Schwellenländeraktien: Neuer Glanz
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Kurz und bündig
- Die Schwellenländer (EM) sind wieder an der Spitze – nachdem sie jahrelang die Nachzügler waren, hat der MSCI EM im Jahr 2025 die US-Aktien übertroffen. Gestützt durch eine Neueinstufung der Bewertungen, günstige Währungsentwicklungen und Reformen erreichten EM-Aktien im bisherigen Jahresverlauf ein Plus von 27 Prozent.
- Die Kapitalflüsse sind wieder positiv – bis Mitte September 2025 flossen USD 2,7 Milliarden in EM-Aktienfonds, damit wurden die kräftigen Abflüsse des Vorjahres wieder umgekehrt. Der Grossteil der Neuallokationen entfiel auf ETFs.
- Strukturelle Faktoren unterstützen die Nachhaltigkeit der Entwicklung – der schwächere US-Dollar, weltweite Zinssenkungen sowie rekordhohe Aktionärsrenditen (die Aktienrückkäufe dürften 2025 etwa USD 110 Milliarden erreichen) lassen einen nachhaltigen Aufwärtszyklus der EM-Aktien erwarten.
- Die Unabhängigkeit nimmt zu – ein stärkerer Handel der Schwellenländer untereinander sowie ein kräftigerer Binnenkonsum senken die Abhängigkeit von den Industrieländern (Developed Markets, DM). Gleichzeitig sind die globalen Anleger in Schwellenländern nach wie vor untergewichtet, sodass ein weiterer Spielraum für Neuallokationen besteht.
Ein Jahrzehnt im Schatten
Einen Grossteil des vergangenen Jahrzehnts über haben Aktien aus Schwellenländern (EM) die Anleger enttäuscht. Trotz überzeugender Argumente hinsichtlich des Wirtschaftswachstums in Asien, Lateinamerika und Teilen Osteuropas blieb die Performance der Schwellenländer deutlich hinter den Industrienationen (Developed Markets, DM) zurück. Das gilt besonders für die USA, wo die Aktien der Mega-Technologieunternehmen für ausserordentliche Renditen sorgten. Mehrere Faktoren trugen zu dieser Underperformance bei: ein anhaltend starker US-Dollar (USD), wiederkehrende globale und regionale Krisen, eine unausgewogene Umsetzung der Politik in wichtigen Volkswirtschaften der Schwellenländer sowie eine kontinuierliche Verwässerung von Aktionärsgewinnen. Diese Einflüsse höhlten das Anlegervertrauen aus, sodass die Bewertungen der Schwellenländer unter denjenigen ihrer Pendants der Industrieländer lagen. Der Rückgang liess sich auch an den Kapitalflüssen beobachten: Die Netto-Rücknahmen der EM-Aktienfonds beliefen sich im Jahr 2024 auf mehr als USD 33 Milliarden. Dadurch ging ihr Anteil an den globalen Aktienanlagen 2024 auf nur noch 4,9 Prozent zurück. Daten von J.P. Morgan und EPFR Global zufolge war dies der tiefste Wert seit über einem Jahrzehnt. Viele globale Anleger hatten im Wesentlichen kapituliert und ihre Allokationen auf mehrjährige Tiefstwerte gesenkt.
Die Lage änderte sich 2025 jedoch entscheidend: Im bisherigen Jahresverlauf stieg der MSCI EM Index um etwa 27 Prozent und übertraf damit den Zuwachs des MSCI World Index von 17 Prozent bei Weitem. Diese Outperformance überzeugt nicht nur durch ihren Umfang, sondern auch durch ihre Breite. Verschiedene Regionen, Sektoren und politische Reformen tragen allesamt zur Hausse bei. Allerdings stammt fast die Hälfte der Indexgewinne von einigen wenigen Technologietiteln. Darüber hinaus weist der MSCI EM Index – ähnlich wie in den USA, wenn auch in geringerem Masse – eine Konzentration von Aktien auf, die durch das Thema der künstlichen Intelligenz (KI) beeinflusst werden.
Nach Jahren im Schatten holen die EM-Aktien jetzt nicht nur auf, sondern sie führen die globalen Aktienmärkte sogar an. Die Kapitalflüsse folgten der Performance. Daten von EPFR Global zufolge zogen die EM-Aktienfonds im bisherigen Jahresverlauf Netto-Zuflüsse in Höhe von USD 7 Milliarden an. Das ist das deutlichste Comeback des Anlegerinteresses seit dem Jahr 2023. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass die meisten Zuflüsse in ETFs erfolgten, während die aktiven Manager weitere Abflüsse verbuchten. Dies ist ein Signal dafür, dass die Anleger für den Wiedereinstieg in diese Anlageklasse vorerst noch ein passives, breit abgestütztes Engagement bevorzugen.
