Investors’ Outlook: Festen Tritts über heikles Gelände
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Kurz und bündig
- Zu den alarmierenden Ernüchterungen vom April gehörten die zunehmenden Spannungen in Nahost. Die Anleger behielten die drohende Eskalation und ihre möglichen Auswirkungen auf die Finanzmärkte fest im Auge, verloren aber auch die Zentralbanken und das Abschätzen des Zeitpunkts allfälliger Leitzins-Senkungen nicht aus dem Blickfeld.
- Ist es an der Zeit, das herkömmliche 60/40-Portfolio zu überdenken? Wir meinen, ja. Das einfache, nur aus Anleihen und Aktien bestehende Anlage-Portfolio, das der Generation unserer Eltern lieb war, dürfte seinen Zweck für die Generation unserer Kinder nicht mehr erfüllen.
- Das Vontobel Investment Committee hat Anleihen von neutral auf untergewichtet zurück- und im Gegenzug Rohstoffe von neutral auf übergewichtet hochgestuft.
Festen Tritts über heikles Gelände
Der April hat uns wieder einmal vor Augen geführt, wie unmittelbar und heftig sich geopolitische Spannungen auf Anlage-Portfolios auswirken können. Schon länger befassen sich viele Investoren in erster Linie mit dem Arbeitsmarkt, den Zinsen und der Inflation. Jetzt wird ihnen allmählich bewusst, dass nicht nur die konjunkturelle, sondern auch die geopolitische Lage den gefürchteten «Schwarzen Schwan» aufschrecken könnte.
Der Konflikt in Nahost eskalierte weiter, indem der Iran erstmals in der Geschichte Israel angriff. Dies verunsicherte die Anleger: Sie befürchteten einen möglichen Flächenbrand in der Region, in den die USA verwickelt werden könnten. Zugleich dauert der Krieg in der Ukraine an, wo Russland eine baldige Offensive plant1. Die Spannungen zwischen China und Taiwan bereiten den Anlegern zusätzliche Sorgen. Ausserdem dürfte das historische Wahljahr 2024 die Gesellschaft in den USA spalten.
Die Zunahme des CBOE Volatility Index (VIX)2 im laufenden Jahr spiegelt das erwachende Anlegerbewusstsein für die äusserst angespannte und fragmentierte geopolitische Lage, den Ölpreis-Anstieg und erneute Inflationsängste. Dies hat einen weltweiten Aktien-Ausverkauf bewirkt.
Zugleich steht das herkömmliche 60/40-Portfolio aus 60% Aktien und 40% Anleihen auf der Kippe, welches lange Zeit als Eckpfeiler diversifizierter Anlagestrategien gerühmt wurde. Diese klassische Portfolio-Strategie erlitt im Jahr 2022 einen so herben Schlag wie nie. Somit steht die Frage im Raum, ob sie auch in Zukunft langfristig Ertrag erzielen kann, indem sie kurzfristige Schwankungen abfedert, oder ob aufgrund struktureller Marktveränderungen ein Umdenken fällig ist. Wie können wir uns vor möglichen künftigen Wertverlusten am besten schützen? Müssen wir bei der herkömmlichen Anleihen-Allokation über die Bücher gehen? Gibt es womöglich einen triftigen Grund, weshalb zum Beispiel die Renditeaufschläge von Investment-Grade- und Hochzins- Unternehmensanleihen nicht höher sind? Vielleicht spiegeln sie nicht nur die gesunden Bilanzen der Unternehmen, sondern auch die aufgeblähte Verschuldung der G7-Staaten. Es kann gut sein, dass die Staatsanleihen-Allokation in 60/40-Portfolios künftig geringer sein wird, da Anleger nach wirksameren Möglichkeiten suchen, um das Risiko zu mindern.
Derzeit sind die Preise aller Vermögenswerte rekordhoch, von Kakao über Kryptowährungen bis hin zu Gold. Daher mag die Suche nach Alternativen zum Schutz vor Risiken schwierig erscheinen. Die Beimischung von liquiden alternativen Anlageklassen, etwa Katastrophen-Anleihen, kann als solide Diversifikation dienen und als Risikopuffer für Folgen geopolitischer Ereignisse oder turbulente Märkte. Selbst Rohstoffe, welche wohl die meisten für äusserst zyklisch und volatil halten, können einen gewissen Grad an Inflationsschutz bieten und eine Renditequelle ohne überhöhtes Risiko für Anleger sein. Der maximale Wertverlust (Maximum Drawdown) des Bloomberg Commodity Index weicht mit nahezu 30% seit Anfang 2022 nicht mehr weit von jenem der zehnjährigen US-Staatsanleihe ab, welche die meisten immer noch für risikolos halten. Klar ist, dass das einfache, nur aus Anleihen und Aktien bestehende Portfolio, welches der Generation unserer Eltern lieb war, seinen Zweck nicht mehr erfüllt für die Generation unserer Kinder.
In diesem Investors’ Outlook räumen wir einer frühzeitigen Analyse der bevorstehenden US-Präsidentschaftswahlen mehr Platz ein. Des Weiteren beleuchten wir, was eine Eskalation in Nahost für Rohstoffe bedeutet. Und wie immer erläutern wir unsere Asset Allocation.
1. Quelle: Institute for the Study of War. https://understandingwar.org/backgrounder/russian-offensive-campaign-assessment-april-26-2024
2. Der CBOE Volatility Index (VIX) drückt die erwartete Schwankungsbreite des US-Aktienindex S&P 500 aus. Der VIX wird von der Terminbörse Chicago Board Options Exchange in Echtzeit berechnet und veröffentlicht.