Quality Growth
Experten im Segment Globale Aktien seit 1984.
Sie sind an einem weissen Sandstrand. Sie breiten ihr Badetuch aus, spannen einen Sonnenschirm auf und möchten sich hinlegen und den Tag geniessen. Dann wird eine Plastikflasche angespült. Und dann noch eine, gefolgt von einer weiteren. Auf der Seite einer Flasche ist der Name Ihres Lieblingsgetränks aufgedruckt. Die nächste ist von der Shampoo-Marke, die Sie benutzen. Und die letzte Flasche ist Ihr Waschmittel. So haben sich Brand Manager ihr Marketing wohl eher nicht vorgestellt.
Sie als Verbraucher sind verärgert und überlegen beim nächsten Einkauf nun möglicherweise zweimal, ob Sie diese Produkte wieder kaufen. Sie erzählen Ihren Freunden davon, denen auch der Abfall von Markenherstellern aufgefallen ist. Dies führt dazu, dass sie die Produkte boykottieren. Diese Veränderung des Verbraucherverhaltens belastet letztendlich den Umsatz des Herstellers.
Sie setzen ein Schreiben an ihren Parlamentsvertreter auf. Die Regierung erlässt neue Bestimmungen, erhöht Steuern und Bussgelder, um Markeninhaber dazu anzuhalten, ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht zu werden und sich des Abfalls der Verbraucher anzunehmen.
Mit der richtigen Einstellung zu Nachhaltigkeit hätten Unternehmen dieses Dilemma womöglich gänzlich vermeiden können. Es geht dabei nicht nur um gute Taten, sondern um nachhaltige Geschäftsaktivitäten, um die wirtschaftliche Gesundheit des Unternehmens langfristig sicherzustellen. Durch Investitionen zum Schutz vor zukünftigen Problemen kann ein Unternehmen langfristiges Wachstum erzielen, in dem der grösste Wert steckt. Nachhaltigkeitsinitiativen stärken den Markenwert und vergrössern den Wettbewerbsvorteil eines Unternehmens. Anleger, Unternehmen, Branchen und Länder weltweit setzen Nachhaltigkeitsmassnahmen in unterschiedlichem Tempo und mit unterschiedlichem Engagement um.
Unserer Ansicht nach sind Unternehmen und Anleger besser beraten, wenn sie zukünftige Ausgaben antizipieren und bereits heute einplanen, bevor sie anfallen, da dies ihre Bewertungen dramatisch verändern kann. Für einige Unternehmen hat die Zukunft bereits begonnen.
Anleger investieren ihr Kapital aus unterschiedlichen Gründe in Unternehmen. Einige wünschen sich die bestmöglichen Renditen, während andere mit ihren Anlagen die Welt verbessern möchten. Manchmal überschneiden sich diese Wünsche, häufig aber nicht. Die Notwendigkeit nachhaltiger Praktiken kann sehr offensichtlich sein – man denke nur an die Vermeidung von Kinderarbeit in der Landwirtschaft oder von Tierversuchen für Kosmetikprodukte. Unternehmen, die in wasserarmen Regionen grosse Mengen von Wasser verbrauchen, müssen sich fraglos mit Wasserrückgewinnung und -wiederverwertung auseinandersetzen. Nachhaltigkeit als Geschäfts- oder Anlagestrategie ist in der Regel jedoch eine weniger eindeutige Frage. Man denke etwa an die Hersteller von Solaranlagen, die eine scheinbar nachhaltige Lösung für die klimaneutrale Stromproduktion anbieten. Allerdings handelt es sich häufig nicht um die rentabelsten Unternehmen. Einige stehen auch in Verdacht, Verbindung zu Zwangsarbeit zu haben. Analysen des gesamten Produktlebenszyklus werfen zudem Fragen im Zusammenhang mit der Mineralgewinnung vor der Herstellung und der Recyclingfähigkeit am Ende der Produktlebensdauer auf. Lösungen für diese und andere Nachhaltigkeitsfragen dürften in der Gegenwart zu höheren Kosten führen, sollten letztendlich aber der Kundenbindung und den Gewinnen zugutekommen, d. h. ein nachhaltigeres zugrunde liegendes Geschäft schaffen.
