Die Anleihenmärkte 2021: neuer Zyklus, ähnliche Strategie

TwentyFour
Artikel 12 Minuten

Bevor meine Kollegen und ich mit dem Ausblick für das kommende Jahr beginnen, nehmen wir stets einen Rückblick auf das vergangene Jahr vor. Es gab Jahre, in denen unsere Prognosen relativ zutreffend waren, in anderen Jahren jedoch traten Ereignisse ein, die unseren Ausblick praktisch nutzlos machten und uns zwangen, ihn umgehend anzupassen. Es ist wohl keine Überraschung, dass das Jahr 2020 in die letztere Kategorie fällt. Unsere Prognosen waren nicht vollkommen falsch, da wir uns Anfang 2020 noch umfassend mit der klassischen Strategie am Ende eines Konjunkturzyklus befassten, doch eine globale Rezession in den nächsten zwölf Monaten hatten wir nicht auf dem Radarschirm.

Wenn wir auf den Beginn der COVID-19-Krise zurückblicken, gab es niemals zuvor einen Punkt, in dem wir unsere Einschätzungen (und unsere Portfolios) so schnell anpassen mussten. Es waren die volatilsten Monate der Wirtschaftsgeschichte, die wir jemals erlebt hatten. Wieder einmal war es eine Überraschung beziehungsweise ein Schock für das gesamte System, der die Wirtschaft am Ende eines Konjunkturzyklus erfasste, sie komplett auf den Kopf stellte und die Welt auf dramatische Weise in eine Rezession stürzte. Obwohl wir nicht für eine Rezession positioniert waren, was sich natürlich als kostspielig erwies, hat unsere Strategie für den Ende eines Konjunkturzyklus letztlich doch dazu beigetragen, dass wir ausreichend Liquidität besassen, um die Chancen auf dem überverkauften Markt im März zu nutzen.

Natürlich hat jeder Konjunkturabschwung seine ganz eigenen Merkmale, aber seitdem die Erholung an Fahrt gewonnen hat, zeigt sie viele typische Charakteristika, wenn auch in einem nie dagewesenen Tempo. Und unserer Meinung nach wird die Geschwindigkeit der Erholung voraussichtlich eines der prägendsten Merkmale dieser Konjunkturerholung sein. Dies könnte viel schneller als zuvor zu überhöhten Bewertungen führen, da sich die direkten und indirekten Folgen der aussergewöhnlichen Intervention der Zentralbanken und Regierungen weltweit unweigerlich auf den Finanzmärkten bemerkbar machen werden.

Vor diesem Hintergrund erwarten wir, dass 2021 ein gutes Jahr für risikoreiche Anleihen wird.

Unsere Prognosen basieren wie stets auf einigen grundlegenden Annahmen. Die erste ist die breitflächige Verteilung verschiedener Covid-19-Impfstoffe ab dem ersten Quartal, was die Rückkehr zu normaler Wirtschaftstätigkeit in den meisten Branchen und Regionen erleichtern sollte. Die zweite Annahme ist, dass die Unterstützung durch Staaten und Zentralbanken weiterhin gegeben ist, um die aktuelle Konjunkturerholung zu fördern. Dabei werden jedoch einige Branchen Opfer zu beklagen haben sowie Unterbrechungen in den Lieferketten sich negativ auf die Produktivität auswirken. Der allgemeine Trend wird jedoch klar sein, was die Märkte in der Regel honorieren. Zudem wird unserer Ansicht nach der Optimismus der Verbraucher im zweiten Quartal zurückkehren und die frustrierte, aufgestaute Nachfrage sollte die Ausgaben viel früher nach oben treiben, als wir dies in einem normalen Konjunkturzyklus sehen. Diese Entwicklung dürfte den Industrieländern zugutekommen, deren BIP vorwiegend durch privaten Konsum getrieben ist.

Wir beginnen wie gewohnt mit dem Aufbau der Zinskurven für die wichtigsten Staatsanleihen, und hierbei müssen zunächst die Zentralbanken betrachtet werden.

