkommen namens Joint Comprehensive Plan of Action (JCPOA) aufgekündigt hatte, schoss der Ölpreis innerhalb kurzer Zeit um 60 Prozent nach oben. Laut Schätzungen verschwanden (zumindest temporär) zwei bis vier Millionen Barrel Öl vom Weltmarkt.

Im restlichen Mittleren Osten wusste Trump mit diplomatischem Geschick zu beeindrucken. Dank des von seiner Regierung vermittelten Abraham-Abkommens (2020) normalisierten sich die diplomatischen Beziehungen zwischen Israel und einigen arabischen Staaten. Die Unterzeichnenden – die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), Bahrain und Israel – bekräftigten damit ihren Wunsch, den Frieden im Mittleren Osten zu festigen. Die VAE und Israel schlossen ebenfalls ein Friedensabkommen. Trump unterhält ausserdem gute Beziehungen zu Saudi-Arabien und dem wichtigen Gas-Exporteur Katar.

 

Was würde Trump 2.0 für die Wirtschaft bedeuten?

Wie sich eine zweite Amtszeit Trumps auf die wichtigsten makroökonomischen Variablen auswirken würde, ist schwierig zu sagen. Denn zum einen ist nicht klar, ob Trump die Mehrheit im Kongress für sich gewinnen kann. Zum anderen ist nicht sicher, ob die Republikaner all seine Vorschläge gutheissen. Davon hängt ab, ob (und wie) seine Wahlkampf-Versprechen umgesetzt würden. Zudem ist die heutige Ausgangslage anders als bei Trumps Wahlkampf-Versprechen vor seiner ersten Amtszeit. Vor allem ist der Arbeitsmarkt gegenwärtig weitaus angespannter. Mit anderen Worten ist das Risiko eines Inflationsanstiegs heute viel höher als damals. Trotz dieser Unwägbarkeiten halten wir folgendes Szenario für möglich:

Wachstum 

Eine zweite Amtszeit Trumps könnte das Wirtschaftswachstum insgesamt begünstigen. Die von Trump geplanten Steuersenkungen würden zu einem höheren Haushaltsdefizit führen. Dies hätte einen positiven fiskalischen Impuls zur Folge. Die von Trump vorangetriebenen Deregulierungspläne könnten ebenfalls mehr Produktivität bewirken. Dies würde die US-Wirtschaft stützen, vorausgesetzt der Kongress steht hinter Trump.

Inflation 

Eine zweite Amtszeit Trumps wäre insgesamt wohl reflationär. Das bedeutet, dass das Preisniveau in den USA eher steigen würde. Dies zum einen wegen des vermutlich höheren Haushaltsdefizits und des damit einhergehenden positiven Nachfrageimpulses, zum anderen wegen der geringeren Zuwanderung und der damit einhergehenden Gefahr einer zusätzlichen Verknappung am Arbeitsmarkt (höherer Lohndruck durch geringeres Angebot an Arbeitskräften). Nicht zuletzt dürften sich auch die höheren Zölle in einer steigenden Inflation niederschlagen.

Ein leichter disinflationärer Effekt könnte von der geringeren Zuwanderung ausgehen (weniger Einwanderer bedeuten weniger Nachfrage nach Wohnraum und damit weniger Teuerungsdruck bei den Häuser- und Mietpreisen).

Zinsen 

Zwischen 2017 und 2018 (also während Trumps erster Amtszeit, als er volle Kontrolle über den Kongress hatte) stiegen die Zinsen, sprich die Anleiherenditen. Dies dürfte wiederum der Fall sein, falls Trump die Wahl gewinnt, da die Wirtschaft stärker wachsen, die Inflation höher ausfallen und der Kongress vermutlich unter republikanischer Kontrolle stehen würde. Das Aufwärtspotenzial etwas begrenzen könnten allerdings die Handelsunsicherheit und die auf maximalen Druck ausgelegte Aussenpolitik.