Die besten Unternehmensleitungen und Managementteams planen Nachhaltigkeitsmassnahmen in ihre Budgets ein, bevor es zu Problemen kommt. Dies lässt sich mit der regelmässigen Instandhaltung einer Fabrik oder mit Investitionen in F&E und mit langfristiger Markenpflege vergleichen. Einige Unternehmen ignorieren diese Notwendigkeit, andere praktizieren sogenanntes Greenwashing, um den schönen Schein zu wahren. Wieder andere untersuchen die potenziellen Risiken und Chancen für ihre Unternehmen und gehen dieses Problem an, dessen Lösung eine ganze Generation beschäftigen könnte. Es bleibt den Anlegern überlassen, zwischen all diesen Unternehmen zu differenzieren.
Die Verbraucher tun dies bereits mehrheitlich. Die Schätzungen variieren zwar, aber der Trend ist eindeutig – Nachhaltigkeit ist Verbrauchern wichtig. Nestlé schätzt, dass 60% der Käufer heute die Nachhaltigkeit einer Marke beim Einkauf berücksichtigen, im letzten Jahr waren es 50%. Hierbei handelt es sich nicht um Verbraucher aus Nischenbereichen oder ausschliesslich Angehörige der Generation Z, sondern um Durchschnittsverbraucher aus allen Generationen. Bei diesen neuen Verbraucherentscheidungen geht es nicht nur um Produkt- oder Markenboykotts, es handelt sich um aktive Kaufentscheidungen für ein Produkt, das mit Werten der Verbraucher im Einklang steht (Grafik 1). Eine Umfrage von Deloitte hat ergeben, dass 66% der Verbraucher bereit sind, mehr für ein sozial verantwortliches, nachhaltiges Produkt zu zahlen. 19% sind bereit, 11–20% mehr zu bezahlen (Grafik 2).
Ökologische und soziale Faktoren beim Einkauf sind nicht die einzigen Punkte, die Verbrauchern wichtig sind. Preis, Geschmack, Geruch, Wirksamkeit und Verpackung spielen ebenfalls eine Rolle. Ein Produkt muss, um wettbewerbsfähig zu sein, heutzutage viel mehr bieten als in der Vergangenheit. Marken haben traditionell eine emotionale Komponente und Unternehmen konnten die Botschaften im Zusammenhang mit den Emotionen, die Kunden mit dieser Marke verbinden, durch Werbung und Sponsoring steuern. Diese emotionale Komponente ist im Zeitalter der sozialen Medien flüchtiger geworden. Andere virale Kampagnen können sich dieser Botschaft bemächtigen und ein Produkt mit Wohlfühlfaktor in das Gegenteil verwandeln oder umgekehrt die Umsätze einer Marke ankurbeln, wenn diese anscheinend für die richtigen Werte steht.
Neben einem Preisaufschlag für nachhaltige Produkte hat die Umstellung auf ein nachhaltigeres Geschäftsmodell weitere grundlegende Vorteile. Ein geringerer Wasser- und Stromverbrauch und weniger Abfall senken die Betriebskosten. Sobald das Kapital zur Änderung der Geschäftsprozesse investiert wurde, lassen sich die laufenden Kosten reduzieren, was zu einem Wettbewerbsvorteil bei den Produktionskosten führt.
Nachhaltige Praktiken kommen auch der Unternehmensfinanzierung zugute: Grüne Anleihen und Darlehen können ein Wettbewerbsvorteil sein, da sie die Kapitalkosten senken. Beide werden zur Unterstützung von Umweltprojekten verwendet und bieten häufig steuerliche Anreize. Ein Beispiel: Anheuser-Busch Inbev (ABI) hat Anfang des Jahres die bisher höchste Kreditfazilität mit ESG-Bezug in Höhe von 10 Milliarden US-Dollar unterzeichnet, deren Konditionen an Nachhaltigkeitsziele geknüpft ist. Am anderen Ende des Spektrums haben Ratingagenturen die Ratings und Bonitätsausblicke von Ölgesellschaften als unmittelbare Folge des Klimawandels und der Transformationskosten herabgestuft, wodurch die Kapitalkosten des Sektors gestiegen sind. ExxonMobil wurde von Moody’s kürzlich mit folgender Begründung herabgestuft: «[…] die Volatilität und Unsicherheit wird mittel- bis langfristig steigen angesichts der zunehmenden Anstrengungen vieler Staaten, die Auswirkungen des Klimawandels durch Steuern und regulatorische Massnahmen zu mindern, die die globale Nachfrage zu anderen Energiequellen oder Energieeinsparung verlagern sollen.»