Warum die Schwellenländer im Jahr 2025 eine Outperformance erzielten
Die Hausse im laufenden Jahr beruhte nicht auf einem spektakulären Gewinnwachstum. Die aggregierten EM-Unternehmensgewinne tendierten im zweiten Quartal sogar seitwärts. Stattdessen war die treibende Kraft eine starke Neueinschätzung der Bewertungen in Kombination mit vorteilhaften Währungsimpulsen. J.P. Morgan zufolge gingen mehr als 70 Prozent der EM-Aktienrenditen in diesem Jahr auf eine Steigerung der Kurs-Gewinn-Verhältnisse sowie Währungsaufwertungen zurück – und nicht auf das Wachstum der Unternehmensgewinne. Dies spiegelt unserer Meinung nach die Erkenntnis der Anleger, dass die haushaltspolitischen Rahmenbedingungen stabiler sind, dass die Schuldenlasten inzwischen moderater ausfallen und dass sich die Governance in einigen wichtigen Märkten verbessert hat.
Die Abschwächung des US-Dollar war besonders wichtig. In der Vergangenheit waren Zinssenkungszyklen reaktiv und wurden durch Krisen angetrieben. Im Gegensatz dazu ist die aktuelle Lockerung der US-Notenbank Fed vorbeugender Natur und soll dazu dienen, das Wachstum aufrechtzuerhalten. Die Märkte erwarten nun zwei weitere Zinssenkungen bis zum Jahresende und die Lockerung sollte sich 2026 fortsetzen. Dieser Wandel hat eine bedeutende Abschwächung des Greenback eingeleitet, was wiederum die Währungen der Schwellenländer stützte. Dadurch sanken die Kosten für den Schuldendienst der auf US-Dollar lautenden Verbindlichkeiten und internationales Kapital floss wieder in die lokalen Aktienmärkte zurück.
Mit Blick auf die Unternehmensgewinne war die Stimmung insgesamt zwar gedämpft, doch waren einige wichtige Anzeichen für eine Verbesserung auszumachen. Der Umfang der Revisionen – das Verhältnis der Aufwärts- zu den Abwärtsrevisionen – verschob sich vier Monate in Folge immer mehr zu den Aufwärtsrevisionen, angeführt durch die europäischen Schwellenländer. Aber auch in China, Brasilien, Mexiko und Südafrika wurden die Schätzungen deutlich nach oben korrigiert. Die Konsenserwartungen rechnen in den Schwellenländern nun mit einem Gewinnwachstum von etwa 10 Prozent für 2025 und 13 Prozent für 2026. Bestimmte Sektoren wie Technologie, Kommunikationsdienste und Immobilien führen die Erholung an und kompensieren die Schwäche der konsumabhängigen Branchen.
Ein weiterer wichtiger Treiber war die Reformagenda wichtiger EM-Volkswirtschaften. In China beispielsweise ermutigte eine Welle von Kapitalmarktreformen die Unternehmen zu rekordhohen Aktienrückkäufen und höheren Dividendenausschüttungen. Die Dividendenrenditen im CSI 300 (Index der Aktienmärkte Shanghai und Shenzhen) erreichten daraufhin 10-Jahres-Hochs. Von gleicher Bedeutung waren die Bemühungen Pekings, die Effizienz der Unternehmen im Rahmen der sogenannten «Anti-Involution» zu stärken. Dabei soll ein zerstörerischer Wettbewerb vermieden werden und Ressourcen sollen stattdessen in Produktivität und Innovation fliessen. Ausserdem erneuerte die Regierung ihre Unterstützung privater Unternehmen. Südkorea machte mit der Initiative «Value-Up», die eine bessere Governance fördern soll, ebenfalls Fortschritte. Im Ergebnis stiegen die Aktienrückkäufe im Jahr 2024 um 82 Prozent und für das laufende Jahr wird eine weitere Dynamik erwartet. Unterdessen senkte die indische Regierung die Mehrwertsteuer (Goods and Services Tax, GST), um die Konsumnachfrage zu stützen. Diese Massnahme ergänzte die allgemeine politische Stossrichtung zur Förderung der Haushaltseinkommen und von Zuflüssen der Kleinanleger in Aktien. Gemeinsam unterstreichen diese Reformen eine aktionärsfreundlichere Unternehmenskultur sowie ein politisches Umfeld, das zunehmend auf ein langfristiges Wachstum und höhere Aktionärsrenditen ausgerichtet ist.
