Market Update: Eskalation in Nahost
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Zusammenfassung
- Die USA und Israel haben eine koordinierte Militäroperation gegen den Iran gestartet, bei der das iranische Oberhaupt Ayatollah Ali Khamenei und mehrere hochrangige Beamte ums Leben kamen.
- Der Iran reagierte mit Gegenangriffen mit ballistischen Raketen und Drohnen und zog damit Nachbarstaaten in den Konflikt hinein.
- Darüber hinaus deuteten iranische Beamte die Möglichkeit einer Schliessung der Strasse von Hormus an – oft als «die Öl-Arterie der Welt» bezeichnet –, was zu Turbulenzen an den globalen Ölmärkten führte und den wirtschaftlichen Fokus des Konflikts auf die Energiesicherheit verlagerte.
- Obwohl bisher keine kritische Öl-Infrastruktur getroffen wurde und Berichten zufolge einige Schiffe weiterhin die Meerenge passieren, ist die Region am Wochenende in eine Phase der verschärften Eskalation («Szenario 2») eingetreten.
- Wir halten an unserem taktischen Übergewicht in Rohstoffen fest, dase wir am 15. Januar implementierten.
Was ist passiert?
In der vergangenen Woche eskalierten die Spannungen in der Region zu einem offenen Konflikt. Am 28. Februar starteten die USA und Israel eine koordinierte Militäroperation, die von den USA als «Operation Epic Fury» und von Israel als «Operation Roaring Lion» bezeichnet wurde. Berichten von internationalen Medien zufolge richteten sich die Angriffe gegen über 500 Ziele im gesamten Iran, darunter Nuklearanlagen, Raketensilos und Kommandozentralen. Bemerkenswert ist, dass die Operation auch Angriffe in Teheran umfasste, bei denen das Oberhaupt des Iran, Ayatollah Ali Khamenei, sowie mehrere hochrangige Beamte ums Leben kamen.
Als Reaktion darauf startete der Iran ballistische Raketen und Drohnen, die nicht nur Israel, sondern auch US-Militäreinrichtungen und -Infrastruktur im Persischen Golf ins Visier nahmen. Auch Nachbarstaaten wurden in den Konflikt hineingezogen, darunter die Vereinigten Arabischen Emirate. Zudem haben die iranischen Revolutionsgarden Warnungen herausgegeben, dass «kein Schiff die Strasse von Hormus passieren darf», was die globalen Ölmärkte als alarmierendes Signal werteten und den Fokus des Konflikts auf Energieanlagen verlagerte. Die Situation eskalierte am Sonntag, dem 1. März, weiter, als mindestens drei Angriffe auf Schiffe gemeldet wurden.
Mehrere Reedereien haben angekündigt, dass sie ihre Aktivitäten rund um die Strasse von Hormus einstellen; Schiffe verkehren nur noch in deutlich reduziertem Umfang.
Wie reagierten die Finanzmärkte?
Die deutlichsten Auswirkungen waren an den Rohstoffmärkten zu beobachten. Der Preis für Rohöl der Sorte «Brent» stieg am frühen Montagmorgen um 4,4 US-Dollar pro Barrel, während die Sorte West Texas Intermediate (WTI) um 4,8 US-Dollar pro Barrel zulegte. Dies geschah, nachdem die Ölpreise seit Jahresbeginn bereits um mehr als 10 US-Dollar gestiegen waren (siehe Grafik 1). Unterdessen trieben Anleger, die nach sicheren Anlagen suchten, den Goldpreis auf 5373 US-Dollar pro Unze. Die Aktienmärkte notierten leicht schwächer, wobei die S&P-500-Futures um 0,95% nachgaben.
Szenario-Analyse und Auswirkungen auf den Ölpreis
Ende 2025 haben wir drei mögliche Szenarien für die weitere Entwicklung in Nahost skizziert (siehe Grafik 2). Wir sind nun in eine Phase der regionalen Eskalation eingetreten, obwohl zum Zeitpunkt dieses Market Updates keine kritische Öl-Infrastruktur zerstört wurde («Szenario 2»).
Wie geht es nun weiter?
