mtx-Perspektiven: Die digitale Revolution in Lateinamerika nimmt Gestalt an

Conviction Equities Boutique
Artikel 7 Minuten

Kurz und bündig

  • Unzählige Menschen in Lateinamerika haben zu Beginn der Covid-19-Pandemie ihre allererste Onlinetransaktion überhaupt durchgeführt. Mit dieser neuen Mentalität dürfte die Marktdurchdringung im E-Commerce in der Region ein solides Wachstum erfahren.
  • Dennoch verfügt ein grosser Anteil der Bevölkerung weiterhin  über keinen oder nicht ausreichenden Bankzugang. Der wachsende Einfluss der FinTech-Branche könnte dazu beitragen, die Lücke zum Rest der Welt zu schliessen.
  • Bei der Schliessung dieser Lücke geht es auch um sozioökonomische Aspekte, die sich aus dem unzureichenden Zugang zu Finanzdienstleistungen ergeben, wie etwa dem fehlenden Zugang zu Verbraucherkrediten oder dem Mangel an Ersparnissen für die Pensionierung oder die Steuererhebung.

 

Willkommen bei der ersten Ausgabe dieses Jahres von mtx-Perspektiven!

Im Laufe dieses Jahres werden wir diese Viewpoints veröffentlichen, um interessante Entwicklungen in Branchen und Regionen in den Schwellenländern weltweit zu beleuchten. Bei mtx investieren wir in fundamentale Bottom-Up-Titel. Unser Schwerpunkt liegt klar auf branchenführenden Unternehmen, die das Potenzial haben, ihre Rentabilität im Laufe der Zeit zu verbessern. Aus diesem Grund verbringen wir einen wesentlichen Teil unser Zeit mit der Analyse der Branchenpositionierung und den möglichen Antriebskräften zukünftiger Rentabilität für Unternehmen. Im Rahmen der Serie mtx-Perspektiven versuchen wir, einige dieser Erkenntnisse regelmässig mit unseren Lesern zu teilen. Wie immer freuen wir uns über Feedback und Fragen. Kontaktieren Sie uns also gerne, wenn Sie etwas eingehender besprechen möchten.

Vorsicht, Lücke! Wie die digitale Revolution in Lateinamerika dazu beitragen kann, die Lücke zum Rest der Welt zu schliessen

«Nur Bares ist Wahres» ist weltweit ein gut bekanntes Sprichwort und es gibt nicht viele Regionen, in denen das relevanter ist als in Lateinamerika (LatAm). Mit einer geschätzten Bevölkerung von rund 650 Millionen Menschen (Weltbank, 2022) liegt die Region LatAm beim Zugang zu Banken und Finanzdienstleistungen weit hinter den meisten anderen Regionen der Welt zurück (Grafik 1). In der Tat haben laut Zahlen der Weltbank erstaunliche 120 Millionen Menschen in der Region (26 Prozent der Bevölkerung im Alter von 15 Jahren oder älter) keinen Zugang zu Bankdienstleistungen, d. h. sie haben kein Bankkonto bei einem Finanzinstitut oder einem Anbieter mobiler Zahlungsdienstleistungen. Wenn man zu dieser Zahl den Prozentsatz an Personen hinzunimmt, die keinen ausreichenden Zugang zu Banken haben, ist es wenig überraschend, dass ein wesentlicher Anteil der Transaktionen weiter in bar abgewickelt wird. Ein Forbes-Artikel1 schätzt diesen Wert 2022 auf ganze 58 Prozent der Einkäufe an den Verkaufsstellen.

2024-01-23_mtx-perspectivesllatin-america_chart1_de.png


Eine detailliertere Aufschlüsselung dieser Zahlen zeigt, dass es grosse Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern in der Region gibt. Mexiko, mit fast 128 Millionen Einwohnern das Land mit der zweitgrössten Bevölkerung, ist hinsichtlich des Zugangs zu Bankdienstleistungen ein Nachzügler (auch wenn die Daten für Mexiko etwas älter sind und sich der Abstand zu den anderen lateinamerikanischen Ländern möglicherweise etwas verringert hat). Auch wenn das Problem in Brasilien, dem grössten Land der Region mit einer Bevölkerung von 215 Millionen Menschen, nicht so akut ist, gibt es dennoch weiterhin wesentliches Verbesserungspotenzial im Vergleich zu den grössten Industrieländern wie den USA, Frankreich und Deutschland.