Qualitätsmanagementteams tätigen bei einer Vielzahl von Projekten proaktiv Ausgaben, um diese dynamischen Nachhaltigkeitskräfte zu steuern. Ihre Pläne sehen eine Klimaneutralität zumindest bei Scope 1 und Scope 2 vor.1 Besonders zukunftsorientierte Teams arbeiten bereits an den breiter gefassten Scope-3-Emissionen. Andere Unternehmen wechseln zu Fair-Trade-Standards, die von externen Organisationen geprüft werden können. Viele Unternehmen arbeiten an der Vermeidung von Kunststoff bei Verpackungen oder entwickeln neue Verpackungstypen, die besser wiederverwendet oder recycelt werden können oder biologisch abbaubar sind, damit weniger Müll am Strassenrand landet, in Flüssen schwimmt und letztlich an dem eingangs erwähnten weissen Sandstrand angespült wird.
Der Preis für Nachhaltigkeit ist von Unternehmen zu Unternehmen verschieden, doch günstig ist Nachhaltigkeit nie zu haben. MSCI schätzt, dass allein im Hinblick auf das Regulierungsrisiko bei Kohlenstoffemissionen Energieunternehmen im Durchschnitt über 50% ihrer Marktkapitalisierung aufwenden müssen, um die Ziele des Klimaübereinkommens von Paris zu erreichen. Bei Unternehmen aus den Gesundheitssektor hingegen beläuft sich der Wert auf nur 2% (Grafik 3). Analysemodelle und Schätzung enthalten diese Kosten in der Regel erst dann, wenn Unternehmen solche Ausgaben ankündigen oder sich die gesetzlichen Rahmenbedingungen ändern. Es kann sogar, um alles noch weiter zu erschweren, im selben Sektor grosse Unterschiede bei den notwendigen Nachhaltigkeitsausgaben geben.
Anleger müssen diese Unterschiede zwischen und innerhalb der Sektoren verstehen, um die anstehenden Herausforderungen einschätzen zu können. Beispielsweise ist es innerhalb des Konsumgütersektors für die Lebensmittelhersteller schwieriger, die Emissionsziele von Scope 3 zu erreichen als für Unternehmen im Bereich Haushalt und Körperpflege. Beide sehen sich Herausforderungen im Bereich Verpackung gegenüber, aber selbst wenn ein Lebensmittelhersteller eine kohlenstofffreie Produktion in seinen Fertigungsstätten erreicht, wird dies zunehmen als unzureichend betrachtet werden. Die Zulieferer von Lebensmittelherstellern können kohlenstoffintensive Dünger einsetzen und von Milchkühen abhängig sein, die das Treibhausgas Methan ausstoßen. Die überwiegende Mehrheit von Treibhausgasen stammt aus diesem erweiterten Scope.
Viele Unternehmen beziffern die Kosten für ihre Nachhaltigkeitsprojekte nicht gesondert. Eine Ausnahme ist Nestlé: Das Unternehmen hat angekündigt, dass es in den nächsten fünf Jahren 3.5 Milliarden US-Dollar für Initiativen zur Reduzierung von Kohlenstoffemissionen, 1.6 Milliarden US-Dollar für Verpackungen und 270 Millionen US-Dollar für einen Fonds zur Entwicklung nachhaltiger Verpackung aufwenden will. Zusammen sind dies Ausgaben von knapp 1 Milliarde US-Dollar im Jahr. Gemessen an der Grösse von Nestlé, einem Unternehmen mit einer Marktkapitalisierung von 338 Milliarden US-Dollar, sind diese Ausgaben gar nicht hoch – sie machen weniger als 0.3% des Unternehmenswerts pro Jahr aus. Gemessen an den Gewinnen ist diese Investition für mehr Nachhaltigkeit bedeutender: Sie macht bis zu 8% des Unternehmensgewinns aus. Dieses Geld könnte für Dividenden, Aktienrückkäufe, Reinvestitionen in organisches Wachstum oder Akquisitionen verwendet werden.
Sind Nachhaltigkeitsausgaben Investition, die Unternehmenseigentümer tätigen sollten? Zyniker würden einwenden, dass 8% ein zu grosser Anteil am Gewinn ist, der an den Aktionären vorbei geht.
