Gerät die Energiewende ins Stocken?

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Am Montag, dem 28. April 2025, wurden grosse Teile Spaniens und Portugals in Dunkelheit gehüllt – als Folge eines Stromausfalls, der sich inzwischen als einer der gravierendsten Blackouts in Europa seit Jahrzehnten herausgestellt hat. Die mediale Aufmerksamkeit war gross, besonders mit Blick auf den Grossraum Madrid, in dem schätzungsweise fast sieben Millionen Menschen leben.1 Der abrupte Stillstand des öffentlichen Lebens wurde weltweit breit thematisiert: Fernzüge blieben stehen, das Metrosystem kam zum Erliegen, und Menschen konnten weder Waren noch Dienstleistungen bezahlen, da Mobilfunknetze und Internetverbindungen ausfielen sowie Geldautomaten kein Bargeld mehr ausgaben. Zudem wurde über ernstere, nicht finanzielle Folgen berichtet – tragischerweise auch über Todesfälle, die möglicherweise im Zusammenhang mit dem Blackout stehen. Aus unserer Sicht macht dieses Ereignis indes zentrale Schwachstellen sichtbar, die für alle Länder von Bedeutung sind, die ihre Stromnetze im Zuge der Dekarbonisierung umbauen.

Was hat den Stromausfall verursacht?

Am 17. Juni 2025 veröffentlichten spanische Ermittler einen Bericht, der einen Spannungsanstieg und die Unfähigkeit des Stromnetzes, diesen zu kontrollieren, als zentrale Ursache für den Stromausfall identifizierte. Spaniens Energieministerin Sara Aagesen bestätigte, dass mehrere Faktoren eine Rolle gespielt hätten. Sie wies Spekulationen zurück, wonach das Ereignis Auswirkungen auf die Haltung Spaniens gegenüber erneuerbaren Energien haben könnte.2 Diese Klarstellung ist bedeutsam, da vermutet wurde, dass der hohe Anteil erneuerbarer Energien (EE) im Strommix wenige Minuten vor dem Ausfall eine Mitursache gewesen sein könnte. Wie in der folgenden Grafik ersichtlich ist, lag der Anteil erneuerbarer Energien am spanischen Strommix im Jahr 2024 bei einem respektablen Niveau von rund 60 Prozent. Der Strom stammte vor allem aus Wind-, Solar- und Wasserkraft. Unmittelbar vor dem Stromausfall stieg der Anteil dieser erneuerbaren Energien jedoch auf über 80 Prozent. Angesichts der volatilen Einspeisung erneuerbarer Energien und der damit verbundenen Belastung für das Stromnetz vermuteten viele Beobachter, dass dies zumindest mitursächlich für den Ausfall war.

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Vor dem Hintergrund, dass Spanien bis 2030 einen Anteil von 81 Prozent erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung anstrebt3, stellt sich die Frage, ob das Stromnetz für einen derartigen Ausbau ausreichend vorbereitet ist. Diese Fragestellung ist auch für alle anderen Länder mit vergleichbaren Zielen von Bedeutung. Spanien verdient Anerkennung für seinen bereits heute hohen Anteil erneuerbarer Energien im Strommix und seine Ambitionen, diesen weiter zu steigern. Zum Vergleich: Die überarbeitete Richtlinie der Europäischen Union (EU) für erneuerbare Energien sieht vor, dass bis 2030 mindestens 42,5 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen stammen sollen, mit dem Ziel, 45 Prozent zu erreichen.4 Laut Europäischer Kommission würde dies «nahezu eine Verdopplung des derzeitigen Anteils erneuerbarer Energien in der EU» bedeuten.5 Auch das Vereinigte Königreich verfolgt seinerseits ehrgeizige Pläne und strebt an, bis 2030 mindestens 95 Prozent seines Stroms aus sauberen Quellen zu erzeugen und bis 2035 einen Anteil von 100 Prozent zu erreichen.6