Problem und Chance

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass eine solche Situation ernsthafte sozioökonomische Probleme schafft und eine der Prioritäten der Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen (SDGs) untergräbt. Diese zielen darauf ab, sicherzustellen, dass alle Menschen gleiche Rechte haben, wenn es um wirtschaftliche Ressourcen, einschliesslich Finanzdienstleistungen, geht (Ziel 1: keine Armut). Die Probleme, mit denen ein grosser Teil der Bevölkerung konfrontiert ist, der keinen angemessenen Zugang zu Finanzdienstleistungen hat, sind weitreichend und vielfältig. So haben Millionen von Menschen keinen Zugang zu Verbraucherkrediten (z. B. Kreditkarten, Privatkredite), keine Ersparnisse oder Anlagen für das Rentenalter, keinen Onlinezugang zu Waren und Dienstleistungen, keine Sicherheit bei Transaktionen, sie fahren ohne oder mit unzureichender Autoversicherung und haben Probleme bei der Steuererhebung.

Auch wenn die offensichtliche Lösung des Problems bei den Banken der Region LatAm liegt, stellen wir fest, dass sich die Banken in Ländern wie Brasilien traditionell auf den reichsten Teil der Gesellschaft konzentriert haben. Stattdessen gibt es eine wachsende FinTech-Bewegung in der Region LatAm, die ein wichtiger Katalysator sein könnte, um die Lücke zwischen der Region und dem Rest der Welt zu schliessen. Auch wenn es viele Gewinner geben dürfte, wenn der Anteil der Bevölkerung ohne Zugang zu Banken sinkt (einschliesslich Verbraucher, Kreditgeber und lokaler Händler), glauben wir, dass es eine Gruppe von Unternehmen gibt, die davon erheblich profitieren könnte.

Der Anstieg des E-Commerce

Aufgrund des erheblichen Anteils an Transaktionen, die immer noch bar getätigt werden, ist es keine Überraschung, dass die Penetrationsrate für E-Commerce in LatAm hinter dem Rest der Welt zurückliegt. Schätzungen im Goldman Sachs eCommerce Handbook2 ( Grafik 2) sehen die Onlinepenetration in der Region 2022 bei rund 19 Prozent, was hinter dem Durchschnitt für Global Ex China von ca. 25 Prozent liegt.

2024-01-23_mtx-perspectivesllatin-america_chart2_de.png


Die Covid-19-Pandemie Anfang 2020 bedeutete jedoch, dass viele Menschen in der Region gezwungen waren, online zu gehen. In einem Artikel des Latin America Reports3 wird geschätzt, dass 13 Millionen Menschen in Lateinamerika zu Beginn der Pandemie zum allerersten Mal eine Onlinetransaktion getätigt haben. Mit dieser neuen Mentalität für so viele Menschen in der Region dürfte die Penetration des E-Commerce-Sektors in LatAm ein solides jährliches Wachstum im Vergleich zu seinem derzeitigen Niveau verzeichnen (Grafik 3).

2024-01-23_mtx-perspectivesllatin-america_chart3_de.png


Kriegt der Gewinner alles?

Nicht ganz, aber der E-Commerce-Markt in LatAm ist recht konzentriert, wo drei der grössten Akteure einen geschätzten Marktanteil von 42 Prozent im Jahr 2022 hatten. In Brasilien, das den Löwenanteil des E-Commerce-Marktes in LatAm ausmacht (ca. 41 Prozent laut einer Goldman-Sachs-Studie) ist die Dominanz dieser Marktführer mit einem Marktanteil von 59 Prozent sogar noch ausgeprägter. Diese Dominanz ist nicht einfach zu replizieren, und Unternehmen, die die etablierten Unternehmen verdrängen wollen, müssten erhebliche Summen investieren, um auf dem Markt Fuss zu fassen.