Was passiert, wenn Unternehmen einfach abwarten und die Vorabinvestitionen scheuen? Laut Erwartungen werden sich Verbraucher an einem gewissen Punkt von Marken und Unternehmen abwenden, die keinen Schwerpunkt auf Nachhaltigkeit legen, und sich nachhaltigeren Marken zuwenden. Darüber hinaus wird es gesetzliche Auflagen für diese Unternehmen geben, Emissionszertifikate zu kaufen oder andere Initiativen aufzulegen. Bussgelder könnten ebenfalls verhängt werden. Ein Unternehmen, das spät auf Nachhaltigkeit umschwenkt, wird wahrscheinlich ohnehin Investitionen in diesem Bereich tätigen müssen und verliert in der Zwischenzeit an Markenwert und Corporate Goodwill. Wenn ein Unternehmen die Klimabilanz seiner Lieferkette heute nicht verbessert, kann es später gezwungen sein, dieselben Änderungen doch vorzunehmen – und muss bis zur Umsetzung zusätzlich für Emissionszertifikate zu zahlen.
Managementteams könnten Nachhaltigkeitsmandate ignorieren, wenn sie nur kurzfristige Anleger hätten. Aber beides wäre eine riskante Wette darauf, dass wesentliche regulatorische oder gesellschaftliche Veränderungen nicht während ihrer Zuständigkeit stattfinden. Wir sind der Ansicht, dass jede fundierte Unternehmensanalyse für langfristige Anleger Nachhaltigkeitsbewertungen enthalten muss – unabhängig davon, ob das aktuelle Management dies für nötig hält. Aus Quality-Investing-Sicht ist eine geplante Ausgabe einer ungeplanten immer vorzuziehen. Und wir erwarten, dass Managementteams heute Nachhaltigkeitspläne vorlegen oder erklären können, warum sie keine entwickelt haben.
Ein (extremes) Beispiel für ein Unternehmen, das ESG-Risiken ignoriert hat, ist Vale, ein grosses staatliches Bergbauunternehmen in Brasilien, das E-, S- und G-Aspekte bei einem katastrophalen Vorfall missachtet hat: Im Jahr 2019 brach der Damm eines Absetzbeckens des Unternehmens in Brumadinho (Brasilien). Hunderte Menschen starben, viele davon waren Mitarbeiter von Vale. Etwa 300 km eines Flusses wurden verseucht. Schon vier Jahre zuvor war ein anderer Damm von Vale gebrochen. Das Unternehmen hatte also die Gelegenheit, aus den Fehlern zu lernen und Änderungen vorzunehmen, blieb aber untätig. Nach dem zweiten Dammbruch willigte das Unternehmen ein, Schadenersatz und Sanierungskosten in Höhe von 7 Milliarden US-Dollar zu zahlen. Zudem kündigte es die Ausserbetriebnahme ähnlicher Dämme an. Ein Managementteam mit einer langfristigen Denkweise hätte das Risiko erkannt und die nötigen Ausgaben frühzeitig getätigt, um eine menschliche und ökologische Katastrophe zu vermeiden. Stattdessen hat das Unternehmen kurzfristig gedacht, dass es rentabler sei, unsichere Absetzbecken mit giftigem Schlamm zu betreiben. Das Ergebnis? Der ehemalige CEO Fabio Schvartsman wurde zusammen mit 15 weiteren Führungskräften wegen Tötungs- und Umweltdelikten angeklagt. Der Aktie von Vale stürzte in den zwei Wochen nach dem Dammbruch um über 20% ab2.
Eine typische Folge in weniger gravierenden Fällen ist, dass die Marke aufgrund fehlender ESG-Investitionen im Laufe der Zeit an Wert verliert. Ein Unternehmen könnte über Jahre Kunden an nachhaltigere Marken verlieren, bis das Management endlich reagiert. Bei anderen Unternehmen kann die Vernichtung des Markenwerts plötzlich erfolgen – durch einen Dammbruch wie bei Vale oder eine Explosion in einer Produktionsstätte wie bei BP. Ein weiteres eindrückliches Beispiel ist die Explosion auf der Bohrplattform Deepwater Horizon im Jahr 2010, bei der elf Arbeiter getötet und viele andere verletzt wurden und die Bohrplattform zerstört wurde. Sie führte ausserdem zu einer der grössten Ölkatastrophen der Geschichte. Die geschätzten Kosten beliefen sich auf über 65 Milliarden US-Dollar, gegenüber den budgetierten Bohrkosten von 96 Millionen. BP wurde in der Folge von neuen Verträgen mit der US-Regierung ausgeschlossen.