Mit diesen in der Gesetzgebung europäischer Länder verankerten Zielen ergibt sich unseres Erachtens die Chance, aus den potenziellen Schwächen im Zusammenhang mit dem Stromausfall im April zu lernen und damit zu beginnen, die notwendigen Investitionen in ihre Stromnetze zu tätigen. So können Länder sicherstellen, dass ihre Netze an Widerstandsfähigkeit gewinnen, während der Anteil volatiler erneuerbarer Energiequellen stetig steigt. Ein solcher Wandel im Strommix bringt zwangsläufig technische, wirtschaftliche und regulatorische Herausforderungen mit sich. Die Bewältigung dieser Herausforderungen ist indes entscheidend, um Zuverlässigkeit, Effizienz und Stabilität der Stromnetze zu wahren. Netzinvestitionen und -ausgestaltung müssen künftig die Integration neuer Erzeugungskapazitäten ermöglichen und dabei offen für verschiedene Technologien sein – von erneuerbaren Energien bis hin zu kleinen modularen Kernreaktoren – und dabei auch bestehende Kraftwerke weiterhin einbinden.

Was das spanische Stromnetz betrifft, so wurden die Investitionen in Übertragung und Verteilung bislang nicht in dem Umfang getätigt, der für die Modernisierung eines rund 40 Jahre alten Netzes erforderlich gewesen wäre.7 Diese Einschätzung wurde auch in unseren jüngsten Gesprächen mit dem spanischen Energieversorger Iberdrola bestätigt. Das Unternehmen betonte, dass eine enge Zusammenarbeit zwischen Regierung, Netzbetreibern und Energieversorgern unerlässlich sei, um das Stromnetz zukunftsfähig auszubauen. Auch hierbei handelt es sich nicht um ein spezifisch spanisches, sondern um ein europaweites Problem. Die Investitionspläne der europäischen Netzbetreiber für den Zeitraum von 2024 bis 2050 belaufen sich auf rund EUR 1,8 Billionen und liegen damit unter den Schätzungen der Europäischen Kommission, die einen Bedarf zwischen EUR 2 Billionen und EUR 2,3 Billionen veranschlagt.8

Darüber hinaus muss auch die Nachfrageseite betrachtet werden, besonders angesichts des zunehmenden Einsatzes von KI und des damit verbundenen steigenden Bedarfs an Rechenleistung. Um nochmals auf das Beispiel Spanien zurückzukommen: Derzeit liegen Anschlussanfragen von Rechenzentren in Höhe von 19 Gigawatt (GW) vor – das entspricht mehr als 60 Prozent des aktuellen durchschnittlichen Stromverbrauchs des Landes. Auch diesbezüglich ist Spanien kein Einzelfall, denn auch in den grossen europäischen Knotenpunkten für Rechenzentren Frankfurt, London, Amsterdam, Paris und Dublin übersteigt die Nachfrage das Angebot bei Weitem.9

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Während die Notwendigkeit, in das Stromnetz zu investieren, durch die jüngsten Ereignisse in Spanien und Portugal ins Blickfeld gerückt ist, gehört sie bereits seit einiger Zeit zu den Überlegungen im Rahmen unserer Strategie «Global Environmental Change» (GEC). Dies zeigt sich beispielhaft in der Säule «Infrastruktur für saubere Energie», in der wir seit vielen Jahren substanziell in Unternehmen im Bereich Netzinfrastruktur und -ausrüstung investieren (siehe Grafik 3). Per Ende Dezember 2024 machten diese Unternehmen knapp 50 Prozent unserer Allokation innerhalb dieser Säule aus, was hauptsächlich zulasten von Anbietern sauberer Energietechnologien wie Solar- und Windkraftproduzenten ging. Aus unserer Sicht ist diese zunehmende Allokation in Wegbereiter der Netzinfrastruktur darauf zurückzuführen, dass deren Technologien und Lösungen strukturell notwendig sind, um die Ziele einer klimaneutralen Welt zu erreichen. Das macht diese Unternehmen aus einer zukunftsgerichteten fundamentalen Perspektive besonders attraktiv.

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Speicher können für noch mehr Stabilität sorgen