Die USA und die Fed

Eine Anlegerweisheit besagt: «Kämpfe niemals gegen die Fed». Doch die Tatsache, dass die US-Notenbank einvernehmlich mit dem US-Finanzministerium eine Reihe neuer Unterstützungsprogramme auf den Weg brachte, kam jedoch angesichts ihrer Auswirkungen auf die Konjunktur als auch auf die Finanzmärkte , für alle überraschend. Der Liquiditätsüberschuss war ein Merkmal eines im Jahresverlauf 2020 von technischen Faktoren bestimmten Markts, und wir gehen davon aus, dass dieser Trend sich auch 2021 fortsetzt, da die Fed zur Stützung der Anleihen und Hypothekenmärkte weiter monatliche Ankäufe von US-Treasuries in Höhe von 80 Milliarden US-Dollar sowie Ankäufe von Hypothekenpapieren in Höhe von 40 Milliarden US-Dollar tätigt. Wir gehen davon aus, dass die Fed weder die derzeitige Leitzinsspanne von 0.00–0.25% noch ihre sehr starke Forward Guidance für 2021 ändern wird. Dies dürfte eine Ankerfunktion für das kurze Ende der US-Zinskurve haben.

Das längere Ende der Zinskurve könnte jedoch bei einer anhaltenden Konjunkturerholung unter Druck geraten, insbesondere in der zweiten Jahreshälfte, wenn die Verbraucherstimmung sich weiter aufhellt. Unsere Einschätzung nach werden US-Treasuries mit längeren Laufzeiten von den Inflationserwartungen bestimmt, denen die Anleger anscheinend zu wenig Beachtung schenken. Wir rechnen nicht damit, dass die Inflation in den nächsten Jahren ein wesentliches Problem darstellen wird. Es scheint aber ein weitgehender Konsens darüber zu herrschen (der sich in den Marktpreisen widerspiegelt), dass sie grundsätzlich nicht zurückkehren wird. Einige Gründe sprechen dafür, dass es nicht viel bedarf, um die Anleger wachzurütteln und von dieser bequemen Einschätzung abzubringen und für negativen Druck auf Staatsanleihen mit längerer Laufzeit zu sorgen.

Erstens führt ein schwächerer Dollar als Anzeichen einer globalen Konjunkturerholung normalerweise zu einer Rallye an den Rohstoffmärkten. Zweitens dürften der steigende Optimismus einer Konjunkturerholung und eine bessere Verbraucherstimmung sehr positive Auswirkungen auf die konsumgetriebene US-Wirtschaft haben. Drittens könnte es eine umfassende geld- und fiskalpolitische Unterstützung geben, während die Erholung in vollem Gange ist. Dazu kommt, dass die Fed bereits erklärt hat, dass sie «Inflation Overshooting» und damit eine höhere Inflation als ihr Inflationsziel zulassen wird. Zu guter Letzt – und vielleicht auch am wichtigsten – schrumpfen Banken nicht länger ihre Bilanzen. Vielmehr erwarten wir, dass sie ihre Bilanzsummen bis zur zweiten Jahreshälfte 2021 in angemessenem Tempo erhöhen werden. Die Bilanzreduzierung der Banken war eine wesentliche inflationshemmende Kraft über weite Strecken des vorherigen Konjunkturzyklus, und dieser Effekt greift dieses Mal nicht.

Aufgrund all dieser Faktoren ist es kaum vorstellbar, dass sich US Treasuries 2021 gut entwickeln werden, bei anhaltender Intervention der Zentralbanken halten wir es jedoch für unwahrscheinlich, dass das Renditeniveau stark ansteigt. Unsere Prognose für die 10-jährigen Treasuries ist eine Rendite von 1.30% bis Jahresende, was zu Kursverlusten von ca. 4% für die risikolose Welt-Benchmark führt. Dies sorgt auch dafür, dass die US-Zinskurve die anfälligste der drei Zinskurven ist, die wir heute betrachten werden. Wir sind jedoch zuversichtlich, dass das kurze Ende der Zinskurve recht gut verankert bleibt.

Europa und die EZB

Im vergangenen Jahr führten wir die dringende Notwendigkeit fiskalpolitischer Massnahmen in Europa an, aber das war vor dem Beginn der Pandemie. Nun gibt es diese Massnahmen, und wir denken, dass sie zur Förderung der Konjunkturerholung auch bestehen bleiben werden.