US-Dollar 

Das Zusammenspiel von stärkerem Wirtschaftswachstum, höherer Inflation und Handelsunsicherheit birgt in unseren Augen eher Aufwertungspotenzial für den US-Dollar. Entscheidend ist hierbei jedoch das Agieren der US-Notenbank Fed. Voraussetzung für einen stärkeren Dollar ist, dass sie entschieden gegen die höhere Inflation vorgeht (also den Leitzins erhöht). Wenn sie dies unterlässt und der Inflation tatenlos zusieht, dürfte dies eher auf dem US-Dollar lasten.

 

Was würde Trump 2.0 für die Finanzmärkte bedeuten?

Für die Anlageklassen gilt zu bedenken, dass sie noch anderen Einflussfaktoren unterliegen als dem globalen Wirtschaftszyklus, der wiederum von weit mehr als dem Wahlergebnis beeinflusst wird.

Aktien 

Die Vergangenheit hat gezeigt, dass die Aktienmärkte im Vorfeld von Wahlen in der Regel seitwärts tendieren. Dies überrascht kaum. Denn Wahlkämpfe werden immer auch von Unsicherheit über den zukünftigen politischen Kurs begleitet, und Aktienanleger mögen keine Unsicherheit. Sobald jeweils der Sieger feststand, stiegen die Märkte – auch wenn der amtierende Präsident nicht wiedergewählt wurde.

Eine weitere Steuersenkung würde sich vermutlich positiv auf den Gewinn pro Aktie auswirken (Grafik 6). Gleichzeitig sollten sich die Anleger aufgrund der weniger gut vorhersagbaren Politik auf höhere Volatilität an den Aktienmärkten (wie 2019) gefasst machen.

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Innerhalb der Anlageklasse dürften Industrieländer-Aktien am ehesten profitieren. Schweizer Aktien käme zwar das positive Wirtschaftswachstum zugute, nicht aber die höheren Zinsen. Einige Schwellenländer-Aktien könnten den Handelskrieg negativ zu spüren bekommen.

Anleihen 

Anleihen dürften im Fall einer zweiten Amtszeit Trumps mehr zu kämpfen haben. Ein stärkerer US-Dollar würde sie begünstigen, nicht aber das Zusammenspiel von stärkerem Wachstum, höherer Inflation und höheren Zinsen. Aus Anlegersicht erscheinen Aktien bei stärkerem Wirtschaftswachstum attraktiver als Anleihen. Eine höhere Inflation mindert die Kaufkraft der zukünftigen Cashflows einer Anleihe. Bei steigenden Zinsen verlieren bestehende Anleihen im Portfolio an Wert.

Alternative Anlagen 

Sollte sich unsere Annahme einer reflationären zweiten Amtszeit Trumps bestätigen, könnten Rohstoffe ebenfalls profitieren. Das höhere Wirtschaftswachstum sollte dieser zyklischen Anlageklasse zugutekommen. Während Gold zeitweise von erhöhter geopolitischer Unsicherheit profitieren könnte, dürften die höheren Zinsen und der stärkere US-Dollar auf dem Edelmetall lasten (die realen Zinsen und der US-Dollar entwickeln sich in der Regel in entgegengesetzter Richtung zum Goldpreis).

 

 

 

 


1. «Swing»-Staaten sind US-Bundesstaaten, in denen vor der Wahl keine klare Präferenz für einen Kandidaten erkennbar ist. Bevölkerungsreiche «Swing»-Staaten beeinflussten in der Vergangenheit oftmals den Wahlausgang. 2024 gelten Arizona, Nevada, Georgia, Michigan, Pennsylvania, und Wisconsin als «Swing»-Staaten.
2. Als Mittelschicht definieren wir alle Haushalte, die zwischen dem 20. und 80. Einkommens-Perzentil liegen.
3. Die «Entity List» ist eine von der US-Regierung geführte Liste ausländischer Personen, Unternehmen und Organisationen, die als nationales Sicherheitsrisiko eingestuft werden und für die bei der Ausfuhr bestimmter Technologien und Güter Ausfuhrbeschränkungen und Lizenz-Anforderungen gelten.

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