Zusätzlich zu den notwendigen Investitionen in das Stromnetz kann die Erhöhung der Speicherkapazität dazu beitragen, mehr Stabilität zu gewährleisten, während der Anteil erneuerbarer Energien zunimmt. Da erneuerbare Energien naturgemäss volatil sind, könnte die Möglichkeit, überschüssige Energie in besonders ertragreichen Zeiten – etwa an sehr windigen oder sonnigen Tagen – zu speichern, der Schlüssel zu zusätzlicher Stabilität sein. Freilich bietet dies auch die Chance, einen Teil dieser gespeicherten Energie an Tagen freizusetzen, an denen erneuerbare Energien weniger Ertrag bringen, wodurch der Bedarf an CO₂-emittierenden Energiequellen wie Gas sinkt. Ein Beispiel ist Grossbritannien: Ein kürzlich veröffentlichter Bericht hat aufgezeigt, wie kostspielig es sein kann, wenn das Netz die überschüssige Energie aus erneuerbaren Quellen nicht bewältigen kann und stattdessen fossile Brennstoffe wie Gas zugeschaltet werden müssen. Diese Methode zur Netzstabilisierung hat die britische Wirtschaft allein in diesem Jahr schätzungsweise mehr als GBP 500 Millionen (rund EUR 590 Millionen) gekostet.10

Es darf nicht vergessen werden, dass Speicherlösungen nichts Neues sind: Pumpspeicherkraftwerke gibt es beispielsweise bereits seit Jahrzehnten. Im Vereinigten Königreich sind derzeit vier Pumpspeicher- oder Wasserkraftwerke in Betrieb und fünf weitere sollen bis 2030 ans Netz gehen.11 Eine neuere Entwicklung ist hingegen die Integration von Batteriespeicherkapazitäten ins Stromnetz. Zurück zum Beispiel Spanien: Das Land plant, seine Batteriespeicherkapazitäten bis 2030 deutlich auszubauen, was auch in vielen anderen Ländern zu beobachten ist. Die gute Nachricht aus dieser Perspektive ist, dass die Preise bereits gesunken sind und voraussichtlich weiter fallen werden. Dieser Preisrückgang ist auf verschiedene Faktoren zurückzuführen, darunter kostengünstigere Technologien wie Lithium-Eisenphosphat-Batterien, Skaleneffekte sowie ein Überangebot beziehungsweise eine schwache Nachfrage in anderen Segmenten wie etwa Elektrofahrzeugen. Diese Entwicklung könnte den Regierungen die Möglichkeit eröffnen, ihre Zielvorgaben für die Speicherkapazitäten in den kommenden Jahren anzuheben. In diesem Zusammenhang sollten die Regulierungsbehörden auch eine Reform der Strommärkte in Betracht ziehen, die Kapazitätszahlungen, Zusatzvergütungen oder Echtzeitpreise einschliesst.

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Das Potenzial des Stromnetzes erschliessen

Die Elektrifizierung steht im Zentrum der Energiewende. Doch vielerorts wurde über viele Jahre hinweg unzureichend in die Stromnetze investiert, sodass sie modernisiert werden müssen, um widerstandsfähiger und flexibler zu werden. Das ist besonders entscheidend, da erneuerbare Energien in den kommenden Jahren einen immer grösseren Anteil an unserem Energiemix ausmachen werden. Aus unserer Sicht lässt sich ein drohender Stillstand durch verstärkte Investitionen und den Ausbau von Speicherkapazitäten überwinden, sodass das volle Potenzial der Netze freigesetzt werden kann.

 

 

 

 

 

1. www.idealista.com: «Madrid’s population in 2025: how many people live in Spain’s capital?», 31. März 2025
2. https://www.reuters.com/business/energy/investigation-into-spains-april-28-blackout-shows-no-evidence-cyberattack-2025-06-17/
3. https://commission.europa.eu/publications/spain-final-updated-necp-2021-2030-submitted-2024_en
4. https://energy.ec.europa.eu/topics/renewable-energy/renewable-energy-directive-targets-and-rules/renewable-energy-targets_en#the-2030-targets 
5. https://energy.ec.europa.eu/topics/renewable-energy/renewable-energy-directive-targets-and-rules/renewable-energy-targets_en#the-2030-targets
6. https://www.gov.uk/government/publications/clean-power-2030-action-plan/clean-power-2030-action-plan-a-new-era-of-clean-electricity-technical-annex
7. Goldman Sachs, «Why blackouts matter: a major pivot in Spanish energy policy lies ahead», 1. Mai 2025.
8. https://www.eca.europa.eu/en, «Ertüchtigung des EU-Stromnetzes verlangt energische Anstrengungen», 1. April 2025.
9. https://www.datacenterdynamics.com/en/news/cbre-data-center-demand-in-europe-outstrips-supply/
10. https://www.bbc.com/news/articles/cdedjnw8e85o
11. https://british-hydro.org/pumped-storage-hydropower/

 

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