Hat die mangelnde Sorgfalt abgesehen von den Bussgeldern noch mehr Geld aus Sicht der Aktionäre vernichtet? Dies ist schwer zu quantifizieren, wir gehen aber davon aus, dass es der Fall war. Wenn eine Ausschreibung für eine Mine oder ein Ölfeld ansteht – würden Sie als Entscheidungsträger den Zuschlag einem Unternehmen mit Umweltsünden erteilen oder einem ohne? Würden Sie für ein Unternehmen arbeiten wollen, das das Leben seiner Mitarbeiter aufs Spiel setzt?
Nach der BP-Katastrophe richtete die US-Regierung einen Untersuchungsausschuss ein, die National Commission on the BP Deepwater Horizon Oil Spill and Offshore Drilling, um die Gründe des Versagens zu untersuchen und Änderungsvorschläge zu unterbreiten. Das Vorwort des Empfehlungsberichts richtet sich zwar konkret an die Ölindustrie – und es ist nicht ohne Ironie, ausgerechnet hier Orientierung in Sachen Nachhaltigkeit zu suchen –, es enthält aber einen hilfreichen Rahmen, der sich auch für andere Arten von Unternehmen eignet3
Uns ist bewusst, dass die von uns empfohlenen Verbesserungen durchweg mit Kosten und mit Zeitaufwand für ihre Umsetzung verbunden sind. Doch Untätigkeit geht, wie uns vollkommen bewusst ist, ebenfalls mit dem Risiko realer Kosten einher: durch den Verlust von Menschenleben, durch weitreichende Schäden für die regionale Wirtschaft und ihren langfristigen Bestand und durch weitere vermeidbare Kosten in Milliardenhöhe für die Beseitigung von Ölverschmutzungen. Wenn die eindeutig bestehenden Herausforderungen nicht angegangen werden und es zu einer weiteren Katastrophe kommt, ist der gesamte Offshore-Energiesektor in Gefahr und damit die Wirtschaft und Sicherheit des Landes. Wir haben einen besseren Vorschlag: aus dieser Tragödie die richtigen Lehren ziehen, damit der Golf von Mexiko widerstandfähiger wird, die Energieversorgung unseres Landes sowie die Arbeitsbedingungen sicherer werden und unsere wertvollen natürlichen Ressourcen besser geschützt sind.
Anleger, Führungskräfte und Unternehmensleitungen können aus dieser Tragödie lernen: Nachhaltige Geschäftspraktiken sind mit Kosten und Zeitaufwand verbunden. Doch Untätigkeit ist ebenfalls mit unsichtbaren zukünftigen Kosten verbunden, die in der Regel viel höher sind als die Kosten für heute ergriffene Präventivmassnahmen.
Anleger auf dem öffentlichen Markt sind im Nachteil, wenn es darum geht zu beurteilen, ob ein Managementteam seine Verantwortung ernst nimmt. Im Gegensatz zu Nestlé beziffern viele Unternehmen die Kosten für die Umstellung auf Nachhaltigkeit nicht gesondert. Anleger müssen sich hier häufig auf die Unternehmensziele ohne die damit verbundenen Kostenschätzungen verlassen. Am besten sind konkrete Ziele, beispielsweise eine Reduzierung des Wasserverbrauchs oder der CO2-Emissionen um 20% in fünf Jahren, mit jährlichen Fortschrittsberichten. Unserer Erfahrung nach nehmen europäische Unternehmen hier eine Vorreiterrolle ein.
ESG-Bewertungssysteme können hilfreich sein, sind aber nicht ausreichend. Es gibt viele Anbieter von ESG-Bewertungen und es kommen ständig neue hinzu. Jeder hat einen anderen Blickwinkel, verwendet andere Input-Faktoren und kommt damit zu anderen Schlussfolgerungen. Anleger sollten ESG-Bewertungen nutzen wie Broker-Research – als ein Teil eines grösseren Puzzles. Aktive Manager, die langfristige Beziehungen mit Unternehmen aufgebaut haben, im Dialog mit Mitgliedern der Geschäftsleitung und des Verwaltungsrats stehen und eine Vorstellung davon haben, ob das Unternehmen kurzfristig oder langfristig orientiert ist, sind bei dieser Beurteilung im Vorteil. Der wichtigste Teil der ESG-Anstrengungen ist unserer Ansicht nach neben unabhängiger Stimmrechtsausübung das Engagement.