Die EZB hat verschiedene mutige Unterstützungsprogramme ins Leben gerufen, darunter das neue Pandemic Emergency Purchase Programme (PEPP), das nun auf 1.850 Milliarden EUR aufgestockt wurde und mindestens bis Ende März 2022 läuft. Die Auswirkungen des PEPP auf die Märkte für Staatsanleihen in der Eurozone darf nicht unterschätzt werden. Die verbleibenden Mittel des Programms reichen bereits jetzt aus, das gesamte prognostizierte Nettoangebot von Staatsanleihen in der Eurozone im nächsten Jahr aufzukaufen, und mit der kürzlich beschlossenen Aufstockung um 500 Mrd. wird sich seine Kapazität auf die doppelte Menge der Nettoneuemissionen ausweiten. Dies schafft starke technische Faktoren für diesen Sektor und sorgt für eine äusserst stabile Zinskurve– selbst bei diesen extrem niedrigen Zinsen. Die grössten Gewinner des PEEP sollten italienische BTPs sein, die unserer Ansicht nach in den kommenden zwölf Monaten sich weiter den Renditen der Bundesanleihen annähern sollten. Wir prognostizieren, dass die 10-jährigen deutschen Bundesanleihen das Jahr 2021 bei ca. -40 Basispunkten (bp) abschliessen und die italienischen BTP Staatsanleihen sich auf rund 20 Basispunkten. reduzieren werden.

Darüber hinaus wird die EZB weiter ihr wirksamstes geldpolitisches Instrument einsetzen: gezielte längerfristige Refinanzierungsgeschäfte (targeted longer-term refinancing operations - TLTRO), mit denen Banken zu einem sehr attraktiven Zinssatz von -0.75% Mittel bereitgestellt werden, die sie auf gezielte Weise als Kredite an die Realwirtschaft weiterreichen können. Wir sind der Ansicht, dass dies viel besser funktioniert als Negativzinsen allein und ein Instrument ist, das die Bank of England als Alternative zu einem negativen Leitzins in Betracht ziehen sollte.

Grossbritannien und die Bank of England

Die britische Wirtschaft hat in den letzten fünf Jahren viel an Boden verloren und nun zusätzlich neun schwere Monate erlebt. Grossbritannien schneidet unter den G7-Staaten bei den meisten Kennzahlen bezüglich der Auswirkungen der Pandemie am schlechtesten ab.

Im Einklang mit der US-Treasury-Kurve und einer leichten Änderung der Inflationserwartungen prognostizieren wir, dass bis Ende des Jahres 2021 die Renditen von Gilts mit längerer Laufzeit geringfügig auf 0.40% ansteigen werden, woraus sich eine knapp negative Gesamtjahresrendite ergibt.

Konjunkturprogramme sind weiterhin unbedingt nötig, aber deren Finanzierung bereitet der derzeitigen Regierung Unbehagen. Dadurch befindet sich die Bank of England in der schlechtesten Situation der drei grossen Zentralbanken, die wir in diesem Ausblick betrachten. Wir denken, dass die quantitative Lockerung schrittweise erhöht wird, da die aktuelle Kapazität im Laufe des Jahres genutzt wird. Auch Negativzinsen werden häufig erwähnt, doch zu diesem Zeitpunkt besteht noch kein Konsens. Wir rechnen mit einer weiteren Zinssenkung, jedoch lediglich auf 0%. Trotz des geringen Umfangs dürfte der volle Effekt einer Reduzierung um 10 Basispunkte zumindest durch die Geschäftsbanken weitergeben werden, was bei einer Zinssenkung auf unter null nicht geschehen würde.

Darum haben wir die BoE aufgefordert, einen neuen negativen TLTRO-Zinssatz in Höhe von -0.25% einzuführen, mit dem es möglich wäre, die gesamten Vorteile eines negativen Zinssatzes wirksam an die Realwirtschaft weiterzugeben. Einige der Auswirkungen unseres vorgeschlagenen negativen TLTRO-Zinssatzes würden sich wahrscheinlich auch auf die Gilts niederschlagen, auch wenn dies nicht der Zweck dieser Massnahme ist. Es ist vielmehr eine Frage der Umsetzung und des zeitlichen Vorlaufs. Die geldpolitische Lockerung würde sicherlich auch dazu führen, dass die Zentralbank aktiv darauf hinwirkt, die Zinskurve so niedrig und flach wie möglich zu halten.