Wichtige Mitglieder der Organisation erdölexportierender Länder und ihre Verbündeten (OPEC+) haben bereits reagiert. Die Gruppe der sogenannten «Freiwilligen acht» (Voluntary Eight; V8) – ein Zusammenschluss von acht grossen Ölproduzenten innerhalb des Bündnisses, darunter Saudi-Arabien, Russland und mehrere Golfstaaten, die direkt von den Raketenangriffen Teherans betroffen sind – kündigte am Sonntag eine über den Erwartungen liegende Erhöhung der Förderquoten um 206’000 Barrel pro Tag an. Vor dem Treffen hatten Analysten eine moderatere Erhöhung um rund 137’000 Barrel pro Tag prognostiziert. In ihrer Erklärung vermied die V8-Gruppe sorgfältig jeden direkten Bezug auf den anhaltenden Konflikt mit dem Iran, einem der Gründungsmitglieder der OPEC. Stattdessen führten sie die Produktionssteigerung auf «stabile globale Wirtschaftsaussichten und derzeit gesunde Marktgrundlagen» zurück.
Die Erhöhung der Produktionsquote mag zwar eine gewisse Entlastung bringen, wird aber erst im April in Kraft treten. Selbst dann ist es unwahrscheinlich, dass sie den Verlust der Ölversorgung kompensieren kann, wenn die Strasse von Hormus geschlossen wird.
Sollte die Meerenge geschlossen werden, würden wir uns in Szenario 3 («Langwieriger Konflikt» mit einer Wahrscheinlichkeit von 30 Prozent) wiederfinden. Eine Blockade oder erhebliche Beeinträchtigung des Schiffverkehrs in der Meerenge stellt das kritischste Risiko für die Weltwirtschaft dar. Täglich passieren etwa 20 Millionen Barrel Öl (dies entspricht etwa einem Fünftel des weltweiten Bedarfs) diese wichtige Wasserstrasse (siehe Grafik 3).
Aus unserer Sicht befinden sich das iranische Regime und seine Verbündeten derzeit in einer Zwickmühle – was jedoch nicht bedeutet, dass sie nicht in der Lage sind, Vergeltungsmassnahmen zu ergreifen, etwa durch den Einsatz von Drohnen. Mit dem Iran verbündete Gruppen wie die Houthi-Rebellen haben bereits gezeigt, dass sie mit kostengünstigen Drohnen erheblichen Schaden anrichten können. Eine weitere potenzielle Bedrohung geht von Seeminen aus, die wichtige Ölhandelsrouten unterbrechen könnten. Unserer Meinung nach dürfte bereits die blosse Gefahr von Angriffen in der Strasse von Hormus einige Öltanker davon abhalten, in der Region weiter zu operieren.
Fairerweise ist zu erwähnen, dass regionale und globale Akteure über bestimmte Hebel verfügen, um die Auswirkungen zu mildern. Eine solche Massnahme ist die Nutzung von Pipelines, um Rohöl direkt zu alternativen Häfen zu transportieren. Die saudische Ost-West-Pipeline, auch bekannt als Petroline, ermöglicht es Saudi-Arabien, Öl aus seinen östlichen Feldern in der Nähe des Persischen Golfs durch die Wüste zum Hafen von Yanbu am Roten Meer zu pumpen. Diese Route umgeht die Strasse von Hormus und hat eine geschätzte Kapazität von 5 Millionen Barrel pro Tag (mbpd). In ähnlicher Weise betreiben die Vereinigten Arabischen Emirate die Abu Dhabi Crude Oil Pipeline, die Rohöl aus den Habshan-Feldern im Landesinneren zum Hafen von Fujairah am Golf von Oman ausserhalb der Meerenge transportiert. Diese Pipeline hat eine Kapazität von etwa 1,5 bis 1,8 mbpd. Auch der Iran hat eine eigene Pipeline entwickelt, die Goreh-Jask-Pipeline, die vom Terminal Goreh in der Provinz Bushehr zum Terminal Jask östlich der Strasse von Hormus verläuft. Ihre Kapazität wird auf 300’000 Barrel pro Tag bis 1 mbpd geschätzt.