Zu guter Letzt trugen einige regionale Spitzenreiter zur Dynamik bei. So verzeichnete Südafrika im ersten Halbjahr ein Wachstum der Nettoerträge von über 30 Prozent, Taiwan erzielte zweistellige Zuwächse und kleinere Märkte wie Thailand und Peru meldeten ein Gewinnwachstum von 30 bis 40 Prozent. Diese Beispiele veranschaulichen die breite Basis der Hausse im Jahr 2025 und betonen, warum die Anleger in EM-Aktien langsam mehr sehen als nur ein taktisches Handelsgeschäft.
Warum der Ausblick freundlich bleibt
Mit Blick auf die Zukunft dürfte das Argument für eine Outperformance von EM-Aktien über das aktuelle Jahr hinaus andauern. Ein potenzieller struktureller Faktor, der eine erhebliche Rolle spielen könnte, ist die Abschwächung des US-Dollar. In der Vergangenheit ging eine Abwertung des US-Dollar um 10 Prozent in der Regel mit einer relativen Outperformance der EM-Aktien von etwa 9 Prozent einher. Da sich die US-Haushaltsdefizite ausweiten und die Manager der Währungsreserven aus dem US-Dollar umschichten und diversifizieren, während die Fed-Lockerung voranschreitet, sind die Bedingungen für einen schwächeren US-Dollar eindeutig gegeben. Die Aussenschulden der EM-Volkswirtschaften lauten häufig auf den US-Dollar, sodass dieser Trend sowohl die gesamtwirtschaftliche Stabilität als auch die Aktienbewertungen unterstützt.
Dieses Mal könnte die Abschwächung des US-Dollar indes nicht nur eine zyklische Begleiterscheinung der Fed-Zinssenkungen sein, sondern vielmehr Teil eines eher strukturellen Trends. Die USA verzeichnen hartnäckige Haushalts- und Leistungsbilanzdefizite. Das hat den Greenback in der Vergangenheit anfälliger für Abwertungen gemacht und diente dazu, externe Ungleichgewichte zu mindern. Gleichzeitig hat die steigende Nutzung des US-Dollar als geopolitisches Instrument zu einer beschleunigten Diversifizierung durch die globalen Reservemanager geführt. Viele von diesen schichten langsam aus dem US-Dollar in Gold und auf andere Währungen lautende Anlagen um. Zusammengenommen lassen die inländischen Ungleichgewichte der USA und die Diversifikation der internationalen Währungsreserven vermuten, dass die jahrzehntelange Dominanz des US-Dollar nun nachlässt. Rund zwei Drittel der Aussenschulden der Schwellenländer lauten auf den US-Dollar, wodurch ein kräftiger Rückenwind entsteht: Die Schuldenlasten sinken, Kapitalströme werden unterstützt und das verbessert die Performance von Aktien.
Aus historischer Sicht neigten die EM-Aktien bei starken Abwärtszyklen des US-Dollar zu einer kräftigen Hausse. UBS schätzt, dass eine Abwertung des US-Dollar um 10 Prozent in der Regel mit einer relativen Outperformance der EM-Aktien von 9 Prozent gegenüber ihren DM-Pendants einherging. Frühere Lockerungsphasen der Fed bestärken dieses Muster. In den Zyklen von 2003 bis 2007 sowie von 2010 bis 2013, als die Fed ihre Zinsen senkte und der US-Dollar sich abschwächte, erzielten EM-Aktien zweistellige annualisierte Renditen und übertrafen sowohl US-Aktien als auch europäische Aktien.
Auch der Hintergrund der globalen Geldpolitik begünstigt die Schwellenländer: Tiefere US-Zinsen schaffen einen Spielraum für EM-Zentralbanken, ihre Zinsen ebenfalls zu senken. Die meisten EM-Volkswirtschaften – mit der Ausnahme von Brasilien – befinden sich bereits im Lockerungsmodus, während die Inflation in die Zielspannen zurückfällt. Weil EM-Anleihen meist kürzere Laufzeiten haben und zinssensitiver sind als DM-Titel, werden diese Senkungen eine stärkere Wirkung entfalten, die Binnennachfrage ankurbeln und die Aktienperformance stärken.