Fortsetzung der Rally am Anleihenmarkt

Betrachten wir zunächst Investment-Grade-Anleihen, da eine Erholung stets von Qualitätstiteln angeführt wird, und dieses Jahr stellte keine Ausnahme dar, insbesondere nachdem die Fed Investment-Grade-Anleihen unter ihren Schutzschirm nahm. Zum Jahreswechsel sollte man sich vor Augen halten, wie stark und schnell sich Investment-Grade-Anleihen erholt haben. US-Investment-Grade-Anleihen liegen nur 106 bp über Treasuries, während der niedrigste Spread im vorangegangenen Konjunkturzyklus im Januar 2018 bei 88 bp lag, europäische Investment-Grade-Anleihen liegen 89 bp über Bundesanleihen, während der niedrigste Spread im Februar 2018 bei 70 bp lag. Bei Investment-Grade-Anleihen in Pfund Sterling beträgt der Spread noch 118 bp ggü. Gilts, während der niedrigste Spread im Januar 2018 bei 104 bp lag.

Wir rechnen im nächsten Jahr mit niedrigeren Spreads, was ein knappes Jahr nach dem Beginn eines neuen Konjunkturzyklus aussergewöhnlich ist. Insbesondere, wenn man berücksichtigt, dass es neun Jahre gedauert hat, bis die Spreads nach der Finanzkrise 2008 eine solche Entwicklung vollzogen haben. Aufgrund des Anstiegs der Renditen der zugrundeliegenden Staatsanleihen wird sich der Spread weiter erodieren. Daher sollten wir bei der Entscheidung in Bezug auf ein Engagement in Investment-Grade-Anleihen berücksichtigen, welche der Staatsanleihen-Zinskurven am stabilsten sein wird. In Bezug auf die Gesamtrendite auf währungsneutraler Basis würden wir auf jeden Fall die Euro- und Pfund-Sterling-Zinskurve gegenüber der USD-Zinskurve bevorzugen.

Hochzinsanleihen sind deutlich attraktiver, insbesondere wenn wir die voraussichtliche Richtung von Kreditmigration und Ausfallraten berücksichtigen. Die negative Kreditmigration hat im zweiten Quartal ihren Höhepunkt erreicht, sich seitdem schrittweise verbessert und ist mittlerweile an einem Punkt angelangt, der darauf hindeutet, dass es Mitte 2021 mehr Heraufstufungen als Herabstufungen geben sollte, was jedoch von der Region abhängt. Die Ausfallraten für «Speculative Grade»-Anleihen waren wesentlich niedriger als selbst die optimistischsten Prognosen zu Beginn des Jahres verkündet hatten und dürften ihren Höchststand am Ende des ersten Quartals erreichen. Gegen Jahresende dürfte die Ausfallrate bei EUR-Hochzinsanleihen bei nur 4% liegen. Sie wird wahrscheinlich nicht mehr wesentlich ansteigen und dürfte bis Ende 2021 auf 3% oder sogar darunter sinken. Bei den USD-Hochzinsanleihen sind die Indizes prozyklischere Branchen übergewichtet (z. B. Energie), was sich generell in den Ausfallraten reflektiert. Aber auch hier denken wir nicht, dass die Ausfallraten über 7% steigen werden, bevor sie am Jahresende 2021 auf ein besser zu bewältigendes Niveau von 4% sinken.

Da positive Renditen Mangelware sind und vor dem Hintergrund der positiven wirtschaftlichen Entwicklung, rechnen wir nicht damit, dass sich viele Mainstream-Sektoren im Fixed-Income-Bereich nächstes Jahr besser entwickeln werden als der Hochzinssektor. Wir erwarten eine allgemeine Verringerung der Kreditrisiko-Spreads und Renditekonvergenz («Credit Compression») nach Ratingkategorie. Zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Blogs betrugen die Spreads von GBP-Hochzinsanleihen 464 bp, die von EUR-Hochzinsanleihen 366 bp Und die von USD-Hochzinsanleihen 425 bp Wir erwarten im Jahr 2021 eine Verringerung um 50 bp, 40 bp bzw. 30 bp in diesen Märkten. Da der mittlere Teil der Zinskurven viel besser verankert ist (die durchschnittliche Laufzeit der Kreditindizes für Hochzinsanleihen liegt nur bei knapp fünf Jahren), denken wir, dass Anleger hier ihre Zinsen sowie einige extra Prozentpunkte an Kapitalgewinn erzielen können. Man sollte sich vor Augen halten, dass die niedrigsten Spreads, die im November 2017 beobachtet wurden, im Falle von GBP-Hochzinsanleihen noch immer um 115 bp höher liegen, bei EUR-Hochzinsanleihen sind es 130 bp und bei USD-Hochzinsanleihen 99 bp Somit gibt es selbst nach der für 2021 prognostizierten Entwicklung im weiteren Konjunkturverlauf noch viel Spielraum für weitere Spread Reduzierungen.