Diese Unternehmen sind in der einzigartigen Lage, ihren Kunden kurzfristige Kreditfazilitäten anzubieten und dafür zu sorgen, dass mehr Menschen nicht länger zu denjenigen gehören, die keinen Zugang zu Finanzdienstleistungen haben, da sie sich im Gegensatz zu den Banken nicht auf die reichsten Teile der Gesellschaft konzentrieren. Ihre grossen Marktanteile und ihr einzigartiger Zugang zu Kundendaten ermöglichen es ihnen, dies in einer vernünftigen Art und Weise zu tun, wie es sich für Underwriting Credit Facilities gehört, was natürlich aus Renditegesichtspunkten wichtig ist. Durch die Ausweitung der Kreditfazilitäten binden sie auch ihre Kunden stärker in ihre Ökosysteme ein, was für die Kundenbindung von entscheidender Bedeutung ist und ihnen die Möglichkeit bieten kann, ihr Wachstum zu fördern und ihre operative Rentabilität zu steigern.

Neben dem E-Commerce-Sektor können auch andere Branchen in LatAm davon profitieren, die Lücke für Menschen ohne Zugang zu Banken zu schliessen, indem sie wichtige Finanzdienstleistungen und Schutzprodukte anbieten. Nehmen wir zum Beispiel Versicherungsgesellschaften. Obwohl alle Brasilianer über das öffentliche Gesundheitssystem versichert sind, hat laut Statistik weniger als ein Viertel der Brasilianer Zugang zu privaten Gesundheitseinrichtungen. Diese verfügen in der Regel über modernere Einrichtungen und haben natürlich kürzere Wartezeiten, was bei lebensbedrohlichen Krankheiten wie Krebs entscheidend sein kann. Viele der grösseren Versicherungsgesellschaften in der Region bieten oft eine umfassende Liste an Schutzprodukten an (wie Spar-, Lebens- und Fahrzeugversicherungsprodukte) und stellen Verbraucherkredite und Bildungskredite zur Verfügung. Diese Unternehmen können ebenfalls von einem soliden Wachstum profitieren, insbesondere da mehr Verbraucher aus der Kategorie «Menschen ohne Zugang zu Banken» herausfallen und offener dafür sind, die verschiedenen Arten von Finanz- und Schutzprodukten, die ihnen zur Verfügung stehen, und die verschiedenen Lösungen, die es für den Erwerb dieser Produkte gibt, zu erkunden.

Was sind die Hauptrisiken?

Wie bei allen Anlagen gibt es keine Gewissheit über die Ergebnisse und es gibt Risiken, die ernst genommen werden müssen. Dazu gehören ein verschärfter Wettbewerb und das Scheitern der beteiligten Unternehmen, ihre Strategien erfolgreich umzusetzen. Die zunehmende Regulierung ist ein weiteres Risiko, das wir nicht auf die leichte Schulter nehmen sollten, wenn wir uns vor Augen halten, was wir in anderen Teilen der Welt gesehen haben, wo die Behörden eingegriffen haben, um den Einfluss der E-Commerce-Giganten auf Finanzdienstleistungen zu begrenzen (wie Alibaba und Ant Group in China). Auch wenn grosse Länder wie Brasilien und Argentinien regelmässig ihre Vorschriften für persönliche Finanzierungen und Kreditkartenforderungen überprüfen, so scheint die Gefahr einer restriktiven Regulierung in LatAm nicht unmittelbar bevorzustehen. Dies ist darauf zurückzuführen, dass in diesen Ländern die Nachfrage nach Krediten und anderen Finanzprodukten hoch ist, was bedeutet, dass ein Gesetz, das den Zugang einschränkt, als unpopulär und schädlich für den Konsum und das Wirtschaftswachstum angesehen würde.

Eine bessere Zukunft?

Lateinamerika scheint auf dem richtigen Weg zu sein, was den Zugang zu Banken und Finanzdienstleistungen betrifft, was aus sozialer Sicht sehr positiv ist. In mancher Hinsicht hat die Covid-19-Pandemie eine Bewegung beschleunigt, die bestimmt irgendwann ohnehin stattgefunden hätte, und für die kommenden Jahre wird ein starkes Onlinewachstum erwartet. Dieses Wachstum eröffnet attraktive Chancen für Unternehmen, die in der Lage sind, denjenigen zu helfen, die noch keinen Zugang zu Banken haben. Wie wir bereits erörtert haben, könnten die grössten Gewinner E-Commerce und Versicherungen sein. Wir sehen hier eine attraktive Industriedynamik, die das Potenzial hat, in der Zukunft zu einer höheren Rentabilität zu führen, was genau dem entspricht, was wir für unsere Kunden suchen.

 

 

 

Über den Autor

Zugehörige Insights