Wie wir bereits in vorausgegangenen Artikeln betonten, ist das stetige Wachstum des EM-internen Handels eine weitere langfristige Unterstützung für EM-Aktien. Änderungen der globalen Lieferketten sowie neue Handelsabkommen, wie etwa die Regional Comprehensive Economic Partnership (RCEP), beschleunigen den Handel zwischen asiatischen Volkswirtschaften. Unterdessen verstärkt Lateinamerika seine Verbindungen mit der Rohstoffnachfrage in Asien. China hat die USA als grössten Handelspartner der meisten Volkswirtschaften in Asien und Afrika mittlerweile abgelöst. Und auf der anderen Seite ist die Association of Southeast Asian Nations (ASEAN) der wichtigste Handelspartner Chinas. Gleichzeitig treibt das stärkere Wachstum der Haushaltseinkommen in wichtigen Schwellenländern einen höheren Binnenkonsum an – von der wachsenden Mittelschicht in Indien bis hin zu steigenden Konsumausgaben in Brasilien und Südostasien. Als Resultat dieser Entwicklungen werden die EM-Volkswirtschaften resilienter und reduzieren mit Blick auf das Wirtschaftswachstum ihre Abhängigkeit von den Industrienationen. Für die Anleger stärkt diese grössere Selbstständigkeit das strukturelle Argument für EM-Aktien als Anlageklasse mit ihren eigenen klaren Treibern – und nicht nur als Wette auf das globale Wachstum.
Ein weiterer Faktor, der EM-Aktien unterstützt, ist die allmähliche Diversifizierung globaler Portfolios weg von US-Anlagen. Ein Anlegerumfrage von Morningstar weist für das vergangene Jahr eine klare Tendenz zur Reduzierung der US-Allokationen aus. Die Nettorückgänge fielen in Europa und in der Region Asien-Pazifik am deutlichsten aus, wo über 40 Prozent der Befragten angaben, ihre US-Anlagen reduziert zu haben. Die Gründe hierfür reichen von der Volatilität des US-Dollar und den Handelsspannungen bis hin zu regulatorischen Unsicherheiten in den USA. Gleichzeitig sind die EM-Aktienallokationen nach wie vor deutlich untergewichtet: Im Jahr 2025 machen Schwellenländer-Aktienfonds lediglich 5,1 Prozent der globalen verwalteten Aktienvermögen aus. Dieser Wert liegt deutlich unter dem mehrjährigen Durchschnitt von etwa 7 bis 8 Prozent, der in den Jahren 2016 bis 2018 verzeichnet wurde. Diese Kombination sinkender US-Gewichtungen und strukturell geringer EM-Allokationen schafft eine starke Gelegenheit für eine Neuausrichtung zugunsten von EM-Aktien.
Die Fundamentaldaten scheinen nun ebenfalls für die Schwellenländer zu sprechen. Die Gewinnrevisionen weiten sich aus, besonders in Asien. Zudem sind die Konsensprognosen eines zweistelligen Wachstums in den kommenden beiden Jahren gut abgestützt. Unterdessen entwickeln sich aktionärsfreundliche Praktiken zu einem prägenden Merkmal der Schwellenländer. Die Aktienrückkäufe sind im Jahr 2025 auf Kurs für ein neues Rekordhoch von USD 110 Milliarden – dieser Wert ist fast dreimal so hoch wie das Niveau von 2015. Ausserdem verharren die Dividenden in einer gesunden Spanne von 2,5 bis 3 Prozent. Mit Blick auf die Reformbemühungen stechen China und Südkorea hervor, doch ist dieser Trend in mehreren Regionen zu beobachten. Diese Änderungen spiegeln einen kulturellen Wandel der Kapitalallokation von Unternehmen wider und lassen vermuten, dass die Verbesserungen in der Governance von Dauer sein werden. Die Schwellenländer bieten Zugang zu breit gefächerten Wachstumsmöglichkeiten, die über Investments in den von der künstlichen Intelligenz angetriebenen Bereichen Halbleiter und Hardware hinausgehen. Der wachsende Binnenkonsum, die Energiewende sowie die fortschrittliche Fertigung werden als weitere zentrale Triebkräfte angesehen.
Fazit
Nach einer jahrzehntelangen Underperformance stehen EM-Aktien endlich wieder im Rampenlicht. Im Gegensatz zu früheren Haussen, die häufig flüchtig und nicht breit abgestützt waren, sind die aktuellen Treiber breit aufgestellt und strukturell: ein schwächerer US-Dollar, weltweit synchronisierte Zinssenkungen, eine stärkere Corporate Governance sowie eine neuerliche Verpflichtung zu Aktionärsrenditen. Unserer Ansicht nach umfassen die Bewertungen immer noch einen starken Abschlag. Weil das EM-Engagement der globalen Portfolios zudem nach wie vor untergewichtet ist, sehen wir ein erhebliches Potenzial für weitere Zuflüsse.
Wir sind der Meinung, dass dies nicht nur eine kurzfristige Erholung ist. Es entsteht das Fundament für einen nachhaltigeren Zyklus einer Outperformance und langfristig orientierte Anleger sollten sich diese Chance nicht entgehen lassen. Die Schwellenländer könnten sich also am Beginn einer glanzvollen Periode befinden.
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