Wir möchten zudem eine Reihe anderer Teilsektoren erwähnen, einschliesslich unseres Top-Picks für 2021. Dies ist erneut der Bankensektor und insbesondere der jetzt reife Markt für AT1-Anleihen (Additional Tier 1) oder CoCos. Wir waren stets der Meinung, dass es eine weitere Rezession brauchen würde, damit die Banken ihrer globalen Anlegerbasis zeigen können, dass sie nun ganz anders auf Krisen reagieren, nachdem sie ihre Widerstandsfähigkeit zehn Jahre lang aufbauen konnten. Das Gleiche gilt für die Bankaufsichtsbehörden, die entschlossene Massnahmen in Bezug auf Eigenkapitalpuffer sowie den Eigenkapitalerhalt im Wege der Einschränkung von Dividenden getroffen haben. Hierdurch konnten die Banken erhebliche Rückstellungen für Kreditausfälle bilden und trotzdem gleichzeitig ihre Eigenkapitalquote erhöhen. Es war sicherlich kein sehr gutes Jahr für ihre Ergebnisse oder ihre Aktienkurse, aber für die nachrangigen Anleihen der Banken, die seit nunmehr zwölf Jahren mit einem deutlichen Aufschlag gehandelt werden, war diese Veränderung bahnbrechend. Wir sind der Auffassung, dass dieser Aufschlag im Laufe des Konjunkturzyklus durch die Anleger strukturell erodiert wird. Diese Entwicklung hat bereits begonnen, aber es gibt noch viel Spielraum. Wir denken, dass sich der CoCo-Bond-Index im Jahr 2021 um 90 bp auf rund 325 bp verringern wird, wodurch Anleger einen Kupon und einen Kapitalgewinn in Höhe einiger Punkte erhalten sollten. Für Anleger, die in prozyklische Strategien investieren möchten, ist dies eine High-Conviction-Option, bei der sie sich nicht im Bereich der niedrigen Ratings oder unerwünschten Branchen bewegen müssen, bei denen die Ausfallrate wahrscheinlich am höchsten ist.

Eine weitere Möglichkeit um mehr prozyklisch zu investieren, ohne von den ursprünglichen Anleiheentscheidungen abzuweichen, kann man für Unternehmen mit überzeugender Kreditperspektive, bestehende Anleihen gegen Anleihen desselben Emittenten, die weiter nachrangig in seiner Kapitalstruktur sind austauschen. Die Spread-Differenz zwischen vorrangigen und nachrangigen Anleihen eines Emittenten hat sich während der stärksten Marktturbulenzen im ersten Quartal beträchtlich ausgeweitet. Wie bei jeder Erholungsphase rechnen wir mit einer Verringerung dieser Spreads im weiteren Konjunkturverlauf. Eine Credit-Compression-Variante mit geringerem Risiko für 2021 sind hybride Unternehmensanleihen.

Mögliche Fallstricke

Bevor ich zum Ende unseres recht optimistischen Ausblicks komme, möchte ich noch auf einige Fallstricke hinweisen, die es zu beachten gilt. Es gibt eine Reihe von Branchen, bei denen wir vorsichtiger sind, da sie sowohl strukturellen als auch zyklischen Problemen gegenüberstehen. Am stärksten sticht hier der konventionelle Einzelhandel hervor, aber auch der Automobilsektor durchläuft starke Veränderungen – ebenso wie Gewerbeimmobilien. Hier haben sich die Auswirkungen der strukturellen Veränderungen im Arbeitsverhalten jedoch noch nicht in den Bewertungen niedergeschlagen. Wir erwarten, dass dies im nächsten Jahr geschehen wird. Der Reisesektor ist ein weiterer Bereich, der zukünftig grosse Herausforderungen meistern muss. Regierungen werden sich bald auf die Einnahmenseite ihrer Bilanz konzentrieren müssen, daher werden wir uns von leicht besteuerbaren Branchen wie Glücksspiel fernhalten, die in den wichtigsten Anleiheindizes gut vertreten sind.