Mitarbeiterziele sind ein weiterer wichtiger Bereich, der betrachtet werden sollte. Anreize, die mit konkreten langfristigen Nachhaltigkeitszielen verknüpft sind, sollten zu besseren Ergebnissen führen. Wir beobachten ausserdem, dass Verwaltungsräte Nachhaltigkeitsziele zunehmend in Anreizpläne für leitende Führungskräfte aufnehmen.
Externe Partnerschaften von Unternehmen können ebenfalls ein Beleg für Nachhaltigkeitsinitiativen sein. Unilever arbeitet beispielsweise mit vielen NGOs zusammen, unterhält Partnerschaften mit innovativen Unternehmen und ist in Arbeitsgruppen zu Nachhaltigkeitsthemen vertreten. Einer der Partner von Unilever ist das Unternehmen Loop, das gängige Markenprodukte wie Dove und Hellmann’s in wiederverwertbaren Behältern verkauft. Unilever ist zusammen mit Diageo und anderen Unternehmen Teil von Pulpex und arbeitet an der Produktion von Papierflaschen aus Holzfaserzellstoff, um die Verwendung von Einwegplastik zu reduzieren. Unilever besitzt 26 Marken, die die Vorgaben des Programms «Global Beauty Without Bunnies» von PETA für tierversuchsfreie Produkte erfüllen, hat eine Auszeichnung der Humane Society erhalten und arbeitet zusammen mit der US-Umweltbehörde EPA an Möglichkeiten zum tierversuchsfreien Testen von Chemikalien in Verbraucherprodukten. Solche Aktivitäten geben Anlegern das Vertrauen, dass das Management seine ESG-Verantwortung ernst nimmt.
Wir sind der Ansicht, dass Investitionen in Nachhaltigkeit eine entscheidende Rolle beim Schutz des Image und der Stärkung der Marke eines Unternehmens spielen und somit ein wichtiger Faktor zur Maximierung der langfristigen Renditen der Aktionäre sind. Es wird weder günstig noch einfach sein, die sich ändernden Kundenwünsche und gesetzlichen Vorgaben zu erfüllen. Doch jede Verzögerung wird letztlich den Umsatz belasten, zumal die Kosten früher oder später ohnehin anstehen werden – dann aber höher ausfallen und zur Unzeit kommen. Ein frühzeitiges Handeln hat auch den Vorteil, dass es die Kunden einbezieht und die Bindung und Gewinnung neuer Mitarbeiter unterstützt und damit langfristig zu Kosteneinsparungen führen kann. Kluge Verwaltungsräte und Führungskräfte denken bei diesen Themen voraus, was ihre Beziehungen zu allen Stakeholdern stärkt. Das ist nicht nur gut für den Planeten, sondern auch fürs Geschäft.
Für viele ist das Anlegen in Nachhaltigkeit eine Frage des gesunden Menschenverstandes. Für andere ist es eher eine bürokratische Zeitverschwendung mit lästigen neuen Bestimmungen. Für uns ist ESG ganz klar ein integraler Teil bei der Beurteilung der Unternehmensqualität, da Nachhaltigkeit wesentliche Auswirkungen auf den langfristigen Wert hat.
Für einen anderen Blickwinkel auf die vielen Facetten des Themas Nachhaltigkeit möchten wir Sie auf den Blog, Turning Stones , von Vontobel Quality Growth verweisen, in dem wir regelmässig Nachhaltigkeitsthemen beleuchten, die langfristige Anleger und Managementteams berücksichtigen sollten. Von der Vergütung des CEO, über den Wasserverbrauch bis hin zu moderner Sklaverei – Turning Stones deckt auf und untersucht Aspekte des modernen Anlegens, die Sie in der Business School nicht gelernt haben.
References
1. Das Greenhouse Gas Protocol legt die globalen Standards zur Messung und Handhabung von Treibhausgasemissionen fest und unterteilt dies in Scope 1, 2 und 3. Scope 1 umfasst Treibhausgas, dass direkt von einem Unternehmen emittiert wird, wie z. B. von Generatoren und Firmenfahrzeugen. Scope 2 sind Emissionen aus eingekauftem Strom für den Geschäftsbetrieb des Unternehmens. Scope 3 sind Emissionen aus der Wertschöpfungskette des Unternehmens von seinen Lieferanten (z. B. von Milchviehbetrieben bei Lebensmittelherstellern) bis zur Endnutzung und Entsorgung des Produkts.
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