Zusammen könnten diese Pipelines eine Gesamtumgehungskapazität von etwa 7 bis 8 Millionen Barrel pro Tag bieten. Obwohl es sich um ein beträchtliches Volumen handelt, reicht dieses nicht aus, um die rund 20 mbpd an Öl und raffinierten Produkten zu decken, die normalerweise die Strasse von Hormus passieren. Ein weiterer wichtiger Faktor ist, dass Öl zwar über Pipelines transportiert werden kann, die Umleitung von Flüssigerdgas (LNG) sich jedoch weitaus schwieriger gestaltet. Katar, einer der weltweit grössten LNG-Exporteure, ist für den Transport seiner Tanker fast ausschliesslich auf die Strasse von Hormus angewiesen. Dies unterstreicht die anhaltende Bedeutung der Strasse als globaler Energieflaschenhals.
Nebst der Steigerung der OPEC-Fördermengen und den Pipeline-Lieferungen könnten die USA auch in Betracht ziehen, ihre strategischen Erdölreserven (SPR) anzuzapfen. Die SPR sind Notvorräte an Rohöl, die von der US-Regierung unterhalten werden. Sie wurden 1975 nach dem Öl-Embargo von 1973–1974 aufgebaut, um die Auswirkungen künftiger Unterbrechungen der Ölversorgung abzumildern. Die SPR ist die grösste staatliche Notfall-Ölreserve der Welt mit Lagerstätten in unterirdischen Salzkavernen entlang der Golfküste in Texas und Louisiana. Die SPR soll als Puffer gegen erhebliche Versorgungsunterbrechungen dienen, zum Beispiel bei geopolitischen Konflikten, Naturkatastrophen oder anderen Notfällen, die sich auf die Verfügbarkeit von Öl auswirken. Nach wiederholten Ölentnahmen unter der Biden-Regierung umfasst die strategische Ölreserve (SPR) derzeit nur noch 415 Millionen Barrel.
Implikationen für Portfolios
In unserer aktuellen Allokation bevorzugen wir weiterhin Aktien gegenüber Anleihen. Teile unseres Aktienportfolios könnten aufgrund des Konflikts vorübergehend unter Druck geraten. Denn Anleger wechseln häufig von Risikoanlagen wie Aktien zu sicheren Häfen wie Gold und dem Schweizer Franken. Besonders anfällig sind Sektoren, die stark vom Öl abhängig sind. Dazu zählen etwa die Luftfahrt und Fluggesellschaften, die mit höheren Kosten für Flugtreibstoff konfrontiert wären. Umgekehrt dürften Ölunternehmen von steigenden Ölpreisen profitieren. Die längerfristigen Auswirkungen auf die Aktienmärkte hängen jedoch von der Intensität und Dauer der Eskalation ab. Wenn die Ölversorgung nicht dauerhaft unterbrochen wird, ist mit einer Erholung der Aktienmärkte zu rechnen.
Aus unserer Sicht würde das Worst-Case-Szenario für die Aktienmärkte die Strasse von Hormus betreffen, wo eine Unterbrechung zu einem sprunghaften Anstieg der Ölpreise, einem Inflationsschub und Zinserhöhungen durch die Zentralbanken führen könnte. Ein solches Szenario wäre sowohl für die Aktien- als auch für die Anleihemärkte äusserst nachteilig. Dies ist jedoch nicht unser Basisszenario, da solche Entwicklungen kaum im Interesse vieler einflussreicher Akteure liegen. Donald Trump zum Beispiel dürfte vor den US-Zwischenwahlen niedrige Ölpreise bevorzugen und auch Nahost-Schwergewichte wie Saudi-Arabien dürften dem Chaos Stabilität vorziehen.
Zu guter Letzt sind Teile unserer aktuellen taktischen Allokation so positioniert, dass sie von einer weiteren Eskalation Auftrieb erhalten sollten. Im Januar haben wir Rohstoffe auf ein Übergewicht hochgestuft – nicht, weil wir auf eine Eskalation spekulierten, sondern zwecks Absicherung im Fall eines solchen Szenarios. Da mit iranischen Vergeltungsmassnahmen gegen die Öl-Infrastruktur und als Folge steigenden Ölpreisen zu rechnen ist, halten wir es derzeit nicht für angebracht, unser Übergewicht in Rohstoffen wieder zu reduzieren.
Wir werden die Situation weiterhin genau beobachten und bei Bedarf unsere Strategie anpassen.