Wir möchten auch regulatorische Änderungen ansprechen. Wie bei der globalen Finanzkrise, als die Banken im Gegenzug für die ihnen bereitgestellten Rettungspakete in den nächsten zehn Jahren strukturelle Änderungen durchführen mussten, würde es uns nicht überraschen, wenn andere Branchen, die 2020 Unterstützung benötigten, ebenfalls regulatorische Auflagen erhalten, um ihre künftige Widerstandsfähigkeit zu sichern. Dies sollte generell Vorteile für Anleiheinhaber bringen, jedoch Nachteile für Aktionäre, da bei diesen Unternehmen die Dividenden begrenzt und das Kapital erhöht werden könnte. In der Regel reagieren Märkte zunächst negativ auf höhere regulatorische Branchenauflagen, doch diese Änderungen könnten – wie im Bankensektor nach der Finanzkrise 2008 – eine Reihe neuer Chancen für Anleiheinhaber mit sich bringen, wenn sich die Bilanzen in den von Auflagen betroffenen Branchen verbessern.

Wenn sich 2021 gemäss unseren Erwartungen entwickelt, würde es uns nicht wundern, wenn eine Neuausrichtung von der jetzigen expansiven Fiskalpolitik zu mehr Haushaltsdisziplin erfolgt. Den Märkten wird dies unter Umständen nicht gefallen, aber bis dahin sind es noch zwölf Monate, in denen viel passieren kann. Wir können uns nicht vorstellen, dass beispielsweise Deutschland in einem Zeitraum von zwölf Monaten von einer Nettokreditaufnahme des Bundes im Umfang von 200 Milliarden Euro auf null zurückfährt, doch das Land dürfte seine lockere Fiskalpolitik im Jahr 2022 erheblich zurückschrauben.

Unser Ausblick wäre ohne eine Stellungnahme zum Thema ESG nicht komplett. Wir waren überzeugt, dass 2020 das Jahr sein würde, in dem sich die Haltung der Anleger weltweit ändert und haben diesem so wichtigen Thema die Aufmerksamkeit geschenkt, die es verdient. Wir waren der Ansicht, dass Unternehmen, die nachhaltigere Entscheidungen treffen, mit geringeren Spreads belohnt würden und diejenigen, die hinter den Erwartungen zurückbleiben, durch höhere Fremdkapitalkosten bestraft würden. Dies ist aufgrund des vorherrschenden Themas der Pandemie in diesem Jahr nicht eingetreten, doch die Einstellung der Anleger hat sich gewandelt, und wir erwarten, dass sowohl Anleger als auch Unternehmen nächstes Jahr für gute Entscheidungen belohnt werden. Daher erwarten wir im Jahr 2021 zumindest eine Underperformance der «Nachhaltigkeitssünder».

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass wir im kommenden Jahr einen typischen Anfang eines Konjunkturzyklus erwarten, mit ähnlichen Strategien wie bei vergangenen Konjunkturerholungen, jedoch nuanciert aufgrund der besonderen Entwicklungen des Jahres 2020. Das Tempo der Marktbewegung wird ein Merkmal dieser Konjunkturerholung sein, da der Markt erkennt, dass viele dieser üblichen Trends ausgeprägt sind. Vor dem äusserst ungewöhnlichen technischen Hintergrund wird dies im weiteren Konjunkturverlauf die Renditen verringern. Die Nachfrage nach Erträgen war möglicherweise das Hauptthema des vergangenen Konjunkturzyklus und dürfte in diesem kommenden Zyklus noch mehr an Bedeutung gewinnen. Erträge lassen sich derzeit nur mit risikoreichen Anlagen erzielen, da die risikofreien Märkte wahrscheinlich weiter renditefrei bleiben, bis die Zinskurven nach oben angepasst werden. Wir erwarten daher, dass die Verringerung der globalen Kreditrisiko-Spreads im Jahr 2021 das Hauptthema für festverzinsliche Wertpapiere sein wird.

Abschliessend möchte ich mich bei unseren Lesern und Anlegern weltweit für Ihre enorme Unterstützung in diesem so dramatischen Jahr bedanken. Wir wissen Ihre kritischen Nachfragen zu schätzen und versuchen Sie, über unsere Einschätzungen der aktuellen Marktentwicklungen auf dem Laufenden zu halten. Ich hoffe, dass unsere Kommentare weiterhin von Nutzen für Sie sind.

 

 

 

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